6. November 2006

Kriegsfilm auf Moralin


Tränen der Sonne


Afrika, das ist der K-Kontinent: Krisen, Krankheiten und Kriege. Es kommt selten vor, dass sich eine Hollywood-Produktion der Region widmet, die meist unter "weitere Nachrichten des Tages" zum Gähnen animiert. Schafft es Afrika dennoch auf die Leinwand, so entweder als der "schwarze Kontinent" und damit lediglich als beeindruckender Hintergrund für ein Heldenmärchen ("Black Hawk Down") oder als epische Anklageschrift wider westliche Ignoranz und Apathie ("Hotel Ruanda"). Was geschieht, wenn beides - naiver Kriegsfilm und todernste Gewissensschelte - in einen Topf gerät, zeigt Antoine Fuquas fade Melange "Tränen der Sonne".


In Nigeria ist wieder einmal die Hölle los: Eine marodierende Soldateska überzieht das Land mit Raub, Folter und Mord. Da sich noch einige Amerikaner im Land befinden, wird Lieutenant Waters (Bruce Willis) mit einer Gruppe Navy Seals mit deren Rettung beauftragt. Der beinharte Krieger findet rasch seine Zielpersonen, stößt allerdings bei der adretten Dr. Kendricks (Monica Bellucci) auf Widerstand: Die Ärztin sans frontiers weigert sich beharrlich, ihre Leute zurück- und so den mordenden Landsknechten zu überlassen. Es gelingt ihr schließlich den mürrischen Waters zu überreden, die Flüchtlinge bis an die Grenze des sicheren Kamerun zu geleiten. Im Herz der Finsternis und gegen seine Befehle willigt Waters ein und verteidigt die Flüchtlinge vor ihren Verfolgern.

Eine Variante des Oskar Schindler könnte Waters sein, wenn ihm nicht allzu schnell Blei um die Ohren flöge. "Tränen der Sonne" ist nämlich nicht ein Menschlichkeitsdrama, das mit einem ausdruckslosen Willis und einer unglaubwürdigen Bellucci aufwartet, sondern ein lupenreiner Kriegsfilm auf Moralin. Der Bürgerkrieg mit seinen Grausamkeiten entpuppt sich schnell als bloße Begründung für einen gerechten Krieg, ein heldenhaftes Ausharren bis zum letzten Mann. Erwartungsgemäß humpelt dann auch Willis als zerschossener "Stirb langsam"-Haudegen einschließlich blut- und schweißgetränktem Unterhemd aus dem Endkampf, in dem die bösen Buben im Feuer amerikanischer Raketen schmoren wie weiland in "Apocalypse Now".

Dabei hat "Tränen der Sonne" zweifellos das Zeug zu einem anspruchsvollen Kriegsfilm. Gerade das Thema zwingt das Nachdenken über Gewalt förmlich auf: Immer wieder werden die unvorstellbaren Grausamkeiten der nigerianischen Mordbrenner angedeutet und - das ist bemerkenswert - ebenso die latente Unmenschlichkeit der amerikanischen Spezialtruppe. Während die Söldner ihre Opfer bei lebendigem Leibe verbrennen oder vergewaltigend verstümmeln, packen die Soldaten "nur" hart zu und töten ihre Feinde mit sichtlicher Genugtuung - auch zu derjenigen des Zuschauers. Leider gelingt es Fuquas nicht, den Prozess der Entmenschlichung im Krieg so eingehend nachzuzeichnen wie es Kubrick in "Full Metal Jacket" vorführte. Stattdessen begnügt sich "Tränen der Sonne" mit der bequemen Schwarz-Weiß-Sicht der zwar widerspenstigen, aber doch guten Amerikaner und den wilden Afrikanerhorden, die in Hi-Tech-Stahlgewittern ihr gerechtes Ende finden.
Verwundern kann das nicht. Bekanntlich kann eine Überdosis Moralin die Wahrnehmung nachhaltig verzerren.

 
Thomas Hajduk / Wertung: * (1 von 5)



Filmdaten

Tränen der Sonne
(Tears of the Sun)

USA 2003
Regie: Antoine Fuqua;
Darsteller: Bruce Willis (Lieutenant A.K. Waters), Monica Bellucci (Dr. Lena Fiore Kendricks), Cole Hauser (James 'Red' Atkins), Eamonn Walker (Ellis 'Zee' Pettigrew), Johnny Messner (Kelly Lake), Nick Chinlund (Michael 'Slo' Slowenski), Charles Ingram (Demetrius 'Silk' Owens), Paul Francis (Danny 'Doc' Kelley), Chad Smith (Jason 'Flea' Mabry), Tom Skerritt (Captain Bill Rhodes), Malick Bowens (Colonel Idris Sadick), Awaovieyi Agie (Musa), Akosua Busia (Patience), Hadar Busia-Singleton (Amaka), Ida Onyango (Lasana) u.a.; Drehbuch: Alex Lasker, Patrick Cirillo; Produktion: Ian Bryce, Mike Lobell, Arnold Rifkin; Kamera: Mauro Fiore; Musik: Lisa Gerrard, Hans Zimmer; Länge: 121 Minuten (Director's Cut: 142 Minuten); FSK: ab 16 Jahren; deutscher Kinostart: 28. August 2003; ein Film im Verleih von Sony Pictures




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Zitat

"Ich bin ein Filmemacher, kein Dokumentarfilmer. Ich versuche, die Wahrheit zu schlagen."

("I'm a moviemaker, not a documentarian. I try to hit the truth.")

Regisseur Ridley Scott, der am 30. November 2017 seinen 80. Geburtstag feierte

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