19.10.2017
Wolf im Honecker-Pelz

Vorwärts immer!


Vorwärts immer! Jörg Schüttauf als Erich Honecker Das Genre Verwechslungskomödie schien in Deutschland bereits ausgestorben. Franziska Meletzky erfindet es in ihrem dritten Kino-Langfilm "Vorwärts immer!" regelrecht neu. Nach ihren Dramen "Nachbarinnen" (2004) und "Frei nach Plan" (2007) überrascht die Regisseurin mit einer klamottigen Farce mit Dramen-Elementen, die erstaunlich gut funktioniert. "Vorwärts immer!" spielt exakt einen Monat vor Günter Schabowskis Rede, die zum Mauerfall führte. An den ist am 9. Oktober 1989 noch nicht zu denken. Erich Honecker ist noch Staatschef der DDR. Um ihn geht es im Film und um einen Schauspieler, Otto Wolf (Jörg Schüttauf), der in Maske genauso aussieht. Vater Wolf ist gezwungen, in Verkleidung ins Zentralkomitee zu fahren, um seine Tochter Anne (Josefine Preuß) zu retten.
Viele Gags sind im Film, für einen deutschen Film sehr viele, so viele, dass manche misslingen. Aber nicht alle. Und die Darsteller sind hervorragend ausgewählt.

Vorwärts immer! Marc Benjamin, Josefine Preuß, Jacob Matschenz "Vorwärts immer!" war ein Leitspruch von Erich Honecker, dem in der sozialistischen Realität bald nach dem 9. Oktober 1989 von Egon Krenz abgelösten Generalsekretär der Deutschen Demokratischen Republik. "Vorwärts immer!" heißt im Film auch ein satirisches Theaterstück über den greisen DDR-Staatschef, das Wolf mit seinen Kollegen heimlich vorbereitet. Unter den Kollegen: Harry Stein (Devid Striesow), der sich als der bessere Honecker-Darsteller sieht. Er sitzt Wolf im Nacken und ist bei den DDR-Oberen als Schauspieler, im Gegensatz zu Wolf, hoch angesehen. Aber das ist nicht alles: Steins Sohn Matti (Marc Benjamin) und Wolfs Tochter Anne sind heimlich zusammen, Anne ist von Matti schwanger. Das noch nicht geborene Kind soll es besser haben. Im Westen. Anne will, wie einst ihre Mutter, rübermachen. Ihr hilft der kaum ältere Protestler August (mit langer Mähne und als Schauspieler perfekt wie immer: Jacob Matschenz). Mit ihm fährt sie von Berlin nach Leipzig, Matti gesellt sich im Auto ungefragt dazu. In der sächsischen Stadt gibt es die Montagsproteste. Vater Wolf erfährt in Berlin, dass diese mit Panzern niedergeschlagen werden sollen. Nur Honecker selbst kann den Schießbefehl rückgängig machen. Wolf und seine Leute haben eine waghalsige Idee, die zur Begegnung Wolfs nicht nur mit Egon Krenz und anderen SED-Oberen führt, sondern auch mit der strengen Margot Honecker (Hedi Kriegeskotte) – und schließlich mit Honecker selbst.

Vorwärts immer! Jörg Schüttauf als Erich Honecker kommt zu Fall All diese von Wolf nicht geplanten Aufeinandertreffen sind humoristisch einfallsreiche Höhepunkte eines Films, der erst ab 12 Jahren freigegeben ist. Obwohl er eine Komödie ist. Eine Komödie, die gleichzeitig Dramen-Elemente enthält. August wird mal eine Pistole an die Stirn gehalten. Die Mischung macht's: Jörg Schüttaufs Otto Wolf erlebt für den Zuschauer meist lustige Szenen, während die Parallelhandlung um Anne, August und Matti ernst ist, weil die Drei vor auf sie Jagd machenden Stasi-Mitarbeitern fliehen müssen. Hier erinnern die Filmemacher daran, wie brutal die DDR mit Gegnern umging. Damit setzt der Film ein Zeichen gegen die Ostalgie der Jahre nach der Wiedervereinigung, was den Film qualitativ erheblich aufwertet. Der Humor der anderen Handlung, der Verwechslungskomödie, lebt von der Senilität Erich Honeckers, die Wolf entgegenkommt: Der Schauspieler, der Wolf im Honecker-Pelz, stolpert durchs Zentralkomitee und später durch Wandlitz, den Wohnort des Ehepaars Honecker, stolpert wie ein Greis, so dass man ihm den alten, verwelkten DDR-Chef abnimmt, sowohl vom Zuschauer wie von Leuten wie Egon Krenz, den Alexander Schubert, bekannt als "Albrecht Humboldt" aus der "heute-show", in einer Doppelrolle mimt. Schauspieler Wolf als Greis, dem man das Senile abnimmt: Das Kinopublikum fühlt sich in den besten Szenen an "Die Abenteuer des Rabbi Jacob" (1973) erinnert, der Komödie, in der Louis de Funès einen Katholiken spielt, der einen Rabbi spielen muss, um sein Leben zu retten. Beide, Wolf wie de Funès' Victor Buntspecht, kommen in ihren Rollen durch das Alter des Alters ego bei den Mitmenschen glaubwürdig rüber. Das Durch-die-Rolle-Stolpern wird als normal, weil altersbedingt, angesehen. Sehr zur Freude des Zuschauers.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

Quelle der Fotos: DCM

 
Filmdaten 
 
Vorwärts immer!  
 
Deutschland 2017
Regie: Franziska Meletzky;
Darsteller: Jörg Schüttauf (Otto Wolf / Erich Honecker), Josefine Preuß (Anne Wolf), Jacob Matschenz (August Weiss), Hedi Kriegeskotte (Margot Honecker), Marc Benjamin (Matti Stein), Steffen Scheumann (Boris Kelm), Andre Jung (Erich Mielke / Hans Götze), Alexander Schubert (Egbert Rauch / Egon Krenz), Stephan Grossmann (Theodor Dombrich), Devid Striesow (Harry Stein) u.a.;
Drehbuch: Markus Thebe; Produzenten: Günter Knarr, Philipp Weinges; Kamera: Bella Halben; Schnitt: Zaz Montana;

Länge: 97,42 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih von DCM; deutscher Kinostart: 12. Oktober 2017



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<19.10.2017>


Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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