14.02.2014
"Glück ist eine Frage der richtigen Perspektive"

Und morgen Mittag bin ich tot


Und morgen Mittag bin ich tot: Lena Stolze, Liv Lisa Fries, Sophie Rogall Lea (Liv Lisa Fries) möchte sterben. Das Erschreckende: Sie ist eine 22-Jährige, die diesen Entschluss gefasst hat. Sie lässt sich nicht beirren. Und Lea hat einen Grund: In wenigen Monaten wird sie ersticken, ihre Lunge läuft voll. Die Krankheit heißt Mukoviszidose. Lea fährt in die Schweiz. Dort ist Sterbehilfe legal, in Deutschland nicht. Von Zürich aus ruft sie ihre Familie herbei. Ein Konflikt bahnt sich an.
Der Film wertet nicht. Vielmehr ist er als Debattenbeitrag zu verstehen. Stellvertretend für alle schwerstkranken Menschen erzählt der Film von einer jungen Frau, die krankheitsbedingt fürs Weiterleben keine physische Kraft mehr hat.

Von der Idee zu einem Film bis zu seinem Kinostart vergeht viel Zeit – erste Pläne, erster und letzter Drehtag und möglicherweise die eine oder andere Festivalauswertung liegen dazwischen. Dieser Zeitraum beträgt manchmal drei Jahre. Wenn man so will, ist bei "Und morgen Mittag bin ich tot" das Timing perfekt: Aktueller könnte der Film nicht sein. Am 27. Januar 2014 forderten katholische Bischöfe das Verbot von organisierter Sterbehilfe, kurz zuvor widmete Günther Jauch seine ARD-Talksendung dem Thema, kurz danach war es dem SPIEGEL eine Titelgeschichte wert, gefolgt vom Kinostart des Spielfilmdebüts von Regisseur Frederik Steiner am 13. Februar 2014. An diesem Tag die nächste Nachricht: Belgien erlaubt aktive Sterbehilfe auch für Kinder.

Und morgen Mittag bin ich tot: Lena Stolze, Liv Lisa Fries Über das Kindesalter ist Lea bereits hinaus. Dennoch ist sie eine noch sehr junge Frau, die freiwillig aus dem Leben scheiden will. Leas schwere Stoffwechselkrankheit Mukoviszidose ließe sie sowieso nur noch wenige Monate am Leben. Das möchte sie abkürzen. Im Gegensatz zu ihrem Körper ist Leas Psyche sehr stark. Also macht sie sich kompromisslos daran, ihren Plan in die Tat umzusetzen. Mit Widerstand hat sie gerechnet, sie ist vorbereitet. Einen Tag, ihren Geburtstag, möchte Lea noch mit ihren Vertrauten in Zürich verbringen und dann in ihrem Beisein ein tödliches Getränk zu sich nehmen. Aber die Mutter (Lena Stolze) will dies nicht einfach akzeptieren. Auch die anderen Familienmitglieder, Schwester (Sophie Rogall) und Oma (Kerstin de Ahna) sind ratlos.

Unterdessen lernt Lea in der Züricher Pension, in der sie untergebracht ist, den etwa gleichaltrigen Moritz (Max Hegewald, "Scherbenpark") kennen. Sind sie sich anfangs nicht grün, entwickeln die beiden eigensinnigen jungen Menschen eine platonische Freundschaft in der Kürze der Zeit, die ihnen bleibt. Moritz kann seinerseits das Leben nicht ertragen. Ist es bei Lea der Körper, so lässt Moritz' Psyche keine Freude mehr zu. Mit Zynismus begegnet er der Welt. Bald offenbart er Lea, was der Grund dafür ist.

Und morgen Mittag bin ich tot: Liv Lisa Fries, Max Hegewald Auch Lea setzt Sarkasmus ein, um sich über die Hürden des Lebens zu helfen. "Glück ist eine Frage der richtigen Perspektive", sagt sie am Anfang des Films im Off und meint, immerhin habe sie einen eigenen Chauffeur (der Pfleger, der sie in die Schweiz fährt) und immer 20 Liter privaten Sauerstoff dabei. Den benötigt sie, was der Film eindringlich zeigt. Immer wieder keucht sie beim Gehen, in einer Nacht hustet sie Blut. Regisseur Frederik Steiner kann nicht nur den Wunsch nach Erlösung durch den Tod glaubwürdig gestalten, er weiß auch mit Schauspielern umzugehen, sie in Szene zu setzen. Dies macht er bravourös. Davon profitierte auch Liv Lisa Fries in der Hauptrolle der Lea: Sie gewann verdientermaßen sowohl den Bayerischen Filmpreis als auch den Max Ophüls Preis als Beste Nachwuchsdarstellerin. Liv Lisa Fries ist vielleicht die Entdeckung des Filmjahres kurz nach ihrer Hauptrolle in "Staudamm".

Über das Thema Sterbehilfe kann man verschiedener Meinung sein – wie der Film umgesetzt ist, ist hervorragend, nahezu perfekt – "Und morgen Mittag bin ich tot" schrammt an seinem Ende an Rührseligkeit vorbei, dies drückt etwas die Qualität des Films. Gleichwohl muss man anerkennend loben, dass der Film nicht Partei für die Sterbehilfe ergreift, sondern einfach erzählt: vom Leiden einer jungen Frau, die sich, auch wenn es anderen nicht passt, zu helfen weiß.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Jacqueline Krause-Burberg / Peter Heilrath Filmproduktion (die beiden oberen Fotos), Peter Heilrath (Foto unten), Universum Film

 
Filmdaten 
 
Und morgen Mittag bin ich tot  
 
Deutschland / Schweiz 2013
Regie: Frederik Steiner;
Darsteller: Liv Lisa Fries (Lea), Lena Stolze (Mutter Hannah), Sophie Rogall (Rita), Max Hegewald (Moritz), Bibiana Beglau (Michaela Orff), Johannes Zirner (Heiner), Kerstin de Ahna (Oma Maria), Minh-Khai Phan-Thi (Frau Wu), Robert Hunger-Bühler (Dr. Joseph Seydlitz) u.a.;
Drehbuch: Barbara te Kock; Produzenten: Peter Heilrath, Andreas Bareiss, Sven Burgemeister; Produktion: Peter Heilrath Filmproduktion, Goldkind Film; Kamera: Florian Emmerich; Musik: Daniel Sus; Schnitt: Bernd Schlegel;

Länge: 102,24 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih der Universum Film GmbH; deutscher Kinostart: 13. Februar 2014



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verstorben: Dorothea Holloway, unter ihrem Geburtsnamen Dorothea Moritz Schauspielerin ("Höhenfeuer", "Der Willi-Busch-Report"), Filmjournalistin und liebe Freundin (08.06.1932 - 03.02.2017)


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