15. Dezember
2000
"Vergiss
Amerika" erzählt jedoch nicht ausschließlich eine
Liebesgeschichte. Zugleich handelt er von zerbrochenen Träumen.
David will Fotograf werden, bekommt aber nur einen Ausbildungsplatz
in einem winzigen Fotoladen, der bald schließen muss, so
dass David hinter der Fischtheke eines Supermarktes landet. Benno
träumt von amerikanischen Autos, gründet auch einen
Gebrauchtwagenhandel, der aber so schlecht läuft, dass er
sich mit polnischen Autoschiebern einlassen muss. Anna will Schauspielerin
werden, träumt gar von einer steilen Hollywood-Karriere,
doch nach ihrer Ausbildung erhält sie nur dubiose Angebote
als Synchronstöhnerin.

Der
Regisseurin Vanessa Jopp ist ein Film gelungen, mit dem sie nicht
nur ihre Abschlussprüfung im Fach Regie an der Hochschule
für Film und Fernsehen in München mit Bravour bestanden
haben dürfte. "Vergiss Amerika" ist zugleich ihr
Debütfilm auf dem freien Markt, der von der Kritik überwiegend
gelobt und auf dem Münchner Filmfest mit dem Preis der "Hypo-Vereinsbank",
der höchstdotierten Regie-Auszeichnung eines deutschen Filmfestes,
geehrt wurde.
"Vergiss Amerika" erzählt ein kompliziertes Thema
ebenso schön und kurzweilig wie geradlinig und unkompliziert.
Die Rollen sind sehr gut besetzt. Besonders Marek Harloff verkörpert
eindrucksvoll den schüchternen Verehrer. Die Kreativität
der Regisseurin ist sehr bemerkenswert. Allerdings verschlechtert
teilweise gerade die Eigenschaft des Films als Abschlussarbeit
den Film als Gesamtwerk . Bei einer Abschlussarbeit sind naturgemäß
die fachbezogenen Kriterien (hier die Regie) wichtiger als der
Film insgesamt. Teilweise wirkt der Film mit Regie-Tricks, insbesondere
der Symbolik, überladen, also zu ästhetisch. Die einfach
erzählte Geschichte verliert dadurch an Authentizität,
da dem Zuschauer oft all zu deutlich vor Augen geführt wird,
dass er nur auf ein Kunstprodukt blickt. Von der Geschichte her
ist die Grenze zwischen Film und Realität dagegen meist durchlässig:
Die scheinbar nebensächlichen Details deuten sehr treffend
die Situation vieler Ostdeutscher in den ausgehenden Neunziger
Jahren an:
Die Gründungseuphorie ist schnell verflogen, und Benno gleitet
in die Kriminalität ab. Davids Mutter stiehlt der neue Supermarkt
noch die letzte Kundin. Ganz nebenbei entwickelt sich Davids Bruder
zum Rechtsradikalen. Die Hilflosigkeit der Eltern wird symbolisiert
durch den Vater, der seit einem Unfall an den Rollstuhl gefesselt
ist.

Vanessa
Jopp deutet das Erzählte nicht, sondern skizziert dokumentarisch
das nebenher vermittelte, tatsächlich existierende Umfeld,
aus dem sie drei Figuren heraushebt und deren Desillusionierung
exemplarisch und relativ detailliert darstellt. Der Glaube der
"unbegrenzten Möglichkeiten" der Marktwirtschaft
ist längst einer tiefen Enttäuschung gewichen. Am deutlichsten
wird dies an Benno, der sich am meisten von den drei Freunden
mit dem Kapitalismus identifiziert, als Händler von amerikanischen
Gebrauchtwagen um sein Geschäft bemüht ist und sich
einzugestehen weigert, dass es nicht zum besten bestellt ist,
wenn er sich schon mit der Mafia einlassen muss.
Filme, die nach der Wende entstanden sind, lassen - als Haupthandlung
oder nebenbei - den Zustand der Stimmung in Deutschland erkennen.
Zwei Jahre nach dem Fall der Mauer thematisierte der ostdeutsche
Regisseur Peter Timm mit "Go Trabi go" die Euphorie
und die neu gewonnene Reisefreiheit.
Zehn Jahre nach dem Mauerfall ist die Freiheit längst relativiert.
In "Bis zum Horizont und weiter" entführt ein liebenswürdiger,
rustikaler Sachse die kapitalistisch geprägte, herzlose Richterin,
die seine Frau zu einer Gefängnisstrafe verurteilt hatte.
Die Entführung ist aber weder brutal noch dramatisch, sondern
nicht nur für den Zuschauer äußerst komisch. Der
Hintergrund jedoch bleibt ernst.
In "Sonnenallee" räumte der Regisseur Leander Haußmann,
der gebürtig Quedlinburg (Sachsen-Anhalt) stammt, mit der
Meinung auf, in der DDR sei alles schlecht gewesen: Die Jugend
östlich der Mauer sei genau so schön wie die im Westen
gewesen - mindestens.
"Helden wie wir", ein Film des Hamburger Regisseurs
Sebastian Peterson, erschien um den 9. November 1999 herum und
machte sich über die Nationalsymbolik lustig: Während
die Diskussion über den Verdienst um die Einheit (Helmut
Kohl? Das Volk?) bis ins Jahr 2000 anhält, lieferte der Film
eine unkonventionelle Lösung: Ein Wichser lenkte die Grenzposten
ab, indem er hoch oben auf der Mauer die Hosen fallen ließ.
Das Volk hatte freie Bahn. Zuvor jedoch schilderte "Helden
wie wir" die Kindheit des Maueröffners und zielte damit
in dieselbe Richtung wie "Sonnenallee".
Nach der anfänglichen Euphorie und der anschließenden
Ostalgie zeigt "Vergiss Amerika" nun die Desillusionierung
gerade der Jugendlichen, denen die Zukunft in Freiheit nach 1989
ja zu Füßen zu liegen schien. Hoffentlich ist "Vergiss
Amerika" der Wendepunkt der realen Mentalität, die sich
in Filmen, besonders den hier genannten, wiederspigelt. Die Hoffnung
ist noch nicht begraben: Trotz der negativen Tendenz werfen die
hier genannten Filme doch einen auch humorvollen Blick auf das
Erzählte. Merkwürdige Eigenschaften und Situationen
lassen die Menschen in Ost und West bei aller Verschiedenheit
menschlich und liebenswürdig erscheinen. Lachen verbindet
- und zermürbt die Mauer in den Köpfen.