12.07.2017
Der deutsche Film zur Flüchtlingskrise

Willkommen bei den Hartmanns


"Das Leichte, das Unterhaltsame, ist schwer zu machen", meint RBB-Intendantin Dagmar Reim und hat Recht. Das gilt insbesondere, wenn es um eine Komödie geht, die ein im Grunde ernstes Thema behandelt, nämlich zum Beispiel die Aufnahme von Flüchtlingen in Deutschland. Dem schon lange bewährten Regisseur Simon Verhoeven ist das perfekt gelungen, mit seinem 2016 erschienenen Film "Willkommen bei den Hartmanns". Der hatte am Ende des Jahres über drei Millionen Zuschauer erreicht.

Die titelgebende Familie Hartmann, das sind: Chefarzt Richard (Heiner Lauterbach), die ehemalige Lehrerin Angelika (Senta Berger, bekanntlich die Mutter des Regisseurs), Tochter Sofie, 31 Jahre alt, Psychologiestudentin (Palina Rojinski), Sohn Philipp, erfolgreicher Anwalt, in Scheidung lebend (Florian David Fitz), und dessen Sohn Basti, 12 (Marinus Hohmann).

Angelika beschließt, einen Flüchtling aufzunehmen. Vater und Sohn sind strikt dagegen, die Tochter dafür. Schließlich wählen die Eltern in einer Flüchtlingsunterkunft den Nigerianer Diallo (Eric Kabongo) aus. Und aus diesem Schritt erwächst die turbulente Handlung.

Richard hat Probleme mit dem Älterwerden, ist nervös und unkonzentriert und gerät öfter mit dem jüngeren Arzt Tarek Berger (Elyas M'Barek, bekannt aus "Fack ju Göhte") aneinander. Tarek leitet eine Jogginggruppe für Flüchtlinge, an der Diallo teilnimmt. Der zeigt sich bei den Hartmanns sehr anstellig und arbeitet fleißig in Haus und Garten mit. Basti rettet seine gefährdete Versetzung, indem er in seiner Klasse ein eindringliches Video über die Flüchtlingsproblematik zeigt. Er hat Diallo mitgenommen, der über die Zerstörung seines Dorfes durch Boko-Haram-Terroristen berichtet.

Heike, eine überengagierte Freundin Angelikas (Ulrike Kriener), hat ohne Wissen der Hartmanns in deren Villa ein Riesenbegrüßungsfest mit Zirkusartisten organisiert, das aber recht chaotisch verläuft. Eine Nachbarin ruft die Polizei wegen Lärmbelästigung. Kurt, ein ständig abgewiesener Verehrer von Sofie, hält Diallo für einen gefährlichen Islamisten und bildet mit rechtsgerichteten Freunden eine "Mahnwache" mit Fackeln.

Diallo will Sofie und Tarek irgendwie zusammenbringen. Die sagen zwar, dass eine solche Methode in Deutschland nicht üblich ist, treffen sich aber zufällig und verlieben sich ineinander. In einer Disko treffen sie Richard, der inzwischen zu Hause nach Streitigkeiten mit Angelika ausgezogen ist. Diallo überredet ihn aber, nach Hause zurückzukehren. Diallos Asylantrag wird in einer Gerichtsverhandlung anerkannt.

Vor dem Haus der Hartmanns findet schon wieder eine Demonstration von Rechtsradikalen statt. Polizisten der Terrorabwehr stürmen das Haus, weil auch sie fälschlicherweise Diallo für einen Terroristen halten. Es klärt sich alles auf. Diallo feiert mit den Hartmanns, Heike und Tarek eine Party. Happy End, wie es sich für eine Komödie gehört.

Es ist erstaunlich, wie geschickt, nie peinlich oder gezwungen Verhoeven mit der nicht einfachen und hochemotional diskutierten Flüchtlingsproblematik umgeht. Dabei bekommen die verschiedenen "Typen", sowohl die bornierten Pegida-Typen wie die "Gutmenschen" aus der Alt-68er-Generation, ihr satirisches Fett weg. Die Familie Hartmann steht mit ihren unterschiedlichen Positionen gewissermaßen stellvertretend für die deutsche Gesellschaft, in einer Zeit, da sich diese Gesellschaft in Anhänger und Gegner des Merkel-Slogans "Wir schaffen das!" aufspaltet. Der Regisseur erklärte selbst: "Willkommen bei den Hartmanns ist sicher auch ein Stück Gesellschaftssatire und dabei politisch natürlich nicht immer korrekt. Ich denke, gerade in diesen Zeiten der allgemeinen deutschen Verwirrung und Anspannung ist es sehr wichtig, dass wir alle unseren Humor nicht verlieren und immer wieder über uns selbst schmunzeln können. In erster Linie wird der Film also eine große Komödie mit turbulenten Geschichten und echten, liebenswerten Figuren." So ist es. Der Film ist hervorragend besetzt. Heiner Lauterbach gibt den mürrischen Chefarzt mit durchaus selbstironischer Verve, die sanfte Senta Berger ist mit ihrer Begeisterung für das humane Werk der Flüchtlingshilfe sein Gegenpart. Dass es im Flüchtlingsheim auch radikale Islamisten gibt, wird übrigens keineswegs verschwiegen. Fitz spielt überzeugend den Workaholic, der aus Karrieregründen seinen Sohn vernachlässigt. Elyas M'Barek als Jungmediziner Dr. Tarek Berger hat eine recht kleine Rolle als fremdenfreundlicher Sympathieträger, dem man die Verbindung zu Hartmanns Tochter einfach gönnt, gerade weil der Vater zunächst dagegen ist. Vergessen wir nicht die eigentliche Hauptperson: Eric Kabongo spielt den liebenswerten Flüchtling als einen Menschen, der um seine verlorene Heimat trauert, aber in seiner neuen Heimat alles tun will, um sich zu integrieren. Dass er unserer westlichen Gesellschaft manchmal einen kritischen Spiegel vorhält, macht ihn besonders sympathisch. Zudem hat er Humor, z.B. sagt er (im Spaß!), dass er nur wegen Manuel Neuer nach Deutschland gekommen sei. Auch die Nebenrollen sind glänzend besetzt, so reizt etwa Uwe Ochsenknecht als überkandidelter Schönheitschirurg Dr. Sascha Heinrich, der Richard Botoxspitzen andreht, die Lachmuskeln.

Fazit: Der Film sorgt mit seinem Tempo und seiner manchmal irrwitzigen Situationskomik dafür, dass man sich nicht nur herzlich amüsieren kann, sondern zugleich ein (wenngleich satirisch überzeichnetes) Bild der derzeitigen politischen Lage Deutschlands vorgesetzt bekommt – jedenfalls in Bezug auf das Thema, das die Deutschen in den letzten Jahren am meisten beschäftigte. Und er leistet auch einen Beitrag zur Extremismusbekämpfung.

Im Übrigen ist es ja nicht uninteressant, dass die Familie Hartmann durchaus Ähnlichkeiten mit der berühmten Münchner Familie Verhoeven hat. Die Rolle der Mutter Angelika Hartmann spielt, wie schon erwähnt, Simon Verhoevens Mutter Senta Berger; Vater Hartmann ist Arzt, das ist auch der ursprüngliche Beruf von Simon Verhoevens Vater, dem Regisseur Michael Verhoeven. Der hat den Film mitproduziert. Das liberale, aufgeklärte Bürgertum spielt sich gewissermaßen selbst.  

Manfred Lauffs / Wertung: * * * * * (5 von 5) 
 

 

 
Filmdaten 
 
Willkommen bei den Hartmanns  
 
Deutschland 2016
Regie & Drehbuch: Simon Verhoeven;
Darsteller: Senta Berger (Angelika Hartmann), Heiner Lauterbach (Dr. Richard Hartmann), Florian David Fitz (Philipp Hartmann), Palina Rojinski (Sofie Hartmann), Eric Kabongo (Diallo Makabouri), Elyas M'Barek (Dr. Tarek Berger), Uwe Ochsenknecht (Dr. Sascha Heinrich), Ulrike Kriener (Heike Broscher), Eisi Gulp (Bernd Bader), Marinus Hohmann (Basti), Thilo Prothmann (Kurt Blümlein), Esther Kuhn (Clarissa) u.a.;
Produzenten: Quirin Berg, Max Wiedemann, Simon Verhoeven, Michael Verhoeven; Kamera: Jo Heim; Musik: Gary Go; Schnitt: Denis Bachter, Stefan Essl;

Länge: 116,05 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih von Warner Bros. Pictures Germany; deutscher Kinostart: 3. November 2016



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Zitat

"Ich war sehr erfolgreich damit, ein totaler Idiot zu sein." (über seine Karriere)

"Ich schaue die Welt mit Kinderaugen an." (über die Bewahrung seiner Kindlichkeit)

US-Komiker Jerry Lewis (16.03.1926-20.08.2017)

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