01.06.2006
Schule fürs Leben:
Lügen lernen

Wahrheit oder Pflicht


Wahrheit oder PflichtDer 18-jährigen Schülerin Annika ist das Abitur für immer verwehrt. Wie soll sie dies ihren Eltern beibringen? Ganz einfach: Zunächst gar nicht. Sie möchte die dafür günstige Gelegenheit abwarten, die aber nicht kommen will - und tut gegenüber den Eltern so, als ob sie weiter zur Schule ginge.
Eine eigentlich tragische Story inszenieren Arne Nolting und Jan Martin Scharf als ein Feuerwerk hintergründigen Humors. Wieder, wie in "Sophiiiie!" oder auf der Bühne als Ibsens "Hedda Gabler", brilliert Katharina Schüttler als selbstzerstörerische femme fatale.

Zum Zeitpunkt des deutschen Kinostarts von "Wahrheit oder Pflicht" wurde eine Selbstmordwelle unter ägyptischen SchülerInnen bekannt. Es ist beileibe kein länderspezifisches, aber global weitaus unterschätztes Problem: Dem Drill fürs Leben kann manch Eleven nicht standhalten; derweil die Eltern oft bereits die nächsten Schritte nach dem Abitur planen, dabei die Belastbarkeit der Kinder unterschätzend.
Den Filmemachern Arne Nolting und Jan Martin Scharf kann man gut und gerne den Vorwurf machen, aus einem letzten Endes hochsensiblen Thema eine Komödie gestaltet zu haben, zumal ihre Filmheldin biografisch frappierende Ähnlichkeiten mit dem Erfurter Amokläufer hat.

Wahrheit oder PflichtAnnika (Katharina Schüttler) fliegt vom Gymnasium. Sie ist zum zweiten Mal sitzengeblieben, nun kann sie das Abitur nicht mehr erhalten. Wie es dazu kam, dass sie die Kurve nicht kriegte, berichtet der Film nicht. Aber man kann es sich denken, erlebt der Zuschauer doch in den folgenden anderthalb Stunden die ausgeflippt kindlich auftretende Heranwachsende mit gering vorhandenem Verantwortungsbewusstsein ausführlich. Annika erzählt niemandem von ihrer Niederlage, der es nicht auch so schon erfahren hat. Vor allem dürfen die Eltern (Therese Hämer, Jochen Nickel) das nicht wissen, was sich nicht ewig verschweigen lassen kann. Eine günstige Gelegenheit, es doch zu beichten, wird sich später noch ergeben, denkt sie. Denkste. Das Lügenmärchen wächst, die Schülerin a. D. verlässt brav morgens das Haus in Richtung Schule, um die Zeit bis zum Mittag in einem ausrangierten Bus zu vertreiben. Und muss - hier wartet "Wahrheit oder Pflicht" mit gelungenen Elementen der Screwball-Comedy auf - häufiger darauf aufpassen, dass die Eltern nicht unerwartet in die Schule gelangen, aus welchem Grund auch immer. Derweil die Eltern sich im Verlauf des Films jeweils mehr und mehr genötigt fühlen, ihrerseits mit peinlichen Geheimnissen ans Tageslicht zu rücken.

Wahrheit oder PflichtBasierend auf wahrer Begebenheit aus ihrem Bekanntenkreis, inszenierten die Spielfilmregie-Debütanten Nolting und Scharf eine zuweilen herrlich anzuschauende Groteske. Dabei schnitten sie den Stoff passabel auf ihre Hauptdarstellerin Katharina Schüttler zu. Wer sie in "Sophiiiie!" (Regie: Michael Hofmann, 2001) gesehen hat, wird nicht vergessen haben, wie ihre dortige Filmfigur auf einen selbstmörderischen Großstadttrip mit herbeigesehnten Prügeln und Vergewaltigungen geht. In der Berliner Schaubühne reüssierte Katharina Schüttler zeitgleich mit "Wahrheit oder Pflicht" als Ibsens "Hedda Gabler", die alle mit viel Erotik, mehr Extrovertiertheit und noch mehr Hysterie in die Raserei treibt. Und hier ist sie nun die Schülerin, die keine mehr ist, aber vorgeblich sein muss, weil das Lügengebilde einzustürzen droht. Noltings und Scharfs Film wird dabei gleichzeitig clever zu einer Studie des Erwachsenwerdens - man benötigt ja auch künftig die Fähigkeit des perfekten Lügens fürs Leben, wichtiger ist dies als alles andere Wissen, möchte man glauben - und der Nachhilfelehrer, den sie ja gar nicht bräuchte, entjungfert sie. Reifeprüfung, anders als in der konventionellen Handhabung verstanden, und doch sehr, sehr lebensnah.

Diesen für deutsche Komödien erstaunlich frisch-frechen Film trübt nur der Hintergedanke an beispielsweise Robert S. aus Erfurt, der den Eltern ebenfalls die Entlassung aus der Schulpflicht verschwiegen hatte, bis er doch nochmal, ein letztes Mal zur Schule ging, und der Gedanke an alle anonym Bleibenden, denen die Verpflichtung zur Leistungsübernahme in ihren besten Jugendjahren zu hoch ist, ohne bereits die nötige Lebenserfahrung haben zu können, dem Drill Herr zu werden. Wenn "Wahrheit oder Pflicht" (der Filmtitel ist der Name eines Kinderspiels) da natürlich keine Lösung aus diesem Dilemma aufbieten kann, so bietet er am Schluss des Films immerhin eine individuelle Lösung für Annika an, und sie ist nicht die schlechteste.  

Michael Dlugosch / Wertung:  * * * (3 von 5) 
  

Quelle der Fotos: 2 Pilots

 
Filmdaten 
 
Wahrheit oder Pflicht (Deutschland 2005) 
 
Regie und Drehbuch: Arne Nolting, Jan Martin Scharf;
Darsteller: Katharina Schüttler (Annika), Thomas Feist (Kai), Jochen Nickel (Annikas Vater), Therese Hämer (Annikas Mutter), Thorben Liebrecht (Uli), Thorsten Merten, Wanda Perdelwitz, Ingeborg Westphal u.a.; Produzenten: Harry Flöter, Jörg Siepmann; Redaktion: Andrea Hanke, Gebhard Henke (WDR); eine Produktion von 2 Pilots in Kooperation mit WDR, Kunsthochschule für Medien Köln, Filmstiftung NRW, Nordmedia, MDM und Filmbüro Bremen; Kamera: Ralf M. Mendle; Musik: Klee; Länge: 89 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih von Zorro Film GmbH, Filmwelt Verleih



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<1. 6. 2006>


Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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