18.02.2014
Winterwunderland

Winter's Tale


"Was, wenn wir alle Teil eines großen Musters sind, das wir eines Tages verstehen werden?", heißt es am Ende von Akiva Goldsmans gefühlsseligem Kinodebüt. Womöglich erschließt sich jenes obskuren Tages auch mir die Handlung von "Winter's Tale". Dessen Figuren, ihre Aktionen und deren Zusammenhänge und der geflügelte Schimmel, der über den Himmel galoppiert sind mir ein Rätsel.

Winter's Tale: Colin Farrell, Jessica Brown FindlayUm das zu lösen habe ich wohlgemerkt einiges versucht. Erfolglos, leider – oder, halt, vielleicht zum Glück! Das, was die Wintermär von Mark Helprins Romanvorlage transportiert, ist nicht unbedingt die Art Erzählung, in die man sich gern vertiefen würde. Es sei denn man hat ein Faible für epische Beschreibungen von Schneelandschaften und wahrer Liebe. Die entflammt zwischen dem charmanten, wackeren Dieb Peter Lake (Colin Farrell) und der bildschönen, todkranken Beverly Penn (Jessica Brown Findlay). Beide stehen in der in einer alternativen Realität im New York der Empire-Zeit angesiedelten Geschichte auf unterschiedlichen Seiten von Leben und Tod, Arm und Reich, Standesprivileg und Ächtung. Zeit, die Taschentücher rauszuholen. Das gilt auch für die abgebrühtesten Verächter von Liebesschnulzen, denn wer nicht über die Tragödie der Figuren weint, heult über die miserable Inszenierung. Von der habe ich zugegeben die ersten 20 Minuten verpasst. Die Insuffizienz hat mich also nicht so hart getroffen wie etwa die Kollegin, die mich über die ersten 20 der über 120 Minuten Laufzeit erhellt. Bildlich gesprochen zumindest. Tatsächlich ist der Sinn der Anfangsereignisse mir weiterhin dunkel - wie der Rest des Films.

Winter's Tale: Eva Marie Saint Nichts vermag den aneinandergereihten Kitsch-Klischees narrative Schlüssigkeit zu verleihen. Was ich kapiert habe ist das mit dem Kampf von Gut und Böse. Peter Lake ist quasi eine Nicholas-Sparks-Kombination von Moses und Petrus und sein Gegner kein geringer als Satan. Der Abspann nennt ihn Judge, aber seine Freunde nenne ihn Luzifer oder kurz "Lou". So ein lässiger Spitzname ist nicht unbedingt geeignet, den Höllenfürsten bedrohlicher erscheinen zu lassen, erst recht, wenn er ein altes graues T-Shirt und Glitzerohrringe trägt. Mag sein, dass dies Teil der göttlichen Strafe für Luzifers Rebellion ist: ein peinliches Hipster-Outfit, unfähige Handlanger wie der dämonische Gangsterboss Pearly Soames (Russell Crowe), und dargestellt zu werden von Will Smith. Dass Will Smith im Kino das Böse ist, überrascht bei seiner Filmografie nicht weiter, aber das der Teufel ein Schwarzer ist, fällt innerhalb der visuellen Kodierung der Story allerdings auf. Schwarz ist keine vertrauenswürdige Farbe vor den aus dem Coca-Cola-Weihnachtsspot geklauten Kunstschnee-Kulissen. Das fliegende Pferd, das zuverlässig zu Peters Rettung eilt, ist die perlweiße Version von Black Beauty. Schwarz tragen dafür Crowe & Co. Mit Gangster-Style und Gesichtsnarbe erinnert er an eine Al-Capone-Karikatur, die für Peter einst väterliche Gefühle hegte. Statt eines Abklatschs von "Gangs of New York" folgt eher einer von "Im Auftrag des Teufels".

Winter's Tale Soames zieht nämlich bisweilen einen fiesen Dämonenflunsch und ist obendrein unsterblich. Oh, und Peter ist auch unsterblich, aber kriegt das jahrzehntelang nicht mit. Zum Glück erklärt es ihm nach einem chronologischen Sprung in die Gegenwart Virginia (Jennifer Connelly), die im Namen trägt, was Beverly physisch war. Genau, jungfräulich. Damit niemand hier an Zufall glaubt, verliert Beverly mit derselben umgehend ihr Leben. Sex ist offenbar too hot für Beverly, deren erhöhte Temperatur den Plastikschnee und Peters Herz schmelzen. Wer tuberkulös ist, muss cool bleiben, mittels leichtbekleideter Schneespaziergänge und Aus-Flüge auf Fury-in-weiß. Das Ross heißt Athansor, aber Peter spricht von ihm als "Spirit Horse". Moment mal: ein weißes "Spirit Horse"? Unsterblich? Dann ist Athansor das Pferd des "Lone Ranger"! Werden der Lone Ranger oder die Auftritte von Eva Marie Saint und William Hurt die flachgeistige Schneekugel-Schnulze noch retten? Ehrlich gesagt: nein.  

Lida Bach / Wertung: * (1 von 5) 
 

 David C. Lee, Warner Bros. Entertainment INC. - U.S., Canada, Bahamas & Bermuda, Village Roadshow Films (BVI)

 
Filmdaten 
 
Winter's Tale (Winter's Tale) 
 
USA 2014
Regie: Akiva Goldsman;
Darsteller: Colin Farrell (Peter Lake), Matt Bomer (junger Mann), Lucy Griffiths (junge Frau), Kevin Corrigan (Romeo Tan), Alan Doyle (Dingy Worthington), Russell Crowe (Pearly Soames), Jessica Brown Findlay (Beverly Penn), William Hurt (Isaac Penn), Maurice Jones (Cecil Mature), Mckayla Twiggs (junge Willa), Graham Greene (Humpstone John), Will Smith (Judge), Jennifer Connelly (Virginia Gamely), Ripley Sobo (Abby), Eva Marie Saint (alte Willa) u.a.;
Drehbuch: Akiva Goldsman nach dem Roman von Mark Helprin; Produzenten: Akiva Goldsman, Marc Platt, Michael Tadross; Kamera: Caleb Deschanel; Musik: Rupert Gregson-Williams, Hans Zimmer; Schnitt: Tim Squyres, Wayne Wahrman;

Länge: 117,52 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih von Warner Bros. Pictures Germany; deutscher Kinostart: 13. Februar 2014



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<18.02.2014>


Zitat

"Feigheit macht jede Staatsform zur Diktatur."

Regisseur Wolfgang Staudte

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