03.05.2023

Abgestumpfte Gesellschaft

Whity

Rainer Werner Fassbinder drehte 1971 dieses Familiendrama im Gewand eines Western. Nicht so bissig, nicht so treffend wie sonst schneidet der Autorenfilmer Themen wie Rassismus und eine dysfunktionale Familie an. Nach der Premiere auf der Berlinale 1971 folgte noch nicht einmal ein Kinostart, so dass "Whity" ein weniger bekannter Film Fassbinders blieb. Die Titelfigur ist ein schwarzer Diener eines Gutsbesitzer-Clans 1878 in den USA, gespielt vom häufig von Fassbinder eingesetzten Günther Kaufmann. "Whity" - der Name ist natürlich Ironie. Der junge Diener ist gleichzeitig unehelicher Sohn des Gutsbesitzers (mit markantem Gesicht sehr extrovertiert spielend: der australische Darsteller Ron Randell). Dieser hat zwei weitere Söhne und eine neue, junge Ehefrau, Katherine (Katrin Schaake), die intrigieren wird. Sie wünscht sich offen aussprechend den Tod ihres geistig zurückgebliebenen Stiefsohnes Davy (Harry Baer). Dabei bleibt es nicht. Irgendwann wünscht jeder den Tod des anderen - so wird es kommen. Und Diener Whity mittendrin.

Was gut erzählt beginnt, lässt Rainer Werner Fassbinder unausgegoren enden. Den Rassismus als Filmthema hat der Regisseur viel cleverer in "Angst essen Seele auf" (1974) aufbereitet. Im 1971er-Film wird Günther Kaufmanns Whity mal aus einem Saloon geprügelt, weil er schwarz ist. Von einem Cowboy, den Fassbinder selbst mimt. Später pokern sie im Saloon zusammen. Da ist der Rassenhass der Fassbinder-Figur unerklärlicherweise weg. In den Saloon kommt der Butler, weil er heimlich die Prostituierte und Sängerin Hanna (Hanna Schygulla) liebt. Sie will mit ihm fortgehen. Aber er möchte die Familie Nicholson nicht allein lassen. Auch wenn der uneheliche Vater ihn wie den Diener und nicht wie seinen Sohn behandelt. Assimilation klingt an. Aber klingt eben nur an. Seine anderen Söhne bezeichnet Ron Randells Figur Ben Nicholson als "krank": der eine geistig behindert, der andere homosexueller Transvestit (Ulli Lommel). Was hätte man aus der Thematik Schwulsein 1878 machen können. So ist Ulli Lommels Charakter nur eine blassgeschminkte Knallcharge.

Fassbinder wählt für seinen Film "Whity" einen nüchternen, lethargischen, fast einschläfernden Ton. Aber die Bildaufbauten sind grandios (Kamera: Michael Ballhaus), die Schauspieler gut in Szene gesetzt. Perfekt ist die Darstellung der Gefühlskälte einer abgestumpften Gesellschaft.

Dazu passt: Fassbinder sammelte beim Dreh von "Whity" Erfahrungen mit seinem streitenden Schauspielerkollektiv und gab sie im nachfolgenden Film "Warnung vor einer heiligen Nutte" (1971) wieder.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * * (3 von 5)



Filmdaten

Whity


Bundesrepublik Deutschland 1971
Regie & Drehbuch: Rainer Werner Fassbinder;
Darsteller: Günther Kaufmann (Whity), Ron Randell (Benjamin Nicholson), Hanna Schygulla (Hanna), Katrin Schaake (Katherine Nicholson), Harry Baer (Davy Nicholson), Ulli Lommel (Frank Nicholson), Tomás Martín Blanco (falscher mexikanischer Arzt), Stefano Capriati (Richter), Elaine Baker (Marpessa, Whitys Mutter), Mark Salvage (Sheriff), Helga Ballhaus (die Frau des Richters), Peter Berling, Rainer Werner Fassbinder, Kurt Raab;
Produzenten: Ulli Lommel, Peer Raben; Kamera: Michael Ballhaus; Musik: Peer Raben; Schnitt: Thea Eymèsz, Rainer Werner Fassbinder;

Länge: 95 Minuten; deutscher Kinostart: keiner



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Zitat

"Als Jugendlicher hab ich mich immer gefragt, wie die faschistischen Politiker der Zwischenkriegszeit Erfolg haben konnten, mit ihrem aggressiven Gebrüll und all dem Herumfuchteln, das auf mich vollkommen lächerlich gewirkt hat. Und jetzt sehe ich es wieder, und es ist wieder lächerlich, aber das Lachen ist mir vergangen."

Schauspieler, Regisseur und Kabarettist Josef Hader

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