08.07.2018

Unser Paradies

Vassili (Stéphane Rideau) arbeitet bereits seit einigen Jahren als Stricher in Paris. Mit den Jahren fällt ihm die Kundensuche immer schwerer, da jüngere Männer auf dem Markt vielfach beliebter sind: "Als Schwuler musst du dein Leben in Hundejahren rechnen – mit dreißig ist alles vorbei" lautet die pessimistische Bilanz Vassilis, dessen Wut über die Freier (und wohl auch seine eigene Lebenssituation) in gewalttätigen Aktionen bis hin zum mehrfachen Mord ans Tageslicht tritt. Als er einen zusammengeschlagenen jungen Mann (Dimitri Durdaine) am Straßenrand findet, scheint sich das Blatt zum Guten zu wenden. Vassili tauft seinen neuen Begleiter auf den Namen Angelo, weil er ihm wie ein Engel vorkommt, und beide sehen im jeweils anderen eine Chance auf ein besseres Leben. Eine zeitlang arbeiten Vassili und Angelo gemeinsam als Callboys, doch schließlich suchen sie ihr Glück außerhalb von Paris und flüchten zu einer Bekannten aufs Land.

"Unser Paradies" beginnt als Liebesdrama und Charakterstudie im Strichermilieu, doch im Verlauf der Handlung gleitet Regisseur Gaël Morel in die Gefilde des Familienfilms und Thrillers. Leider geschieht der Wechsel der Tonlagen und Erzählschwerpunkte recht unbeholfen: Wie auch die restlichen Handlungen der Figuren bleiben die Stimmungsumschwünge in "Unser Paradies" in erster Linie Behauptungen des Drehbuchs und erscheinen nicht als organisch und nachvollziehbar aus den Geschehnissen heraus entwickelte Wendungen. In diese Kategorie fallen auch die irritierenden Mordaktionen von Vassili, die mehr oder minder für sich alleine stehen und im Verlauf der Ereignisse erst gegen Ende einen Widerhall finden.

Das Problem von Gaël Morel ist letztlich, dass er seine unterschiedlichen Ideen nicht reibungslos in seinem Film unterbekommt, sondern immer wieder Szenen ungehobelt aneinander reiht und daher letztlich eher einen Flickenteppich als eine sinnvolle Dramaturgie vorlegt. Zum wirklich gelungenen Queer-Drama fehlt "Unser Paradies" also das erzählerische Format, das Liebesdrama als gänzlich misslungenen Film zu bezeichnen, ist jedoch auch nicht angebracht: Wenngleich die verschiedenen Teile des Films nicht so recht ineinander aufgehen wollen, so sind viele der Einzelteile dennoch sehenswert.



Diese Filmkritik ist zuerst erschienen bei fluter.de.

 

Christian Horn / Wertung: * * * * (4 von 5)



Filmdaten

Unser Paradies
(Notre paradis)

Frankreich 2011
Regie & Drehbuch: Gaël Morel;
Darsteller: Stéphane Rideau (Vassili), Dimitri Durdaine (Angelo), Béatrice Dalle (Anna), Didier Flamand (Victor), Raymonde Bronstein (Annas Mutter), Malik Issolah (Kamel), Mathis Morisset (der kleine Vassili) u.a.;
Produzent: Paulo Branco; Kamera: Nicolas Dixmier; Musik: Camille Rocailleux, Louis Sclavis; Schnitt: Catherine Schwartz;

Länge: 96 Minuten; FSK: ab 18 Jahren; deutscher Kinostart: 12. April 2012



Artikel empfehlen bei:  Mr. Wong Delicious Facebook  Webnews Linkarena  Hilfe

© filmrezension.de

home
  |  suche   |  wap  |  e-mail
 über uns  |  impressum  


 
Zitat

"Er etablierte eine Form der Filmkritik, wie es sie vorher und nachher nicht mehr gab. Merker bestand darauf, bei der Auswahl der Filme und der Ausschnitte freie Hand zu haben - was heutzutage, im Zeitalter der immer gleichen Clips, undenkbar ist. Jahrelang gaben sogar die großen Verleihe nach, weshalb Hollywood bei ihm eine ebenso große Rolle spielte wie unabhängig gedrehte, schützenswerte Werke. Helmut Merker mochte nicht einzelne Filme, sondern er liebte das Kino."

Aus dem Nachruf von Milan Pavlovic in der Süddeutschen Zeitung zum Tode des früheren WDR-Filmredakteurs, Filmpublizisten und
-kritikers Helmut Merker (18.08.1942 - 03.09.2018)

Drucken

Artikel empfehlen
Mr. Wong Delicious Facebook Webnews Linkarena 
Hilfe