09.02.2015
Nahezu brillante Darstellung eines Gewissenskonflikts

Verfehlung (2014)


Verfehlung (2014): Sebastian Blomberg 2010 wurde die Katholische Kirche weltweit vom Missbrauchsskandal eingeholt. Seitdem vergeht kein Monat, in dem nicht ein neuer Fall eines Geistlichen, der in seinem Amt Kindern und Jugendlichen zu nahe kam, bekannt wird. Regisseur Gerd Schneider nimmt sich des Themas in seinem Langfilmdebüt "Verfehlung" an. Schneider, selbst einst Priesteramtskandidat, kann zwar nicht katholische Klischees und eine stilisierte Gut-Böse-Dramaturgie vermeiden. Aber er weiß zu inszenieren. Jedes Bild, jeder Schnitt gelingt ihm bei der Annäherung an die emotionale Krise seiner Hauptfigur Jakob (Sebastian Blomberg), eines Gefängnispfarrers, dessen Kumpel und Berufskollege Dominik (Kai Schumann) wegen mutmaßlichen und bald gegenüber Jakob bestätigten Missbrauchs angezeigt wird.

Gerd Schneider saß nach eigener Aussage sieben Jahre an diesem Filmprojekt. 2015 sind es erst fünf Jahre, dass der Missbrauchsskandal der Katholischen Kirche in der Welt ist. Der Filmemacher erklärt die auffallenden zwei Jahre Differenz in einem Interview mit der ZEIT: "Damals interessierte das Thema Missbrauch durch Priester in Deutschland niemanden. Aber es interessierte mich. – Damals kam nichts zutage, was man vor zehn, zwanzig oder dreißig Jahren nicht auch hätte wissen können. Man wollte es nur nicht wissen." Schneider, der fast Pfarrer geworden wäre, teilt mit, er sei einst einmal mit einem Fall in Berührung gekommen. "Ein Mitbruder gestand mir, dass er sich zu Jungs hingezogen fühlt. Ich habe ihm dringend geraten, sich professionelle Hilfe zu suchen. Ich war geschockt – und froh. ... Dass er es sagt, dass er sich anvertraut, dass er nicht nur betet und seine Neigung verdrängt." In Gerd Schneiders Film geht es um Verdrängung eines Vorfalls durch höhere kirchliche Instanzen, nicht aber um die Verdrängung einer Neigung des einzelnen Priesters: Er macht sich schuldig, sieht es aber nicht ein. Er wird davon sprechen, sich verliebt zu haben. Es ist allerdings keine unschuldige Liebe zu Heranwachsenden, die Gerd Schneiders Film zur Sprache bringt.

"Da schmeißt einer mit Dreck, und es ist nur eine Frage der Menge, ob was hängen bleibt..."

Verfehlung (2014): Kai Schumann, Sebastian Blomberg Drei katholische Priester sind Freunde. Sie spielen Fußball miteinander oder treffen sich gerne zu einem Bier. Einer von ihnen, Dominik, wird angezeigt, sich an einem Jungen vergangen zu haben. Gegenüber seinem Kumpel Jakob gibt er schließlich zu, dass er tatsächlich schuldig ist. Der entsetzte Jakob weiß nicht, wie er sich verhalten soll, während für den Dritten im Bunde, den innerhalb der Kirche gerade aufsteigenden Oliver (Jan Messutat), die Sache klar ist: Man hilft der Mutter des Kindes finanziell, dafür wird die Angelegenheit unter den Tisch gekehrt. Jakob schweigt lange mit, merkt aber, dass sein Verhalten nicht richtig ist. Zumal noch ein weiteres Kind ungewollten Kontakt mit dem Täter gehabt zu haben scheint. Ein Kind, das vor seinem Vater und vor Jakob in die Hosen macht, als es den Namen Dominik Bertram hört.

Verfehlung (2014): Jan Messutat (oben) Gerd Schneiders Inszenierung ist brillant, von ihm sind weitere Filme zu wünschen. Es ist der beste Film zum aktuellen Thema Missbrauch in der Katholischen Kirche bisher, Schneider weiß genau, wie Jakobs im Verlauf des Films wechselnden Empfindungen dem Zuschauer zu vermitteln sind. Sebastian Blomberg ist als überforderter Priester Jakob hervorragend besetzt. Weniger facettenreich ist Schneiders Inszenierung des seelischen Zustands Dominiks: Da der Film sich auf Jakobs schwankendes Verhalten konzentriert, Jakob zu sehr den Mittelpunkt von "Verfehlung" bildet, steht Dominiks Charakterisierung hintenan. Gerd Schneider sagt im Interview: "Die Mehrheit des Klerus setzt sich nicht mit der eigenen Sexualität auseinander. Doch den Zölibat leben heißt die eigene Sexualität anerkennen. Nicht umsonst kultiviert die Kirche noch immer eine leibfeindliche Haltung: Sie besteht aus Menschen, denen ihr Leib fremd ist und die oft die emotionale und sexuelle Reife eines Zwölfjährigen besitzen." Schneider sagt es in dem Interview, aber drückt es im Film leider nur unzureichend aus. Wesentlich besser dargestellt: der Wunsch der Kirchenoberen inklusive Oliver nach Beendigung der publik gewordenen Krise. Wie dieses Kehren unter den Teppich funktioniert, zeigt der Film "Verfehlung" beklemmend. Mehr noch, er untersucht Jakobs Konflikt, dabei mitzumachen oder nicht, dazu eine eigene Haltung zu entwickeln, in grandioser Weise.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Alina Bader / Camino Filmverleih

 
Filmdaten 
 
Verfehlung (2014)  
 
Deutschland 2014
Regie & Drehbuch: Gerd Schneider;
Darsteller: Sebastian Blomberg (Jakob Völz), Kai Schumann (Dominik Bertram), Jan Messutat (Oliver), Sandra Borgmann (Vera Rubin), Oskar Bökelmann, Valerie Koch, Sebastian Kowski u.a.;
Produktion: AV Medien Penrose GmbH, Penrose Film GmbH; Produzenten: Felix Eisele, Julia Kleinhenz, Katja Siegel, Bernhard Stegmann; Kamera: Pascal Schmitt; Musik: John Gürtler, Jan Miserre; Schnitt: Uta Schmidt;

Länge: 95,25 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih von Camino Filmverleih; deutscher Kinostart: 26. März 2015



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<09.02.2015>


Zitat

"Feigheit macht jede Staatsform zur Diktatur."

Regisseur Wolfgang Staudte

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