3. April 2006
Wie der Supermarkt voll wird
Oder Ein Globalisierungsporträt in Schwarz-Weiß

We Feed the World
- Essen global


We Feed the World"Heuschrecken" springen von einem Profitfeld zum anderen, Retortenpop und fundamentalistischer Hassgesang hallen noch in den entlegensten Orten nach, ferne Viren, die gestern noch keiner kannte, kontaminieren morgen die eigene Nachbarschaft - Globalisierung allenthalben. Es gibt wohl keine Vokabel, die zeitgeistiger ist als dieser vage Begriff, verbale Hilflosigkeit und vorgeschütztes Verständnis gegenüber den täglich erfahrbaren Veränderungen. Weltweiten Charakter haben sie, so lautet der im Wort enthaltene Minimalkonsens. Über diesen kommt Erwin Wagenhofers anregende, aber reichlich reduzierende Dokumentation "We Feed The World" leider nicht hinaus.

Es hat mit einer der berühmten Kinderfragen begonnen: Woher kommen die Tomaten und anderen Lebensmittel auf dem Wiener Naschmarkt? Für die Antwort musste Wagenhofer weit reisen, 3.000 Kilometer bis nach Südspanien, wo in einer scheinbar endlosen Landschaft von Gewächshäusern auch winters Tomaten angebaut werden - afrikanische Lohnsklaven und künstliche Bewässerung vorausgesetzt.
We feed the WorldWie westliche Wohlstandsnationen global ihre Lebensmittelproduktion organisieren, verfolgt der Filmemacher rund um die Welt. Ob zwischen rumänischen Kleinbauern, österreichischen Mästern, französischen Fischern oder brasilianischen Hungernden, überall verweist er auf das Absurde und Empörende dieses Systems. Der berüchtigte Globalisierungskritiker Jean Ziegler liefert dabei in seiner Funktion als UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung den moralinhaltigen Kommentar, der Wagenhofers beispielhaften Beobachtungen die gewünschte Stoßrichtung verleiht.

Die unter anderen von Greenpeace, Weltladen, Zukunftsstiftung Landwirtschaft und Bioland unterstützte Dokumentation könnte man zunächst als leicht polemische Entdeckung von Ricardos 200 Jahre altem komparativem Kostenvorteil abtun. Dass nicht nur Autoteile, sondern auch Lebensmittel nach dem Marktmechanismus produziert, taxiert und verkauft werden und dieser außerhalb des Ökonomischen überaus schädlich sein kann, ist ein Allgemeinplatz. Doch gelingt es Wagenhofer dem bekannten Allgemeinen das beeindruckende Besondere an die Seite zu stellen. Die Behauptung eines Hühnerzüchters, dass die Regierenden heute - "Magister und Doktor sowieso" - keinen Bezug mehr zu der Basis, der lebensnotwendigen Erzeugung von Nahrung, hätten, ist für weite Teile der Gesellschaft nicht von der Hand zu weisen. Der hartnäckigen Bauernhofromantik geht es mit zum Teil ekelerregende Bilder an den Kragen. So werden etwa lebende Küken und Hühner wie vorher die Tomaten auf Förderbändern verarbeitet;
We Feed the Worldder geraffte Achtwochenzyklus vom Schlüpfen bis zum Schlachten gewinnt beinahe surrealistische Züge, wenn in jeder neuen Einstellung das kläglich ausblutende Huhn seiner bekannten Supermarktversion einen Arbeitsschritt näher kommt.

Doch belässt es der Regisseur leider nicht bei diesen Impressionen. Denn jede von ihnen erhält nach striktem Schwarz-Weiß-Schema einen Gegensatz: Der naturverbundene Kutterkapitän gegen den hochtechnologischen Crawler, die traditionellen Kleinbauern gegen das künstliche Hybridsaatgut, gewaltige Sojaberge gegen ausgemergelte Brasilianer. Ziegler schließlich, der mit markigen Worten den Hungertod von Kindern in der Dritten Welt als Mord bezeichnet, ist der Gegenpol zu Peter Brabeck, dem Konzernchef von Nestlé International, dem größten Lebensmittelkonzern der Welt. Diesem gehören die letzten Minuten von "We Feed The World". In Hochglanzrhetorik lobt er die Annehmlichkeiten des Lebens (in der Ersten Welt), die auch moderne Lebensmittelproduktion möglich gemacht hat, und beklagt die trotzdem miese Stimmung. Vor einem Werbevideo für moderne Wasserabfüllanlagen bleibt er stehen und stellt anerkennend fest: "Alles robotisiert, fast keine Leute." Mehr braucht es nicht, um aus der fragwürdigen Vision eines Managers die Utopie eines Sündenbocks zu montieren.

We feed the WorldGlobalisierung bedeutet nicht nur eine weltweite Zunahme und Verwicklung von Waren-, Menschen-, und Kapitalströmen, sondern auch multikausale, schwer erkennbare Zusammenhänge. Es gibt sie nicht, die einfachen Antworten, nach denen Wagenhofer und Konsorten suchen, selbst dann nicht, wenn ein herzloser Konzern(chef) wie prädestiniert dafür scheint. Auch an ihm hängen Arbeitsplätze und Konsumenten, hinter seinen Anteilseignern stehen nicht nur schwerreiche "Kapitalisten", sondern ebenso die Aktienfonds, die dem Fabrikarbeiter die Rente sichern sollen. Das alles kann man nicht in einer Dokumentation über die Irrwege moderner Lebensmittelproduktion zeigen. Eine Kausalität nach dem alten Muster "Raubtierkapitalismus erzeugt Elend" befördert indes Wagenhofers aufklärerische Absicht ebenso wenig wie sie dem ambivalenten Filmtitel - Motto des Saatgutherstellers Pioneer wie Aufforderung an die Selbstverantwortung - entspricht.  

Thomas Hajduk / Wertung: * * * (3 von 5) 
 

 
Filmdaten 
 
We Feed the World - Essen global (Österreich 2005)   
 
Dokumentarfilm
Regie: Erwin Wagenhofer;
Produktion: Allegro Film;
Länge: 96 Minuten; ein Film im Verleih von Delphi Filmverleih; deutscher Kinostart: 27.04.2006



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<27. 4. 2006>


Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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