14.10.2009
Nur drei Ahlener Juden überlebten die NS-Zeit: die Spiegels

Unter Bauern
- Retter in der Nacht


Unter Bauern - Retter in der Nacht: Martin Horn als Herr Aschoff, Lia Hoensbroech als Anni Aschoff, Veronica Ferres als Marga Spiegel Dieser Film kommt nahezu ganz ohne Pathos und Sentimentalität aus. Vielleicht abgesehen vom Ende des Films, wenn die echte Marga Spiegel gezeigt wird, wie sie die Dreharbeiten besucht. Sie lebt noch, 2009, während der Dreharbeiten, während des Kinostarts, 97-jährig ist sie da, sie könnte längst tot sein...
"Unter Bauern" leidet wie so viele Filme über das Dritte Reich darunter, dass das große Ganze der NS-Zeit nicht dargestellt werden kann, wenn eine einzelne Geschichte erzählt wird, die sich auf mikrokosmischer Ebene abspielt: Münsterländische Bauern retten Marga Spiegel (Veronica Ferres) mitsamt Ehemann und Tochter vor der Deportation. Dennoch hat Regisseur Ludi Boeken viel richtig gemacht.

Der Film "Inglourious Basterds" von Quentin Tarantino, anderthalb Monate vor "Unter Bauern" in die deutschen Kinos gekommen, zeigt in seinen ersten 20 Minuten eine französische Bauernfamilie, die während der Besetzung Frankreichs durch die Nazis eine jüdische Familie beherbergt – vergeblich, ein deutscher "Judenjäger" hebt das Versteck im Bauernhaus aus; nur die Tochter kann vor der Ermordung fliehen.

Unter Bauern - Retter in der Nacht: FilmplakatDie in beiden Filmen gezeigten Versuche der Rettung von Juden durch Bauern sind frappierend ähnlich, nur dass die Story von "Unter Bauern – Retter in der Nacht" auf Tatsachen basiert: Marga Spiegel, 1912 geboren und heute in Münster / Westfalen lebend, gehörte zu den Geretteten. Die Tante von Paul Spiegel, dem 2006 verstorbenen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, verfasste das 1969 erschienene Buch "Retter in der Nacht". In dem Bericht schildert sie, wie Bauern im Münsterland sie und ihre Familie in den Jahren 1943 bis 1945 vor der Deportation bewahrten. Das Buch wurde jetzt von Ludi Boeken verfilmt, mit Veronica Ferres als Marga Spiegel und Armin Rohde als Margas Ehemann Menne. Während Menne bei Bauer Pentrop auf dem Dachboden versteckt wird, überleben Marga Spiegel und ihre Tochter Karin unter den Namen Marga und Karin Krone auf dem Hof der Aschoffs. Die Bauern Aschoff und Pentrop waren Kameraden Mennes im Ersten Weltkrieg – als Menne noch als Deutscher akzeptiert war und als Soldat für Deutschland den Kopf hinhielt. Den katholischen Bauern ist klar, dass eine Deportation der Juden in den Osten für diese wohl den Tod bedeuten würde. Mit einer Selbstverständlichkeit verstecken alle die Familie Spiegel. Nur drei Juden aus Ahlen in Westfalen überleben schließlich die NS-Zeit: die Spiegels.

Margarita Broich und Martin Horn spielen das Ehepaar Aschoff hervorragend in seiner bäuerlichen Rustikalität mit Gefühl für die Nöte der jüdischen Familie Spiegel. Lia Hoensbroech als Tochter Anni Aschoff muss einen schauspielerischen Spagat beherrschen, und das gelingt ihr: In der ersten Hälfte des Films ist Anni überzeugtes BDM-Mitglied, dann hat sie ihr Damaskus-Erlebnis und freundet sich mit der Jüdin Marga Spiegel an. Auch Veronica Ferres zeigt in dem Film, dass sie ihren Star-Status für ihre sehr ernste Rolle herunterschrauben und eine Glanzleistung liefern kann. Nur Louisa Mix als Tochter Spiegel ist eine Fehlbesetzung: Sie sagt ihre Sätze hölzern, ohne Gefühl auf. Dafür stellt Armin Rohde als Vater Menne auf sehenswerte Weise dar, was es bedeutet, zwei Jahre lang fast vollständig isoliert zu sein: Menne, getrennt von Frau und Tochter, die im Gegensatz zu ihm unter Pseudonym unter den Menschen leben, bekommt fast einen Knacks weg.

Unter Bauern - Retter in der Nacht: Lia Hoensbroech als Anni Aschoff, Louisa Mix als Karin Spiegel, Veronica Ferres als Marga SpiegelDas ist eine der Stärken des Films: Er zeigt auf, wie Menschen durch den Nationalsozialismus geprägt werden und sich verändern. Auch hat Regisseur Ludi Boeken Gespür für Einzelheiten: Der Zuschauer hält den Atem an, wenn Marga Spiegel, die sich als Dortmunderin ausgibt, auf die banale Frage nicht antworten kann, was während der Bombardierung aus der Dortmunder Reinoldikirche wurde. Jene Kriegsszenen lässt der Film beiseite wie auch Bilder von Deportationen. Sie sind als dem Zuschauer bekannt vorausgesetzt. Das ist in Ordnung, auch wenn der Film den Schrecken und die Verbrechen der NS-Zeit nur latent darstellen kann, weil eine Einzelgeschichte erzählt wird. Dies geht aber mit fast jedem Film über das Dritte Reich einher. Problematisch ist einzig bei "Unter Bauern", dass fast ausschließlich Bauern gezeigt werden, die der jüdischen Familie geholfen haben. Vom Nachbarsjungen im Neonazi-Look abgesehen, in den Anni verliebt ist, sind im Prinzip nur positiv dargestellte Deutsche zu sehen. Erst der Abspann berichtet, dass es gerade einmal 455 Deutsche gab, die Juden retteten. Darunter die in Yad Vashem als "Gerechte unter den Völkern" geehrten Bauern Aschoff, Pentrop und Silkenböhmer.

"Unter Bauern" endet damit, dass die echte Marga Spiegel gezeigt wird, wie sie 97-jährig die Dreharbeiten besucht, in Begleitung der ebenfalls alt gewordenen Anni Aschoff, Hand in Hand. Eine gewisse Sentimentalität ist dieser Szene nicht abzusprechen, aber das macht nichts – es ist schön zu sehen, wie die Dame tatsächlich bei den Dreharbeiten dabei sein kann.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * * (3 von 5) 
 

Quelle der Fotos: 3L

 
Filmdaten 
 
Unter Bauern - Retter in der Nacht  
 
Deutschland 2009
Regie: Ludi Boeken;
Darsteller: Veronica Ferres (Marga Spiegel), Armin Rohde (Menne Spiegel), Louisa Mix (Karin Spiegel), Margarita Broich (Frau Aschoff), Martin Horn (Herr Aschoff), Lia Hoensbroech (Anni Aschoff), Tjard Krusius (Emmerich Aschoff), Kilian Schüler (Florian Aschoff), Marlon Kittel (Klemens Aschoff), Veit Stübner (Herr Pentrop) u.a.; Drehbuch: Otto Jägersberg, Imo Moszkowicz, Heidrun Schleef; Produktion: FilmForm Köln, Pandora Filmproduktion, 3L Filmproduktion in Co-Produktion mit Acajou Films und WDR /ARTE; Produzenten: Joachim von Mengershausen, Karl Baumgartner; Kamera: Daniel Schneor; Musik: David Greilsammer; Länge: 100 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih von 3L Filmverleih; deutscher Kinostart: 8. Oktober 2009



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Zitat

"Feigheit macht jede Staatsform zur Diktatur."

Regisseur Wolfgang Staudte

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