12.02.2010

Dem Leben ins Gesicht lachen

Tuan yuan / Apart Together

Es ist soweit – die 60. Internationalen Filmfestspiele haben begonnen. Ein chinesischer Film eröffnete die Berlinale 2010: "Tuan yuan" ("Apart Together"). Den Goldenen Bären nahm Regisseur Wang Quan'an vor drei Jahren für "Tuyas Hochzeit" mit nach Hause. In seinem neuen Werk geht er der Frage nach, was passiert, wenn man zwei Menschen, die sich als zusammengehörig empfinden, für Jahrzehnte trennt – und sie einander schließlich doch wiederbegegnen. Anrührend, aber nicht ohne Witz, erzählt er vor dem Hintergrund chinesisch-taiwanesischer Historie von unterdrückten Gefühlen, die leise wieder wach werden – und diverse Konflikte in der Familie mit sich bringen.

Der chinesische Bürgerkrieg liegt länger als ein halbes Jahrhundert zurück. Getrennt hat er Familien, Freunde und Liebende. Damals kämpfte Mao Zedongs kommunistische Partei gegen die nationalistische Kuomintang. Noch während des chinesisch-japanischen Krieges von 1937 bis 1945 hatten die kommunistischen und nationalistischen Kräfte Seite an Seite gegen die Japaner gestanden. Nach der Kapitulation Japans 1945 zerbrach jedoch die Einheitsfront. Im darauf folgenden Bürgerkrieg gelang es den kommunistischen Truppen, das gesamte Festland zu erobern – die Kuomintang musste 1949 nach Taiwan fliehen. Daraus resultiert die bis heute andauernde Trennung des Landes in die Volksrepublik China und die Inselrepublik Taiwan.

Im Film ist Liu (Ling Feng) einer der Krieger von damals, der bei der Flucht nach Taiwan seine schwangere Verlobte Yu-E (Lisa Lu) auf dem Festland zurücklassen musste. Als hätten sich beide ihrem Schicksal ergeben, haben sie – während die politischen Verhältnisse ein gemeinsames Leben verhinderten – erneut geheiratet, längst andere Familien gegründet. Das Baby von Liu und Yu-E ist in China aufgewachsen, inzwischen ein Mann mittleren Alters, und hat zwei Halbschwestern bekommen. Als Lius Frau stirbt, schreibt er einen Brief an seine alte Liebe Yu-E und bittet – mehr als fünfzig Jahre nach der Trennung – um ein Wiedersehen. Trotz geographischer Distanz und der Entfremdung, die die Zeit mit sich bringt, ist die gegenseitige Liebe nicht erloschen; sie scheint nur in einem tiefen Schlummer begriffen gewesen zu sein.

Der taiwanesische Gast ist jedoch nicht allen in der Familie gleichermaßen willkommen. Während sich Yu-Es Mann Lu (Xu Caigen) in Höflichkeitsgesten gegenüber dem Rivalen flüchtet und die größten Krabben auftischt, die sich auf dem Markt finden lassen, kann Yu-Es Sohn (Yu Baiyang) keinen Zugang zu dem leiblichen Vater finden. Die Jüngste im Clan (Monica Mo) hingegen unterstützt Liu, der Yu-E mit zu sich nach Taiwan nehmen möchte, sogar. Die unterschiedlichen Familienmitglieder gruppiert Regisseur Quan'an oft im Film um einen großen Esstisch, bedeckt mit Platten unterschiedlichster Gerichte. Dort spielen sich die Rituale ab, dort prostet man sich zu, legt einander besondere Leckerbissen in die Schüssel – bis sich die Aggressionen nicht mehr im Korsett guten Benehmens einschnüren lassen. Bei einem Restaurantbesuch bricht Lus Verzweiflung hervor, der seine Frau zwar gehen lassen möchte, aber auch seine eigenen Gefühle nicht einfach abwürgen kann. "Dem Leben ins Gesicht lachen", das verlangt er von sich, und bricht prompt darauf angetrunken mit dem Wirt eine Schlägerei vom Zaun. Als Lu mit einem Hirninfarkt ins Krankenhaus eingeliefert wird, ändert der Taiwanese Liu sein Verhalten...

Der Filmemacher Wang Quan'an meistert seine schweren Themen mit Leichtigkeit und einer bisweilen aufblitzenden Ironie. Als sich etwa Lu zur Scheidung bereit erklärt, schickt der Beamte das alte Paar, das keine formelle Heiratsurkunde vorweisen kann, erst einmal Hochzeitsfotos machen – denn ohne Hochzeitsfotos keine Heiratsurkunde, und ohne die keine Scheidung. Großartige Schauspieler hat er auch für diesen Film gewinnen können, so dass man sich gelegentlich ein weniger textlastiges Skript wünscht: die Mimik einer Lisa Lu oder eines Xu Caigen erzählt so viel, dass es der vielen Worte nicht bedarf. Besonders schön hat Kameramann Lutz Reitmeier die Stimmung in Shanghai, einer Stadt, die sich ganz und gar im Umbruch befindet, eingefangen; und nicht zufällig zieht die Familie Yu-Es von einer ärmlichen Gegend in die geräumigere Wohnung in der wer-weiß-wievielten Etage eines modernen Neubaus. Der Wechsel des Wohnraums verweist auf einen Wechsel der Werte; die Loyalität gegenüber der Familie wird mit dem Wunsch nach individuellem Glück kontrastiert. Wie wird sich Yu-E entscheiden?  

Jasmin Drescher / Wertung: * * * (3 von 5)



Filmdaten

Tuan yuan / Apart Together
(Tuan yuan)
China 2010
Regie: Wang Quan'an; Drehbuch: Wang Quan'an, Na Jin; Kamera: Lutz Reitmeier; Schnitt: Wu Yixiang;
Darsteller: Lisa Lu (Yu-E), Ling Feng (Liu), Xu Caigen (Lu), Monica Mo (Enkelin), Ma Xiaoqinq (ältere Tochter), Jin Na (jüngere Tochter), Yu Baiyang (Sohn), Xue Guoping (Schwiegersohn), Leila Wei (singendes Mädchen) u.a.

Länge: XX Minuten (noch nicht bekannt); Weltpremiere am 11. Februar 2010 in Berlin: Eröffnungsfilm der Berlinale 2010, Wettbewerbsfilm und Gewinner des Silbernen Bären für das Beste Drehbuch



Artikel empfehlen bei:  Mr. Wong Delicious Facebook  Webnews Linkarena  Hilfe

© filmrezension.de

home
  |  suche   |  wap  |  e-mail
 über uns  |  impressum  


 
Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

Drucken

Artikel empfehlen
Mr. Wong Delicious Facebook Webnews Linkarena 
Hilfe