25.06.2018

Unter Strom

Ein frisch des Mordes verurteilter Unschuldiger (Hanno Koffler) tritt mit einem zerstrittenen Ex-Ehepaar als Geisel die Flucht an, sammelt unterwegs einen konservativen Politiker ein, den er hinter dem Komplott gegen ihn vermutet, und verschanzt sich recht planlos in einem Landhaus. Dorthin bestellt er seine Frau und seinen besten Kumpel, die insgeheim ein Verhältnis haben; auch die Polizei lässt nicht lange auf sich warten und Ruck-Zuck ist das so hektische wie geschwätzige Chaos perfekt – "Unter Strom", das Kinodebüt von Zoltan Paul, will eine waschechte Screwball-Comedy sein.

Eine ebensolche zeichnet sich der Definition auf 35millimeter.de zufolge durch eine "temporeiche und pointierte Dialogform" und ein daraus resultierendes "rasches Wechselspiel von Aktion und Reaktion" aus. Wenngleich Zoltan Paul bei diesem Vorhaben von einer neunköpfigen Truppe begabter deutscher Theater-, Fernseh- und Kinodarsteller (darunter Ralph Herforth, Robert Stadlober und Catrin Striebeck) unterstützt wird, erschöpft sich die an sich vielversprechende Ausgangslage größtenteils in müder Belanglosigkeit.

Bei einer Komödie, vor allem bei einer dieser Art, ist das Timing von entscheidender Bedeutung: Wenn ständig etwas passiert und immer was los ist, dann muss die eine Szene der anderen, der eine Dialog dem nächsten, die Klinke in die Hand geben – schön geschmeidig, passgenau und bestenfalls vom Zuschauer unbemerkt. Und gerade hier, also ganz tief im dramaturgischen Kern, liegt das grundlegende Hemmnis des Films, von der biederen Ästhetik einmal abgesehen. Kann das Drehbuch die Forderung nach pointierten und schnellen Dialogen zumindest partiell – mal besser, mal schlechter – erfüllen, versagt es ausgerechnet beim "Wechselspiel von Aktion und Reaktion". Besonders nach dem ersten Drittel wirken viele Szenen zunehmend isoliert und schlaff; eben so gar nicht in eine logische, zwingende Kette von Ereignissen eingebunden, sondern mehr oder minder plump gestaffelt.

Da sich das komplette Figurenarsenal der rasenden Abfolge sei Dank in einfach chiffrierten Typen erschöpft, wird diese Aneinanderreihung auch noch zunehmend redundant. Am Ende bleibt dann eine zwar gut gemeinte, aber schwunglose und gar nicht bissige, verzichtbare und öde Farce.



Diese Filmkritik ist zuerst erschienen bei fluter.de.

 

Christian Horn / Wertung: * * (2 von 5)



Filmdaten

Unter Strom


Deutschland 2009
Regie: Zoltan Paul;
Darsteller: Hanno Koffler (Frankie Huber), Harald Krassnitzer (Daniel Trieb), Catrin Striebeck (Anna Trieb), Anna Fischer (Gloria), Robert Stadlober (Cheesie), Tilo Nest (Jan Van Möllerbreit), Ralph Herforth (Jochen Kaminski), Franz Xaver Zach (Reinhard Reuter), Sunnyi Melles (Inspektor Sigrid Freesmann), Dietmar Horcicka (Daniels Anwalt), Florence Matousek (Annas Anwältin), Zoltan Paul (Richter), Helga Ziaja (Richterin), Anita Fenske (Gaby), Ulf Weissenborn (Zivilbeamter Heinz), Uwe Poppe (Kuhn), Rayk Gaida (Assistent des Ministers), Peter Rauch (Innenminister) u.a.;
Drehbuch: Zoltan Paul, Uli Brée; Produzentin: Clementina Hegewisch; Kamera: Christopher Rowe; Musik: Thomas Mehlhorn; Schnitt: Sebastian Thümler, Ben von Grafenstein;

Länge: 80 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; deutscher Kinostart: 10. Dezember 2009



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Zitat

"Er etablierte eine Form der Filmkritik, wie es sie vorher und nachher nicht mehr gab. Merker bestand darauf, bei der Auswahl der Filme und der Ausschnitte freie Hand zu haben - was heutzutage, im Zeitalter der immer gleichen Clips, undenkbar ist. Jahrelang gaben sogar die großen Verleihe nach, weshalb Hollywood bei ihm eine ebenso große Rolle spielte wie unabhängig gedrehte, schützenswerte Werke. Helmut Merker mochte nicht einzelne Filme, sondern er liebte das Kino."

Aus dem Nachruf von Milan Pavlovic in der Süddeutschen Zeitung zum Tode des früheren WDR-Filmredakteurs, Filmpublizisten und
-kritikers Helmut Merker (18.08.1942 - 03.09.2018)

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