März 2002

Zeit macht nur vor Zerstörung Halt

The Time Machine

The Time Machine: Filmplakat Als 1895 der zur damaligen Zeit vom Marxismus beeinflusste Dichter H. G. Wells seinen utopischen Roman "Die Zeitmaschine" veröffentlichte, klang auf mehr als nur latenter Ebene Sozialkritik mit. Seine namenlose Hauptfigur, ein Wissenschaftler, beweist die Möglichkeit zu Zeitreisen und verlässt das viktorianische England in die Zukunft des Jahres 802701. Was er dort vorfindet, war bei Wells eine symbolische Darstellung des Kontrasts zwischen den Proletariern, hier: der übrig gebliebenen Menschheit, die sich Eloi nennt und in einfachsten, aber geselligen Verhältnissen lebt, und der Oberklasse, bei Wells: den Morlocks, die die Eloi in ihrer Existenz massiv bedrohen, ja schlichtweg auffressen. Diese Intention des Autors ist in der zweiten Verfilmung nicht mehr vorhanden, dafür legt Drehbuchautor John Logan großen Wert auf den Hinweis der Zerstörung der Welt durch Menschenhand und deren Folgen einer extremen evolutionären Weiterentwicklung in den dann folgenden Jahrhunderttausenden. Wie gut durchdacht - und filmisch umgesetzt - das ist, zeigt ein überraschend in "The Time Machine" vorkommender und erstaunliche Kompetenz Logans in der Materie beweisender Nietzsche-Rekurs.

Zu einem Zeitpunkt, an dem sich zwei Tendenzen im Kino besonders durchgesetzt haben, zum einen die auffällige Übermacht an Fantasy-Stoffen auf der Leinwand - man denke an "Harry Potter" und "Der Herr der Ringe" -, zum anderen der Rückgriff der Filmemacher auf bereits verfilmte Themen - Remakes wie "Planet der Affen" und, parallel zu "The Time Machine" im Kino, "Rollerball" bestimmen momentan die Film-Szene -, erscheint die Neuverfilmung des H. G. Wells-Stoffes "The Time Machine" eigentlich problematisch, da daraus eine Ideenlosigkeit speziell Hollywoods zu sprechen scheint. Noch merkwürdiger mutet da an, dass der Regisseur Simon Wells heißt und tatsächlich ein Ur-Enkel des Dichters ist. Eine PR-Aktion? Offiziell wird verlautbart, man habe bei Beginn der Produktion von der Verwandtschaft nichts gewusst. Aber das Offizielle greift noch weiter durch: Simon Wells fiel nach 18 Tagen Drehzeit wegen "völliger Erschöpfung" in Folge der Anstrengung für die weiteren Dreharbeiten aus. Er wurde durch den "The Mexican"-Regisseur Gore Verbinski abgelöst. Verbinski wird in den Credits nicht genannt, vom Hinweis "Wir danken Gore Verbinski" einmal abgesehen, und so beweist sich die Besetzung des Regisseurs Wells durch die Hintertür doch als PR-Aktion, da man am Namen Wells weiterhin festhielt, als sei nichts gewesen.

The Time Machine Das alles macht nichts - der Film wurde trotz solcher Umstände zu einer gelungenen Adaption des Buch-Klassikers mit größeren Veränderungen gegenüber der Vorlage, gleichzeitig erst die zweite Verfilmung des Werks überhaupt nach George Pals von den Erfahrungen der beiden Weltkriege beeinflussten Version aus dem Jahr 1960. Dort bekam die Hauptfigur einen Namen: H. G. Wells war es ehrenhalber selber, der eine Zeitmaschine konstruierte, gespielt von Rod Taylor. Bei Simon Wells heißt sie Alexander Hartdegen. Schon der Name selbst und die Besetzung sind Programm: Neben der Anspielung auf den Helden der Antike, Alexander der Große, den Welten-Eroberer wie -Entdecker, verweist der deutschstämmige Nachname Hartdegen auf den Pionier der Forschung, Albert Einstein, der durch seine Erkenntnisse die Welt neu definieren sollte. Damit das Spiel um die Namen im Film nicht Gefahr läuft, verloren zu gehen, wird Einstein einmal als mit Hartdegen kommunizierender und ausdrücklich zu fördernder Nachwuchs-Wissenschaftler bezeichnet. Dargestellt wird Alexander Hartdegen von Guy Pearce, dessen Hauptrolle im kurz vor "The Time Machine" inszenierten Thriller "Memento" von unglaublicher Rastlosigkeit und Drang nach Gerechtigkeit gekennzeichnet war. Diese Darstellung der bedingungslosen Getriebenheit kann Pearce auch in "The Time Machine" glaubwürdig herüberbringen. Ist sein Alexander Hartdegen am Anfang des Films noch ein wissenschaftlicher Fachidiot, ein im wahrsten Sinne des Wortes zerstreuter Professor - die Inszenierung dessen lässt da unvermeidlich eine zu gewollte Nachahmung von Screwball Comedys der 30er Jahre vermuten, allen voran Cary Grants humorvoller Darstellung eines Anthropologen in "Leoparden küsst man nicht" -, so ist Hartdegen bald darauf ein noch mehr von der Außenwelt abgeschiedener Mensch, noch mehr vergräbt er sich ernsthaft in seine Arbeit. Denn John Logan hat gegenüber der Vorlage einen Eingriff vorgenommen, der erst den Auslöser für die tatsächliche Umsetzung der Theorie um Zeitreisen in eine die Zeiten überbrückende Maschine bilden soll: Eine Liebesgeschichte hat er dazuerfunden, aber diese Idee ist doch sehr altbacken, zudem schwach in Szene gesetzt. Die Frau stirbt, der persönliche Schicksalsschlag zwingt Hartdegen zur Benutzung seiner Erfindung, er kann Emma das Leben retten. Und sie stirbt doch, ein zweites Mal, anders. Fatum? Ja, so denkt er philosophisch, seine Feststellung, den Lauf der Dinge kann man nicht aufhalten, lässt ihn die Zukunft besuchen, um sich dort Antworten auf die Frage nach dem Schicksal zu finden. Emma starb beim ersten Mal durch Totschlag, beim zweiten Mal durch den industriellen Fortschritt, und auch im New York des späteren 21. Jahrhunderts erlebt er Zerstörung, vom Menschen durchgeführt mit Billigung nicht absehbarer Konsequenzen: Ein lange für die Menschheit unerreichbarer Ort - der Mond - wird durch sie sofort vernichtet, eine sehr clevere Allegorie, für den Zuschauer zudem geradezu kathartisch verfilmt, die radikale Veränderung der Welt stößt die Evolution neu an, und in der Fortführung des Films zeigt sich, wie genau Logan Friedrich Nietzsches "Also sprach Zarathustra" gelesen hat: Von der Selbstauflösung des Menschen spricht da der Zeitgenosse von Wells, um zur Existenz als Übermensch zu gelangen.

The Time Machine Acht Jahrhunderttausende später landet Hartdegen bei den Eloi, jenem Rest der Menschheit, der friedfertig lebt, darunter die junge Mara, in die er sich verliebt - und er wird wie die Eloi durch die im Film übertrieben als Monster gezeichneten Morlocks bedroht. Er gibt nicht auf, ergibt sich nicht dem Schicksal und landet in den Fängen ihres Anführers, eines Zwischenwesens: Dem so genannten Über-Morlock (Jeremy Irons), einer Figur, die weder im Buch noch in der ersten Verfilmung vorkam und doch von Wells stammt, Logan fand sie in einem ersten, später fallen gelassenen Entwurf der "Zeitmaschine". Der Halb-Mensch-halb-Morlock heißt auch im Original Uber-Morlock, und nicht nur die Bezeichnung, auch die Philosophie, die dieser ihm unterbreitet, verweist eindeutig auf Nietzsche, ja wird nur verständlich durch den "Zarathustra": Das ohne diesen Background unverständliche Zitat "Ich bin ein unweigerliches Ergebnis von dir" erklärt sich in seiner Bedeutung durch Zarathustras Bemerkung "Zu jeder Seele gehört eine andre Welt, für jede Seele ist jede andre Seele eine Hinterwelt". Wie Zarathustra lehrt, hängen "die letzten Menschen" "über dem Abgrund", und so auch in Logans Intention: Die Eloi haben sich ihr Dorf in Form malerisch hängender Schwalbennester in einer Schlucht errichtet, jene Menschen, die nach Nietzsche die letzten sind vor der endgültigen Allmacht des Übermenschen. Diese zu verhindern oder nicht, und wenn ja, wie, ist Hartdegens Aufgabe, eine religiöse Problematik, die sich in der Umbenennung der Wells-Figur Weena in Mara kennzeichnet, damit namentlich eine Mutter Gottes-Anspielung, denn ein Sieg über die Morlocks und die Befreiung der Eloi könnte den Neubeginn schaffen...  

Michael Dlugosch / Wertung: * * * (3 von 5)

Quelle der Fotos: Warner Bros.


Filmdaten

The Time Machine
(The Time Machine)

USA 2001
Regie: Simon Wells; Darsteller: Guy Pearce ("Memento"; Alexander Hartdegen), Samantha Mumba (Mara), Mark Addy ("Ritter aus Leidenschaft"; Dr. David Philby), Sienna Guillory (Emma), Phyllida Law (Mrs. Watchit), Josh Stamberg (J.P. Fitzroy), Alan Young (bekannt als Besitzer des sprechenden Pferdes "Mr. Ed" in der gleichnamigen 60er Jahre-Serie; in der ersten Verfilmung der "Zeitmaschine" 1960 spielte er Philby; Gast-Auftritt als Blumenverkäufer), Omero Mumba (Kalen), Yancey Arias (Toren), Orlando Jones ("Die doppelte Nummer", "Evolution"; Vox), Jeremy Irons (Uber-Morlock) u.a.; Drehbuch: John Logan.

Länge: 96 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih von Warner Bros.



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"Feigheit macht jede Staatsform zur Diktatur."

Regisseur Wolfgang Staudte

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