11.06.2009
Kampf um Erinnerung

Waltz with Bashir


Mit "Waltz with Bashir" hat Ari Folman dem Kino nicht nur ein neues Genre geschenkt, sondern einem alten Genre auch ein neues Thema: den Kampf um Erinnerung.

Neurologen, Juristen und Historiker kennen das Problem schon länger: Menschen erinnern sich nur sehr selektiv an Vergangenes. Gerade wenn es um das eigene Leben geht, reinterpretieren wir nicht nur unsere Erinnerungen, sondern verändern sie immerzu. Vielleicht ist das notwendig, um überhaupt (weiter-)leben zu können.

Dem Film ist dieses faszinierende Charakteristikum des Menschen keinesfalls fremd. In unzähligen Psychothrillern wie Hitchcocks "Marnie" und in den düsteren, enigmatischen Werken David Lynchs wie "Lost Highway" und "Mulholland Drive" geht es immer wieder um Protagonisten, die sich nicht erinnern können und dabei mithin zugrunde gehen.

Ein Genre, in dem das Thema eigentlich zentral sein sollte, scherte sich bisher wenig darum. Kriegs- und Antikriegsfilme, die sich mit einem der traumatischsten Erlebnisse überhaupt beschäftigen, sind meist schlicht zu simpel gestrickt. Wenn es nicht um (postume) Heldenehrung und Patriotismus geht, dann um das Grauen des Krieges, seine Sinnlosigkeit und den moralischen Nihilismus. Die Aussage ist immer stark und klar.

Dass es den einen Krieg nicht gibt, sondern eine Vielzahl an Kriegswahrnehmungen und Erinnerungen, darauf geht kaum einer dieser Filme ein. Erwähnenswert wären hier Clint Eastwoods Filme "Letters from Iwo Jima" und "Flags of our Fathers", in denen er jeweils von der Seite der Japaner bzw. Amerikaner die Schlacht um die Insel Iwo Jima darstellt. Zwei Perspektiven, ja, aber lediglich auf Ebene nationaler Bilder und Mythen. So könnte man also meinen, dass das Thema Erinnerung zu komplex für einen Kriegsfilm wäre. Doch wie wäre eine Dokumentation? Eine erzählende Dokumentation, die auf Tricktechnik beruht und wie ein Spielfilm wirkt. Klingt abenteuerlich. Aber genau das hat der israelische Filmemacher Ari Folman getan – und eine höchst innovative und unterhaltsame Dokumentation geschaffen.

„Waltz with Bashir“ war ein Kritiker- und Publikumserfolg. Der mit dem Golden Globe prämierte Film ist kürzlich als DVD erschienen und sei allen empfohlen, die ihn im Kino verpasst haben. Denn was Folman damit geglückt ist, ist nichts Geringeres als die Entwicklung eines neuen Genres: der animierte Dokumentarfilm.

Die Handlung beruht auf Folmans Kampf mit seinen eigenen Kriegserinnerungen. Nach einem Gespräch mit einem früheren Kameraden, der unter kriegsbedingten Alpträumen leidet, beginnt der Filmemacher seinen eigenen Erfahrungen als Soldat im ersten Libanonkrieg nachzugehen. Als 19-Jähriger kämpfte er 1982 in Beirut, kann sich aber über 20 Jahre später an kaum mehr etwas erinnern. Ihm wird klar, dass etwas Schlimmes geschehen sein muss, an das ihn nur Gespräche mit anderen Kameraden würden erinnern können. Also beginnt Folman damit, einen nach dem anderen von ihnen aufzusuchen und rekonstruiert so Stück für Stück seine eigene Erinnerung. Die Dokumentation zeigt in animierten Bildern einerseits diese Recherche und andererseits einzelne Kriegsszenen, die die Erzählungen von Folmans Gesprächspartnern visualisieren. Kurz: "Waltz with Bashir" wirkt durch diese visuelle und erzähltechnische Verdichtung wie ein Animationsfilm für Erwachsene – obwohl sämtliche Szenen auf vorher gefilmten Interviews beruhen, wie man sie von gängigen Dokumentationen her kennt.

Folmans Werk lebt aber nicht nur von diesem kreativen Einfall, sondern von dem gesamten Stil und der Geschwindigkeit des Films. Die klaren, reduzierten Figuren, die sich zugleich überaus realistisch bewegen, die rasanten Schnitte und ein durchweg passender Soundtrack sind modernen Actionfilmen und Thrillern ebenbürtig, bestechen aber im Gegensatz zu diesen durch Originalität.

Diese coole Ästhetik führt denn auch zu einem alten Problem aller Antikriegsfilme: den unfassbaren Schrecken, vor dem gewarnt werden soll, doch irgendwie zu zeigen und dabei wohlmöglich durch "schöne" Bilder gefällig zu machen. Folman entgeht diesem Schritt durch harte Schnitte. Denn während oftmals die einzelnen Kriegserinnerungen lustig beginnen – junge Männer ziehen spaßend in das Großevent Krieg – brechen sie genauso oft abrupt ab, weil sie sterben oder selbst töten. Gezeigt werden keine Krieger, sondern junge Männer, die Angst haben, Fehler machen, unsicher werden und mehr mit sich als mit dem Feind kämpfen. Der Animationsstil einer Generation Pop schlägt so immer wieder um in absurde Situationen, in Phantasiebilder, die einmal Alpträumen, einmal irrlichtender Erinnerung zuzuschreiben sind.

Erst am Ende des Films, wenn der Grund für Folmans Verdrängung offenliegt, kapituliert die Bildersprache und der Regisseur setzt zum letzten, zum härtesten Schnitt. Dann geht es nicht mehr um Erinnerung und Erinnerungsbilder, sondern um Schrecken, den sein Film nicht mehr darstellen kann. Mit dem verstörenden Archivmaterial von klagenden Überlebenden eines Massakers und den aufgeblähten Körpern ihrer ermordeten Söhne, Väter, Brüder und Männer überlässt "Waltz with Bashir" den sprachlosen Zuschauer seinen Gedanken.  

Thomas Hajduk / Wertung: * * * * * (5 von 5) 
 

 

 
Filmdaten 
 
Waltz with Bashir (Vals im Bashir) 
 
Israel / Deutschland / Frankreich 2008
Regie und Drehbuch: Ari Folman;
Produktion: Ari Folman, Serge Lalou, Gerhard Meixner, Yael Nahlieli, Roman Paul; Musik: Max Richter; Original mit deutschen Untertiteln; Länge: 87 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih von Pandora; deutscher Kinostart: 6. November 2008



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<06.11.2008>


Zitat

"Ich bin eine Hure, alle Schauspieler sind Huren. Wir verkaufen unsere Körper an den Meistbietenden."

("I'm a whore, all actors are whores. We sell our bodies to the highest bidder.")

William Holden

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