31.08.2018

Kluge Beziehungsstudie

Vollmondnächte

Regisseur Eric Rohmer ("Pauline am Strand" (1983), "Sommer" (1996)), verstorben 2010, ist bekannt für seine intelligenten, intellektuellen Beziehungsdramen. Auch dieser Film von 1984 untersucht sehr klug die Zweisamkeiten, die zu Einsamkeiten werden, weil Partner sich entfremden. In "Vollmondnächte" fühlt sich die junge Louise in einer Vorstadt eingesperrt, in der ihr Lebensgefährte Rémi (Tchéky Karyo) lieber leben will, und bezieht eine Zweitwohnung in Paris, mitten im Trubel der Weltstadt. Es geht nicht gut aus, beide geraten wegen der Entfernung in Streits und driften auseinander. Am Ende geht Louise fremd, will aber zu Rémi zurück – doch der hat eine neue Partnerschaft.
"Vollmondnächte" lief im Wettbewerb der Filmfestspiele Venedig 1984. Hauptdarstellerin Pascale Ogier, Tochter der französischen Schauspielerin Bulle Ogier, wurde dort wegen ihrer sehr guten Leistung als Beste Darstellerin geehrt. Ihren größten Triumph konnte die 26-Jährige nicht lange auskosten: Sie starb wenige Wochen später, offiziell an einem Herzstillstand.

"Wer zwei Frauen hat, verliert seine Seele. Wer zwei Häuser hat, verliert den Verstand."

Wie in allen sechs Filmen seines Zyklus "Komödien und Sprichwörter" ("Comédies et proverbes") stellt Eric Rohmer auch im vierten Teil "Vollmondnächte" eine eingeblendete Redewendung an den Anfang. Im Film wird keiner den Verstand verlieren, wenngleich Louise spätestens am Ende des Films dicht dran ist. Die Designerin, etwa 25 Jahre alt, ist mit dem sportlichen, nicht viel älteren Rémi in eine gesichtslose Neubaugegend gezogen. Dort hält sie es nicht lange aus, sie zieht als lebenslustige Frau die Großstadt vor; er nicht. Der Bezug einer Zweitwohnung in Paris sorgt für den ersten von vielen Streits. Der Zuschauer fragt sich, was beide aneinander überhaupt finden angesichts unterschiedlichster Lebensauffassungen. Sie will im Trubel leben, er die Ruhe genießen. Der Zuschauer stellt fest: Sie ist der Pubertät noch nicht vollends entkommen.

Louise hat einen Kumpel, den Journalisten Octave (Fabrice Luchini, "Das Schmuckstück", 2010), der mit ihr gerne Gespräche führt, gerne auch gegen Rémi intrigiert, denn er baggert vergeblich Louise an. Die Figur wird von Rohmer genau untersucht als Prototyp eines verheirateten Mannes, der es doch gerne bei anderen Frauen versucht. Octave stellt in den Gesprächen mit Louise das fest, was der Zuschauer ebenso erkennt: Louise und Rémi passen nicht zusammen.

Viel mehr Kommentar gestattet sich Rohmer nicht, sondern beobachtet. Beobachtet die Beziehungen. Beobachtet die Szene, die Louise liebt und Rémi nicht, die Künstler/Yuppie-Szene. Louise tanzt, genießt, Rémi ist dabei – und macht ihr in dieser Szene eine Szene. Das Störendste im Film ist die Tanzmusik: Zeitgenössische Popmusik wählte Rohmer für die Tanzsequenzen aus, laute, aufdringliche Musik, die zum ruhigen Stil Rohmers nicht passen will. Ansonsten macht Rohmer alles richtig: Der grazilen Pascale Ogier als Louise stellt er den kantigen Tchéky Karyo als Rémi gegenüber. Fast dokumentarisch betrachtet der Filmemacher nicht nur ihr Verhältnis und dessen allmählichen Untergang, auch das soziale Milieu in seinem Naturell ist perfekt dargestellt. Die Natürlichkeit des Lebens Louises vom Arbeitsplatz über Cafés über den Wechsel zwischen den Wohnungen, deren Kontrastierung allein schon ins Auge sticht, bis hin zu Gesprächen mit anderen, nicht nur mit Octave, sind sehr klug von Rohmer in den Film transferiert. Rohmers Studien von Beziehungen sind stets intelligent – dieser Film sticht da in seiner Konzentration und Konsequenz noch heraus.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * * * * (5 von 5)



Filmdaten

Vollmondnächte
(Les nuits de la pleine lune)

Frankreich 1984
Regie & Drehbuch: Eric Rohmer;
Darsteller: Pascale Ogier (Louise), Tchéky Karyo (Rémi), Fabrice Luchini (Octave), Virginie Thévenet (Camille), Christian Vadim (Bastien), László Szabó (Maler im Café), Lisa Garneri (Babysitterin Tina) u.a.;
Produktion: Les Films du Losange, Les Films Ariane; Produzentin: Margaret Ménégoz; Kamera: Renato Berta; Musik: Elli und Jacno; Schnitt: Cécile Decugis;

Länge: 101 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; westdeutscher Kinostart: 26. April 1985



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Zitat

"Er etablierte eine Form der Filmkritik, wie es sie vorher und nachher nicht mehr gab. Merker bestand darauf, bei der Auswahl der Filme und der Ausschnitte freie Hand zu haben - was heutzutage, im Zeitalter der immer gleichen Clips, undenkbar ist. Jahrelang gaben sogar die großen Verleihe nach, weshalb Hollywood bei ihm eine ebenso große Rolle spielte wie unabhängig gedrehte, schützenswerte Werke. Helmut Merker mochte nicht einzelne Filme, sondern er liebte das Kino."

Aus dem Nachruf von Milan Pavlovic in der Süddeutschen Zeitung zum Tode des früheren WDR-Filmredakteurs, Filmpublizisten und
-kritikers Helmut Merker (18.08.1942 - 03.09.2018)

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