13.09.2016
Das Konterkarieren des Turbokapitalismus

Toni Erdmann


Toni Erdmann Seit "Palermo Shooting" von Filmemacher Wim Wenders 2008 war kein deutscher Film im Wettbewerb von Cannes vertreten. Das französische Filmfestival holt sich nur das Beste vom Besten, so auch im Fall von "Toni Erdmann": Regisseurin Maren Ade gelingt ein tragikomisches Feuerwerk an packenden Einfällen, wenn ein sozial eingestellter Mann seine Tochter besucht und aus dem Sumpf neoliberaler Entfremdung herausholen will, indem er sich kurzerhand in ihr Leben einmischt. Publikum und Kritik sind fast einhellig begeistert. Zu recht.
Maren Ade schaffte es, ihre drei bisherigen Spielfilme in hochklassigen Filmfesten unterzubringen: "Der Wald vor lauter Bäumen" beim Sundance-Festival 2005 (Special Jury Award), "Alle Anderen" bei der Berlinale 2009 (Großer Preis der Jury), nun "Toni Erdmann" in Cannes 2016. Dessen Jury war der Film wohl zu lustig, er ging leer aus, abgesehen vom Fipresci-Preis, der Auszeichnung der Internationalen Filmkritik.

Toni Erdmann: FilmplakatDie erste Szene des Films gibt bereits den Ton vor: Winfried, gespielt von Peter Simonischek, öffnet einem Postboten die Tür. Sagt, dass er nichts bestellt habe. Aber sicher sein Bruder. Er verschwindet und lässt den Postboten an der Haustür warten. Lange warten, für eine Filmszene sehr lange. Auftritt Bruder Toni, auch gespielt von Peter Simonischek, was der Zuschauer sofort erkennt: Winfried macht mit schlimm aussehender Perücke und schlechten Zähnen einen seiner vielen Späße. Im Paket sei was Explosives, sagt Toni. Der Postbote ist froh, dass Toni ihm das Paket endlich abnimmt. Im Haus muss Winfried hinnehmen, dass sein Klavierschüler hinschmeißt. Der Verlust ist nicht der Einzige für Winfried in diesen Tagen: Auch sein alter Hund wird ihn verlassen, wird sterben. Zuvor geschieht etwas, das selten geworden ist in Winfrieds Familie: Tochter Ines (Sandra Hüller) besucht ihre Heimat, ihre Mutter – Winfrieds Ex –, und Winfried selbst darf auch dabei sein. Doch Ines selbst ist selten dabei. Sie verlässt ihre eigene Geburtstagsfeier – wegen Ines' Arbeit wird vorgefeiert –, um im Garten zu telefonieren. Glaubt die Familie. Etwas hat sie von ihrem Vater, wenn auch nicht mehr viel: Sie schauspielert. Genauso schlecht wie er. Winfried durchschaut, dass Ines nur in den Garten geflüchtet ist. Das Telefonieren ist nicht echt. Man kann davon ausgehen, dass sie das Provinzielle anödet. Sie ist Unternehmensberaterin in Bukarest. Bald erfährt Winfried, was das heißt: Es bedeutet, dass Ines in die Welt des knallharten Kapitalismus geraten ist.

Winfried besucht Ines für ein Wochenende in Bukarest. Aus dem Wochenende wird mehr. Was Ines zunächst nicht weiß – und erst recht nicht will. Denn ihr Vater passt nicht in ihre Welt. Was ihn nicht dran hindert, in diese einzudringen. Als sein Alter Ego Toni Erdmann. Mit Perücke und falschen Zähnen. Als Coach. Was nun folgt, sind herrliche Sequenzen. Regisseurin Maren Ade übertreibt im Humor nie, er ist wohldosiert, und doch lacht der Zuschauer, wenn er sich auf diesen sehr speziellen Humor einlässt.

Winfrieds Intention, warum er Ines' Leben auf den Kopf stellt, wird nie explizit geäußert, aber sie ist evident: Der sozial eingestellte Mann ist entsetzt, wie seine Tochter in seinen Augen sich gerade selbst verbrennt – er konterkariert ihre Welt durch sein Benehmen. Einmal, bei dem Besuch einer Baustelle, soll ein Arbeiter gefeuert werden. Ines hält ihren Vater beim Intervenieren zurück mit den Worten: "Dann muss ich einen weniger entlassen."

Viele Filme der letzten Jahre beschäftigten sich bereits mit den Personen der Hochfinanz. Sei es Christoph Hochhäuslers "Unter Dir die Stadt" (auch mit Sandra Hüller). Sei es Johannes Nabers "Zeit der Kannibalen", wobei Ines an die weibliche Figur aus dem Film erinnert, dargestellt von Katharina Schüttler. In "Toni Erdmann" ist die kapitalistische Welt besonders drastisch, hier noch ergänzt durch die Einnahme von Kokain. Was Winfried veranlasst, seine Tochter kurz darauf mit Handschellen zu "verhaften". Doch ihm fehlen die Schlüssel, um sie beide wieder zu befreien...

Toni ErdmannEine Sequenz, die man nicht vergisst, reiht sich an die nächste, Ade weiß genau, was sie mit ihrem Film wollte. Höhepunkt ist eine Nacktparty, bei der sich alle gezwungenermaßen entblößen (oder entblöden?), eine Sequenz, die zeigt, dass Ines' Hülle aufgebrochen wurde durch ihres Vaters Einfluss: Sie will ihre falschen Arbeitskollegen entlarven, nackt dastehen lassen. Nur einer ist nicht entkleidet, im Gegenteil: Winfried trägt ein riesiges Pelzkostüm. Während er dieses noch anhat, wird Ines ihn umarmen. Das einzige Mal überhaupt. Maren Ades Intention: Noch einmal ist sie ihres Vaters Kind, Kind im Allgemeinen, aber das Kostüm, Winfried alias Toni Erdmann ist sozusagen als "Erdmännchen" unterwegs, schafft die symbolische Distanz, die Ines kein Damaskus-Erlebnis erlaubt: Am Ende des Films arbeitet sie in Singapur, einige Stufen höher als Bukarest, was den Turbokapitalismus betrifft. Ade hätte ihre weibliche Hauptfigur in ihrer Einstellung umkippen lassen können, aber das ist schwer zu inszenieren, ohne dass es kitschig wird.

Maren Ade hat laut Pressematerial Frauen aus dem Hochkapital gesprochen. Diese Szene ist wirklich so, so heftig, wie die Autorenfilmerin sie darstellt, so sehr daran interessiert ist diese Szene, der Welt den Kapitalismus zu bringen (Zitat aus "Zeit der Kannibalen"), was gleichzeitig bedeutet, dass Menschen auf der Strecke bleiben, die nicht mithalten können. Winfried alias Toni hält mit. Auf seine ihm eigene Weise. Zur Freude des Publikums, das gerne die zweieinhalb Stunden Zeit in den Film investieren darf.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * * * * (5 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Komplizen Film

 
Filmdaten 
 
Toni Erdmann  
 
Deutschland/Österreich/Rumänien 2016
Regie & Drehbuch: Maren Ade;
Darsteller: Peter Simonischek (Winfried / Toni), Sandra Hüller (Ines), Michael Wittenborn (Henneberg), Thomas Loibl (Gerald), Trystan Pütter (Tim), Hadewych Minis (Tatjana), Lucy Russell (Steph), Ingrid Bisu (Anca) u.a.;
Produzenten: Janine Jackowski, Jonas Dornbach, Maren Ade, Michel Merkt; Kamera: Patrick Orth; Schnitt: Heike Parplies;

Länge: 162,18 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih der NFP marketing & distribution GmbH; deutscher Kinostart: 14. Juli 2016



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verstorben: Dorothea Holloway, unter ihrem Geburtsnamen Dorothea Moritz Schauspielerin ("Höhenfeuer", "Der Willi-Busch-Report"), Filmjournalistin und liebe Freundin (08.06.1932 - 03.02.2017)


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