18.05.2018

Was du nicht siehst

Die Atmosphäre ist von Anfang an unheilschwanger: Als Prolog ein junger Mann, der gefährlich nah am Rand einer Klippe steht; dann ein glühender, achtlos an den Straßenrand geworfener Zigarettenanzünder, ein rüpelhafter Typ auf einer Rasthof-Toilette und ein qualmender Müllabfuhrwagen, der geradewegs aus einem amerikanischen Highway-Horrorfilm stammen könnte. Diese Eröffnungsszenen aus Wolfgang Fischers Kinodebüt "Was du nicht siehst" etablieren eine mysteriöse Grundstimmung, die im Folgenden bestehen bleibt.

Wie einen Gruselfilm inszeniert Fischer den Familienausflug des 17-jährigen Anton (Ludwig Trepte), seiner Mutter Luzia (Bibiana Beglau) und deren neuem Freund Paul (Andreas Patton), die für ein paar Tage in einem Ferienhaus in der Bretagne einkehren. Ohne dass die Zuschauer wissen, was eigentlich los ist, scheint eine Eskalation von vornherein unausweichlich – die Bilder und die von unheimlichen Melodien getragene Tonspur lassen hieran keinen Zweifel. Ein Problem des aus der Perspektive Antons erzählten Dramas ist es dabei, dass die inneren Befindlichkeiten der Familienmitglieder weitgehend im Verborgenen bleiben. Gleiches gilt für die Motive der beiden Geschwister David (Frederik Lau) und Katja (Alice Dwyer), mit denen Anton eine von Grenzüberschreitungen dominierte Urlaubsbekanntschaft eingeht. Erst gegen Ende erfahren einige Geheimnisse eine Klärung, die jedoch weitgehend verpufft – ein runderes Bild als die zuvor geäußerten Plattitüden der Figuren vermag auch der Schlussbogen nicht zu schaffen.

Doch während "Was du nicht siehst" erzählerisch ein wenig löchrig erscheint, funktioniert die ästhetische Ebene hervorragend. Neben den durchweg guten Darstellern tragen vor allem die eleganten Bilder von Kameramann Martin Gschlacht ("Hotel", "Revanche") viel dazu bei, dass Fischers Psychodrama über die volle Laufzeit interessant bleibt. Die mysteriöse und verschlossene Stimmung des Films kulminiert vornehmlich in der Ästhetik, die einen Gutteil der erzählerischen Leerstellen mit Zwischentönen füllt – am Ende ist das Spannendste an "Was du nicht siehst" also ausgerechnet das, was man sieht.



Diese Filmkritik ist zuerst erschienen bei fluter.de.

 

Christian Horn / Wertung: * * * (3 von 5)



Filmdaten

Was du nicht siehst


Deutschland/Österreich 2009
Regie & Drehbuch: Wolfgang Fischer;
Darsteller: Ludwig Trepte (Anton), Frederick Lau (David), Alice Dwyer (Katja), Bibiana Beglau (Luzia), Andreas Patton (Paul), Bernhard Baron Boneberg (Gerichtsmediziner) u.a.;
Produzenten: Andrea Hanke, Joachim Ortmanns, Georg Steinert; Kamera: Martin Gschlacht; Musik: Wilhelm Stegmeier; Schnitt: Isabel Meier;

Länge: 92 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; deutscher Kinostart: 7. Juli 2011



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Zitat

"Er etablierte eine Form der Filmkritik, wie es sie vorher und nachher nicht mehr gab. Merker bestand darauf, bei der Auswahl der Filme und der Ausschnitte freie Hand zu haben - was heutzutage, im Zeitalter der immer gleichen Clips, undenkbar ist. Jahrelang gaben sogar die großen Verleihe nach, weshalb Hollywood bei ihm eine ebenso große Rolle spielte wie unabhängig gedrehte, schützenswerte Werke. Helmut Merker mochte nicht einzelne Filme, sondern er liebte das Kino."

Aus dem Nachruf von Milan Pavlovic in der Süddeutschen Zeitung zum Tode des früheren WDR-Filmredakteurs, Filmpublizisten und
-kritikers Helmut Merker (18.08.1942 - 03.09.2018)

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