07.05.2019
Schwarzseherisches Island-Drama

Under the Tree


Was mit verhinderter Sommerbräune beginnt, steigert sich innerhalb eines Nachbarstreits in absurde Dimensionen hinein – so will diese schwarze isländische Dramödie auf die Schwäche der menschlichen Natur aufmerksam machen, die sich unter Einsatz erfinderischer Kampfmethoden schnell in einer Abwärtsspirale verfangen kann.

Under the Tree Die trauergeplagte Inga und ihr resignierter Mann Baldvin verweigern ihren Nachbarn Eybjorg und Konrad den Wunsch nach mehr Sonne, und lehnen es ab, ihren reichlich Schatten spendenden Baum zurückzustutzen, der in den Nachbargarten hineinragt. Anfangs fallen nur beleidigende Worte, es folgen jedoch bald gegenseitige Anschuldigungen und daraufhin Taten, ans Absurde grenzend. Wären wir nicht im Kino, könnten wir es kaum glauben. Und da wir im Kino sind, fragen wir uns – wie weit kann man gehen, um das eigene Recht einzufordern?

Ingas Sohn Atli bekommt zuhause auch Streit, der sich langsam hochschaukelt. Die Mutter seines Kindes sperrt ihn aus der gemeinsamen Wohnung, und so zieht er gezwungenermaßen zu seinen Eltern zurück, um sich dem anderen Kriegsschauplatz unterm Baum anzuschließen.

Under the Tree: Filmplakat "Under the Tree" des Regisseurs Hafsteinn Gunnar Sigurðsson ist verstörend. Die dichte spannungsreiche und visuell geschickt umgesetzte Erzählung um streitende Nachbarn und eine Ehekrise im isländischen Idyll erinnert an die argentinische Filmproduktion "Wild Tales" aus dem Jahr 2014, der auch Grenzen menschlicher Aggression ausweitet und übersteigert. Der Film erreicht scheinbar mehrere Male den Punkt ohne Wiederkehr, und dennoch geht es jedesmal einen Schritt weiter ins Groteske. Die läppischen Ursachen des Streits sind längst mit tieferen Motivationen und Hintergrundinformationen gefüttert, und dennoch reichen auch diese nicht aus, um die amoralische Handlung zu begründen. Irgendwann hat keiner mehr Recht, irgendwann geht es auch gar nicht mehr darum, wer überhaupt Recht hat. Das ist dann auch die Universalbotschaft des Films, auf jeden Konflikt der Welt übertragbar.

Hafsteinn Gunnar Sigurðsson wurde u.a. bekannt durch das US-Remake "Prince Avalanche" (Regie: David Gordon Green, USA 2013) seines Regiedebüts "Either Way" ("Á annan veg", 2011). Seine Weltpremiere feierte "Under the Tree" bei den Internationalen Filmfestspielen Venedig, es folgte die Nordamerika-Premiere beim Toronto International Film Festival. Darüber hinaus reichte Island "Under the Tree" als offiziellen Beitrag ins Oscar-Rennen als besten fremdsprachigen Film ein.  

Hilde Ottschofski / Wertung: * * * (3 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Netop Films

 
Filmdaten 
 
Under the Tree (Undir trénu) 
 
Island/Polen/Dänemark/Deutschland/Frankreich 2017
Regie: Hafsteinn Gunnar Sigurðsson;
Darsteller: Sigurdur Sigurjónsson (Baldvin), Steinthór Hróar Steintórsson (Atli), Edda Björgvinsdóttir (Inga), Selma Björnsdóttir (Eybjorg) u.a.;
Drehbuch: Huldar Breiðfjörð, Hafsteinn Gunnar Sigurðsson; Produzenten: Grímar Jónsson, Sindri Páll Kjartansson, Dorir Snaer Sigurjónsson; Kamera: Monika Lenczewska; Musik: Daníel Bjarnason; Schnitt: Kristján Loðmfjörð;

Länge: 88,51 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih der Farbfilm Verleih GmbH; deutscher Kinostart: 16. Mai 2019



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<07.05.2019>


Zitat

"Dass er als ehemals verfolgter polnischer Jude nach dem Zweiten Weltkrieg in das Land der Mörder seiner Familie ging, um Filme zu produzieren und sich auch für den demokratischen Wiederaufbau Deutschlands engagiert einsetzte, ist ein wahres, ein großes Geschenk für unser Land. ... Zumal Artur Brauner dies [das Produzieren von Filmen über den Holocaust; Red.] schon in einer Zeit vorantrieb, in der man in Deutschland die eigene Schuld und die Mitwirkung an den Verbrechen der Nazis noch eher verdrängte, als diese aufzuarbeiten."

Kulturstaatsministerin Monika Grütters zum Tode des legendären Filmproduzenten Artur "Atze" Brauner (1. August 1918 - 7. Juli 2019)

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