30.03.2011
Ich ist ein anderer

Unknown Identity


Unknown Identity: Liam Neeson Die Identität verschwindet. So nah zeigen die Porträts auf der Ausstellung, die Dr. Martin Harris (Liam Neeson) mit seiner Frau Elizabeth (January Jones) besucht, die Gesichter der Modelle, dass sie unpersönlich werden. "Ich bin Dr. Harris", ist sich der amerikanische Wissenschaftler, der nach Berlin gereist ist, sicher. Da ist der in ein mörderisches Komplott verstrickte Hauptcharakter der Einzige. Für alle anderen ist Harris eine "Unknown Identity" - ein Unbekannter. Ein Mann sucht sich nicht selbst bei Regisseur Jaume Collet-Serra, sondern kämpft um sein Recht an der eigenen Persönlichkeit, vehementer als es wohl je ein Paparazzi-geplagter Star tat.

Nach einem Autounfall scheint niemand in der fremden Stadt ihn zu kennen. Harris' Entsetzen wächst, als sogar Elizabeth ihn nicht wiedererkennt und sich ein Fremder (Aidan Quinn) an ihrer Seite als Martin Harris vorstellt. Jeder Beweis für Harris' wahre Identität scheint ausgelöscht. Verfolgt von einem ominösen Killer (Stipe Erceg), sind seine einzigen Verbündeten die Taxifahrerin Gina (Diane Krüger) und der einstige Stasi-Mitarbeiter Jürgen (Bruno Ganz). Unter der Hochglanzoberfläche verbirgt sich eine fast zweistündige Version der urbanen Legende von dem Pärchen, das in einer fremden Stadt im Hotel übernachtet. Am Morgen ist ein Partner verschwunden und alle Befragten leugnen, ihn oder sie je gesehen zu haben. Ein Zufall enthüllt, dass der Verschwundene an der Pest starb und jede Spur beseitigt wurde.

Noch großzügiger bedient sich die Handlung bei der US-Fernsehserie "Twilight Zone". In der Episode "Person or Persons unknown" wird der Protagonist eines Morgens von niemandem mehr erkannt und landet in der Psychiatrie, wo ihm ein Arzt sagt, eine Person seines Namens existiere nicht. An den psychologischen Abgründen, welche das Thema des Identitätsverlusts birgt, ist "Unknown Identity" jedoch nicht interessiert. Zweifelt Harris doch einmal an seinem Verstand, versichert umgehend eine Handlungswendung, dass er tatsächlich Opfer eines Komplotts ist. Die Widersprüche darin wachsen indes, umso weiter die Handlung fortschreitet.

Jagd auf einen Unsichtbaren

Warum verlässt Harris das Krankenhaus zu Fuß? Warum benachrichtigt er nicht Verwandte, um ihn zu identifizieren? Vergnügen sich alle alten Stasi-Spitzel wie Bruno Ganz in einem skurrilen Cameo-Auftritt als Hobby-Detektive, weil Schnüffeln einfach so viel Spaß macht? Einen Plot zu ersinnen, der so vertrackt ist, dass sein Ausgang unvorhersehbar wird, ist kein großes Kunststück. Eine intelligente Thriller-Unterhaltung zu inszenieren hingegen schon. Erstes beherrscht Jaume Collet-Serra, zweites nicht. In "Unknown Identity" beweist der französische Regisseur wie schon in seinem letzten Werk, dass er filmtechnisch nicht zu den kreativen Künstlern gehört. Sein auf der Berlinale 2011 wohlweislich außer Konkurrenz gezeigter Identitätskrimi krankt an den gleichen Schwächen, unter denen sein letzter Film "Orphan" litt.

Unknown Identity: Harris' Wagen rast von der Oberbaumbrücke in die Spree In geschliffenen Bildern ohne jede Atmosphäre präsentiert Collet-Serra eine grobschlächtige Collage besserer Vorgänger. "Orphan" schusterte seine Geschichte aus Gruselklassikern wie "Das Omen" und "Der Exorzist", kombiniert mit einem Plottwist aus "Wenn die Gondeln Trauer tragen" zusammen. "Unknown Identity" wiederum bedient sich ähnlich ungeniert bei den Paranoia-Filmen und Psychothrillern der Fünfziger und Sechziger. Von der Komplexität der Vorbilder Alfred Hitchcocks und Robert Aldrichs ist der konventionelle Action-Thriller weit entfernt. Stattdessen verharrt er an der Oberfläche großspuriger Effekte. Das Adlon brennt, Harris' Wagen rast von der Oberbaumbrücke in die Spree, in Reiseprospekt-Ästhetik glänzt die verschneite Stadtsilhouette. Den Platz im Berlinale-Wettbewerb schien sich "Unknown Identity" dadurch verdient zu haben, dass er Werbung für Berlin als Produktionsort macht.

Ärgerlich ist Collet-Serras Werk, weil es keiner der alljährlich auf dem Festival laufenden Unterhaltungsfilme ist. "Unknown Identity" unterhält nicht, er ermüdet. Auf der letzten Pressevorführung am letzten Wettbewerbs-Filmtag der Berlinale 2011 war dies das letzte, was man sehen wollte. An einem normalen Kinoabend dürfte es nicht anders sein.  

Lida Bach / Wertung: * (1 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Kinowelt

 
Filmdaten 
 
Unknown Identity (Unknown) 
 
USA / Großbritannien / Frankreich / Deutschland / Kanada / Japan 2011
Regie: Jaume Collet-Serra;
Darsteller: Liam Neeson (Dr. Martin Harris), Diane Kruger (Gina), January Jones (Elizabeth Harris), Aidan Quinn (der andere Dr. Martin Harris), Frank Langella (Rodney Cole), Bruno Ganz (Ernst Jürgen), Stipe Erceg (Jones), Karl Markovics (Dr. Farge), Sebastian Koch (Professor Leo Bressler) u.a.;
Drehbuch: Oliver Butcher und Stephen Cornwell nach der Vorlage von Didier Van Cauwelaert; Produzenten: Joel Silver, Leonard Goldberg, Andrew Rona; Co-Produzenten: Charlie Woebcken, Christoph Fisser, Adam Kuhn, Richard Mirisch; Ausführende Produzenten: Susan Downey, Peter McAleese, Sarah Meyer, Steve Richards; Assoziierter Produzent: Ethan Erwin; Kamera: Flavio Labiano; Musik: John Ottman, Alexander Rudd;

Länge: 113,22 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih von Kinowelt; deutscher Kinostart: 3. März 2011



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Zitat

"Feigheit macht jede Staatsform zur Diktatur."

Regisseur Wolfgang Staudte

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