10.06.2018

Verrückt nach Dir

Von wegen früher war alles besser! Stichwort Fernbeziehung. Früher konnten zwei Liebende eine große räumliche Distanz mit Briefen überbrücken oder mit teuren Telefonaten. Heute gibt es da viele andere Möglichkeiten. Nicht nur, dass Flüge weitaus erschwinglicher sind: E-Mails erreichen das Gegenüber ohne Verzögerung, Skype ist kostenlos, selbst eine SMS findet den Weg über Ozeane und Bildtelefonate gibt es auch. Eine leibhaftige Begegnung können diese technischen Neuerungen freilich dennoch nicht ersetzen und so ist eine Fernbeziehung heute zwar leichter organisierbar, nichtsdestotrotz aber immer noch problematisch. In der romantischen Komödie "Verrückt nach Dir" (OT: "Going the Distance") entwirft die bisher als Dokumentarfilmerin erfolgreiche Regisseurin Nanette Burstein eine solche moderne Fernbeziehung und interessiert sich vor allem für die Basis einer jeden Beziehung – die Kommunikation.

In einer New Yorker Bar treffen sie vor einem Spielautomaten aufeinander: Garrett (Justin Long), der gerade eine Beziehung hinter sich hat, und Erin (Drew Barrymore), die in sechs Wochen ins knapp 3000 Meilen entfernte San Francisco zurückkehren muss. Hähnchen und Bier führen zu einem One Night Stand und das Frühstück danach zu dem Entschluss, sechs schöne Wochen miteinander zu verbringen. Als Garrett seine Liebelei nach Ablauf der Frist zum Flughafen begleitet, sind beide bereits ernsthaft verliebt und wagen den Versuch einer Beziehung über den amerikanischen Kontinent hinweg – mit den erwähnten Hilfsmitteln im Gepäck und den ganzen Problemen, die sich aus fehlender oder nur sporadisch möglicher Zweisamkeit ergeben.

Ihre zeitgemäße Geschichte erzählt Nanette Burstein, vom etwas ausgefransten Ende einmal abgesehen, recht bündig und humorvoll mit Judd-Apatow-mäßigen Charakteren wie Dan (Charlie Day) und Box (Jason Sudeikis) oder Erins übervorsichtiger Schwester Corinne (Christina Applegate). Die lebensnahe Situation der beiden Liebenden, jede Menge frischer Wortwitz und ein gutes Gespür für die gegenwärtige Populärkultur setzen "Verrückt nach Dir" angenehm von den typischen Mauerblümchen-verliebt-sich-in-ihren-Chef-Filmchen ab. Inszenatorisch arbeitet Burstein dann aber doch recht konventionell mit kommentierender Musik, üblichen New-York-City-Bildern und anderen standardisierten Erzählweisen.

Dennoch: Wenn Erin und Garrett, jeder in seiner Stadt, über ihre Laptops gebeugt dasitzen und herzlich über das Youtube-Video mit dem niesenden Panda lachen, der Funke beim Telefonsex nicht so richtig überspringen will oder das Paar feststellt, dass die Flugtickets in der Weihnachtszeit eben doch noch ziemlich teuer sind – dann fühlt man sich als Zuschauer/in ernst genommen, gut unterhalten und bisweilen sogar unmittelbar angesprochen. Und wer hat eigentlich je behauptet, dass eine schmutzige SMS weniger romantisch sei als ein handgeschriebener Liebesbrief?



Diese Filmkritik ist zuerst erschienen bei fluter.de.

 

Christian Horn / Wertung: * * * (3 von 5)



Filmdaten

Verrückt nach Dir
(Going the Distance)

USA 2010
Regie: Nanette Burstein;
Darsteller: Drew Barrymore (Erin), Justin Long (Garrett), Charlie Day (Dan), Jason Sudeikis (Box), Christina Applegate (Corinne), Ron Livingston (Will), Oliver Jackson-Cohen (Damon), Jim Gaffigan (Phil), Natalie Morales (Brandy), Kelli Garner (Brianna), June Diane Raphael (Karen) u.a.;
Drehbuch: Geoff LaTulippe; Produzenten: Jennifer Gibgot, Garrett Grant, Adam Shankman; Kamera: Eric Steelberg; Musik: Mychael Danna; Schnitt: Peter Teschner;

Länge: 103 Minuten; FSK: ab 6 Jahren; deutscher Kinostart: 2. September 2010



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Zitat

"Dass er als ehemals verfolgter polnischer Jude nach dem Zweiten Weltkrieg in das Land der Mörder seiner Familie ging, um Filme zu produzieren und sich auch für den demokratischen Wiederaufbau Deutschlands engagiert einsetzte, ist ein wahres, ein großes Geschenk für unser Land. ... Zumal Artur Brauner dies [das Produzieren von Filmen über den Holocaust; Red.] schon in einer Zeit vorantrieb, in der man in Deutschland die eigene Schuld und die Mitwirkung an den Verbrechen der Nazis noch eher verdrängte, als diese aufzuarbeiten."

Kulturstaatsministerin Monika Grütters zum Tode des legendären Filmproduzenten Artur "Atze" Brauner (1. August 1918 - 7. Juli 2019)

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