03.11.2011
Das Leben in Klammern

Up in the Air


Es gibt einerseits das reale Leben. Da, wo Familie, Beruf, Beziehungen, Freude und Trauer, kurz: Verantwortung stattfinden. Auf der Erde. Und dann gibt es da noch etwas: die kleine Abwechslung, das kurze Entkommen, das Leben, das in Klammern steht. Da gilt die Schwerkraft nicht mehr, man ist oben in der Luft. Hat wenig Gepäck und wenig im Gepäck. Wenig Verantwortung. Das ist die Welt der bakterienfreien Hotelzimmer, der Kredit- und Mitglieder-Chipkarten, der Bars und Minibars, dem Saft aus dem Automaten, der langen und Kurzflüge, des künstlichen Lächelns. Wo andere nur mal kurz auf der Reise sind. Da ist Ryan Bingham zu Hause.

"Wie viel wiegt Ihr Leben?" fragt Ryan. Erst die kleinen Sachen, die auf Regalen herumliegen, dann die Möbel, die man sich anschafft. Die Wohnung oder das Haus dazu, dann alle Menschen um einen herum, mit allen Streits und Kompromissen. Es klingt nach Arbeit, nach Schwere, nach Schwerkraft. Packt man alles in einen Rucksack, dann schneiden die Riemen ganz schön in die Schultern ein. Ryan Bingham rät auf seinen Workshops und Vorträgen: Packen Sie alles wieder aus! "Wir sind Haie" ist seine Botschaft, wir wollen uns schnell bewegen. Bewegung ist Leben.

Ryan Bingham bewegt sich. Dauernd. 43 schlimme Tage hat er im Jahr, wenn er zu Hause ist. Ansonsten sammelt er jahraus jahrein eifrig Meilen von Fluggesellschaften, um die begehrte Zehn-Millionen-Meilen-Karte zu ergattern, hat immer eine Chipkarte zur Hand, die ihm Türen öffnet oder Automaten gefügig macht. Er wärmt sich am synthetischen Service-Lächeln der Angestellten von Hotels, Bars und Flughäfen, optimiert sein Gepäck aus Zeitersparnis, meidet alles, was an Lebensechtheit erinnert.

Ryan meidet Menschen. Und kündigt sie. Beruflich. Er ist weitgereister "Firmensanierer", ein "termination specialist", der täglich klagende, weinende, wütende, ausrastende Gekündigte vor sich sitzen hat. Mit zurechtgelegten Binsenweisheiten führt er sie auf wackeligem emotionalem Glatteis hin zur Akzeptanz ihrer unausweichlichen Situation. Seine Firma plant Schlimmeres: Kündigung per Video-Chat. Scheint uns dagegen Ryan Bingham nicht sogar human und menschlich?

Unvergleichbar gut ist George Clooney in dieser Rolle. Sie ist ihm förmlich auf den Leib geschnitten. Auch sein Flirtverhalten mit einer ähnlich gepolten Vielreisenden ist unnachahmlich. Wenn man leicht bepackt reist und ohne Bindungen, ist das Leben im wahrsten Sinne unbeschwert. Diese Leichtigkeit entspannt auch den Zuschauer. Ärgerlich wird es nur, wenn einen das reale Leben dann doch wieder einholt – erst störend, mit kleinen Anrufen, dann eingreifend, mit Forderungen, und dann verletzend, mit Enttäuschungen. Wie wird Ryan Bingham damit umgehen – kommt er zurück auf die Erde, oder bleibt er in seinem Leben in Klammern, hoch oben in der Luft?

Schnell, witzig und elegant ist der Film, die filmische Bewegung darin, die schnellen Berührungen. Regisseur und Drehbuchautor Jason Reitman, bekannt geworden durch "Thank You for Smoking" (2005), hat eine leichte Hand beim Entwickeln seiner Filmsprache. Harte Wahrheiten klar ausgesprochen – und mit einem schnellen oberflächlichen Lösungspflaster versehen – bei Reitman ist es gut hinnehmbar. Wenn Alex aufzählt, was bei einem Mann wichtig ist: "kein Arschloch wäre schön", "Kinder soll er mögen", "ein nettes Lächeln" – alles andere ist kein Ausschlusskriterium, dann klingt das zwar bitter aber auch wahr. Vor allem entwickelt der Film eine Metaebene – gewollt oder ungewollt. Weil er oberflächlich scheint, aber die Oberfläche einreißt und für Einsichten sorgt, die er nicht anbietet, die aber Andeutung genug sind, um sich im Zuschauer weiterzuentwickeln.

Die geschnittenen Szenen als Zusatzmaterial auf der DVD verschaffen einen tieferen Einblick in die Charaktere, fast eine zusätzliche Dimension – schade, dass sie den Film zu lang gemacht hätten. Dennoch ist der Streifen ein vielschichtiger Genuss, eine Entführung in die Wolken (der gekonnte Vorspann mit Wolkenbildern, die den Blick aus dem Flugzeug auf verschiedene Städte und Landschaften der USA freigeben ist ein visueller Augenschmaus), in eine "brave new world", einer schönen künstlichen und verführerischen Welt. So ist der ganze Film wie eine Liebelei, zu der man sich hinreißen lässt, die sich aber nicht verabschiedet, ohne nachdenklich zu machen.  

Hilde Ottschofski / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

 

 
Filmdaten 
 
Up in the Air (Up in the Air) 
 
USA 2009
Regie: Jason Reitman;
Darsteller: George Clooney (Ryan Bingham), Vera Farmiga (Alex Goran), Anna Kendrick (Natalie Keener), Jason Bateman (Craig Gregory), Amy Morton (Kara Bingham), Melanie Lynskey (Julie Bingham), J.K. Simmons (Bob), Sam Elliott (Maynard Finch), Danny McBride (Jim Miller), Zach Galifianakis (Steve), Chris Lowell (Kevin) u.a.;
Drehbuch: Jason Reitman, Sheldon Turner nach dem Roman "Der Vielflieger" von Walter Kirn; Produktion: Jeffrey Clifford, Daniel Dubiecki, Ivan Reitman, Jason Reitman; Kamera: Eric Steelberg; Musik: Rolfe Kent; Schnitt: Dana E. Glauberman;

Länge: 110 Minuten; FSK: ohne Altersbeschränkung; ein Film im Verleih von Paramount; deutscher Kinostart: 4. Februar 2010



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Zitat

"Ich war sehr erfolgreich damit, ein totaler Idiot zu sein." (über seine Karriere)

"Ich schaue die Welt mit Kinderaugen an." (über die Bewahrung seiner Kindlichkeit)

US-Komiker Jerry Lewis (16.03.1926-20.08.2017)

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