03.09.2012
Der Widerstreit zwischen Tradition und Moderne bei den Maori

Whale Rider


In ihrem zweiten Kinofilm wendet sich die neuseeländische Regisseurin Niki Caro dem indigenen Volk der Maori zu, indem sie mit poetischer Bildgewalt und großer Einfühlsamkeit die bewegende Geschichte eines kleinen Mädchens inszeniert, das um Liebe und Anerkennung genauso kämpft wie um die Überwindung überkommener Dogmen.

Der Herkunftstmythos der Maori von Whangara erzählt, wie einst ihr Stammesvater Paikea nach dem Kentern seines Kanus von einem Wal bis zu den Ufern Neuseelands getragen worde. Seitdem wird mit dem Titel des Walreiters die Führung des Stammes vom Vater auf den ältesten Sohn vererbt. Als der Stammeshalter der jüngsten Generation bei der Geburt gemeinsam mit seiner Mutter stirbt, wird die Ahnenreihe männlicher Nachfahren unterbrochen. Zurück bleibt seine Zwillingsschwester Pai. Doch da die Tradition nach einem Jungen verlangt, kommt sie als zukünftiger Stammsführer nicht in Frage - so jedenfalls befindet ihr Großvater Koro als jetziger Clanführer. Stur verleugnet der traditionsgebundene Mann all jene Zeichen, die auf seine Enkelin als neuen Walreiter verweisen. Lieber sucht er unter den übrigen Söhnen seines Stammes nach einem geeigneten Nachfolger. Der Gesang des Wales tönt unterdessen immer lauter in Pai. Um ihr Volk zu retten und ihren Großvater von ihrer Bestimmung zu überzeugen, riskiert die Zwölfjährige schließich ihr eigenes Leben...

Was zunächst wie eine gewöhnlliche Rising-Against-All-Odds-Story scheint, offenbart ungewöhnliche Tiefe durch seine differenzierte Darstellung eines Generationenkonfliktes, der "gut" und "böse" als kaum geeignete Größen zur Erfassung seiner beiden Hauptfiguren erscheinen lässt. Indem die Figur der Paikea ihren Widersacher weder in einem gewalttätigen Onkel oder einer alkoholabhängige Mutter findet, sondern stattdessen in Konflikt mit ihrem über alles geliebten Großvater gestellt wird, entwickelt die Geschichte eine herzzerreißende Dynamik, innerhalb derer die Motive der Enkelin genauso nachvollziehbar sind wie jene des Großvaters.

Dabei verkörpert Laiendarstellerin Keisha Castle-Hughes ihre Rolle mit einer Intensität und Wahrhaftigkeit, die es leicht machen, sich in das Dilemma des Mädchens hineinzuversetzen. Die suggestiven Klänge Lisa Gerrards, die dem Gesang der Wale ähnlich im Blau der Tiefe zu schweben scheinen, verstärken die magische Atmosphäre, die diese Figur zuweilen umgibt. Dass die Figur des engstirnigen Koro, der aus Sorge um den Fortbestand seines Stammes in Dogma und Einsamkeit abdriftet, ebenso anzurühren versteht, ist der großen Darstellungskunst der nationalen Schauspielgröße Rawiri Paratenes zuzurechen.

Anhand ihrer beiden Hauptfiguren gelingt es der Regisseurin sensibel und empathisch, die Kultur der Maori im Widerstreit zwischen Tradition und Moderne zu zeigen. Es ist ein Widerstreit, welcher - zumindest auf Filmebene - in der weisen wie hoffnungsvollen Botschaft aufgelöst wird, dass Tradition sich nur im Wandel erhalten lässt.

Diese Botschaft war nicht nur stark genug, um u.a. Tim Sanders ("Der Herr der Ringe") für die Produktion des Films verantwortlich zeichnen zu lassen. Von ihrer Allgemeingültigkeit zeugt die große Publikumsresonanz dieser Produktion. Auf dem gleichnamigen Roman von Witi Ihimaera basierend, gewann der Film auf mehreren internationalen Festivals wiederholt den Publikumspreis.  

Antje Kuschpel / Wertung: * * * * * (5 von 5) 
 

 

 
Filmdaten 
 
Whale Rider (Whale Rider) 
 
Neuseeland 2002
Regie: Niki Caro;
Darsteller: Keisha Castle-Hughes (Paikea), Rawiri Paratene (Koro), Vicky Haughton (Nanny Flowers), Cliff Curtis (Porourangi), Grant Roa, Mana Taumaunu, Tyronne White u.a.;
Drehbuch: Niki Caro nach dem gleichnamigen Roman von Witi Ihimaera; Produzenten: Tim Sanders, John Barnett, Frank Hübner; Ausführende Produzenten: Bill Gavin, Linda Goldstein-Knowlton; Kamera: Leon Narbey; Musik: Lisa Gerrard; Schnitt: David Coulson; Produktionsdesign: Grant Major;

Länge: 101 Minuten (Fernsehen/Video/DVD: 97 Minuten); FSK: ab 6 Jahren; ein Film im Verleih der Pandora Film GmbH & Co. Verleih KG; deutscher Kinostart: 14. August 2003



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Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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