06.08.2018

Transnationalmannschaft

Multikulti ist gescheitert und "Deutschland schafft sich ab" – bei Kerner, Maischberger und Co. reden sich die Experten die Köpfe darüber heiß. Doch mitten in Mannheim nimmt der vormalige Ethnologie-Student Philipp Kohl eine andere Sichtweise ein: Abseits von grauen Zahlen und Spitzengremien begibt sich der junge Regisseur mit seiner Kamera vor die eigene Haustür, um dem ganz alltäglichen Stand der Integration im vibrierenden Migranten- und Arbeiterviertel Jungbusch nachzuspüren. Dass "Transnationalmannschaft" während der Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika – also inmitten einer deutschlandweiten Euphorie – entstanden ist und daher nicht unbedingt ein allgemeingültiges Stimmungsbild zeichnet, reflektiert die Doku indes nicht. Kohls Film ist daher weniger eine objektive Bestandsaufnahme, als vielmehr ein subjektiver Blick auf das Zusammenleben von Deutschen und Ausländern im Jungbusch.

Im Grunde ist "Transnationalmannschaft" ein Interviewfilm. Zahlreiche der Jungbusch-Anwohner aus aller Herren Länder sprechen über ihre Erfahrungen mit Integration, wobei die multiethnische Aufstellung der deutschen Nationalelf wiederholt als Gesprächseinstieg dient. Die Antworten der Befragten sind im Allgemeinen nicht sonderlich erhellend, sondern erscheinen oft formelhaft: Ein afghanischer Ladenbesitzer erklärt, die erste Zeit im fernen Deutschland sei eine große Umstellung gewesen, ein junger Türke fühlt sich sowohl in Deutschland als auch in der Türkei fremd und eine Sozialarbeitern verweist darauf, dass die Kenntnis der deutschen Sprache den Integrationsprozess befördert. Allzu plakativ erscheinen Szenen, in denen Philipp Kohl seine Protagonisten den Text der deutschen Nationalhymne vorlesen lässt – ein arg gestellter Indizienbeweis für die gelungene Einbürgerung der jeweiligen Protagonisten.

Inhaltlich liefert Philipp Kohl kaum weiterführende Erkenntnisse und auch handwerklich überzeugt die Low-Budget-Doku nicht immer, wobei vor allem die beliebige Montage des Materials unelegant ist. Was "Transnationalmannschaft" aber trotz seiner Fehler sympathisch macht, ist die schöne Geste: Guckt her, sagt Philipp Kohl, hier im Jungbusch ist Multikulti keineswegs gescheitert – im Gegenteil erfahren die eifrigen Debatten über die Missstände der Integration im Gemüseladen gegenüber eine ganz alltägliche Entspannung.



Diese Filmkritik ist zuerst erschienen bei fluter.de.

 

Christian Horn / Wertung: * * (2 von 5)



Filmdaten

Transnationalmannschaft


Deutschland 2010
Regie: Philipp Kohl; Co-Regie: Ali Badakhshan Rad;
Drehbuch: Philipp Kohl, Ali Badakhshan Rad; Kamera: Peter Kozana;

Länge: 95,13 Minuten; FSK: ohne Altersbeschränkung; deutscher Kinostart: 2. Juni 2011



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Zitat

"Er war einer der großen deutschen Filmhistoriker, hellsichtig, leidenschaftlich, präzise. Aus dem Münchner Filmmuseum, das er von 1973 bis 1994 leitete, machte er einen Ort für alle, die das Kino lieben und verstehen wollen, wie es funktioniert. Zusammen mit seiner Frau Frieda Grafe setzte er neue Maßstäbe für die Reflexion über den Film als Kunstform. Durch umfangreiche Retrospektiven schärfte er den Blick auf die Werke bedeutender Filmemacher, aber auch für die Komplexität des Genre-Kinos. Er rekonstruierte Klassiker wie 'M' oder 'Metropolis' und schuf damit ein Bewusstsein für den Reichtum des Stummfilms."

Aus dem SPIEGEL-Nachruf zum Tode des Filmpublizisten
und -kritikers Enno Patalas (15.10.1929 - 07.08.2018)

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