18. Januar 2001
Ein chinesisches Märchen weckt Erinnerungen an "Matrix"

Tiger and Dragon


Geschichten aus dem Fernen Osten sind an deutschen Kinokassen normalerweise Kassengift. Allzu fremd wirkt die östliche Kultur auf den Kinogänger hierzulande. Wenn aber Meisterregisseur Ang Lee ("Sinn und Sinnlichkeit", "Der Eissturm") ein Märchen aus dem alten China erzählt, darf man gespannt sein.

Tiger and Dragon Li Mu Bai (Chow Yun Fat) ist ein Schwertkämpfer und Meister in Martial Arts. Sein Umgang mit dem Schwert versprüht eine ausgesprochen ästhetische Eleganz. Die Ästhetik des Kampfes drängt den Willen zum Besiegen des Gegners in den Hintergrund. Nachdem einer seiner Waffenbrüder ermordet wurde, gerät Mu Bai in eine Lebenskrise. Er wagt es auch nicht, der Frau, die er liebt, seine Gefühle zu gestehen. Denn Yu Shu Lien (Michelle Yeoh) war mit Mu Bais Waffenbruder zusammen, bevor er im Kampf um die Ehre Mu Bais sein Leben gab. Eine Liebesbeziehung zwischen Mu Bai und Shu Lien wäre nicht ehrenvoll, obwohl beide eine tiefe Zuneigung für einander verspüren. Mu Bai will nicht länger Krieger sein, und gibt sein legendäres Schwert, "Grünes Schicksal" genannt, in die Obhut seiner heimlichen Liebe. Sie soll es auf ihrem Weg nach Peking einem anderen verdienten Schwertkämpfer geben. Gut bewacht, wird das Schwert aber aus Shu Liens Besitz gestohlen. In einer dramatischen Verfolgungsjagd laufen Shu Lien und ein maskierter Dieb scheinbar schwerelos über Dächer und Höfe - wohl auch ein Verdienst ihrer Ausbildung zur Martial-Arts-Kriegerin. Der Dieb wird gestellt und entpuppt sich als das zarte junge Mädchen Yen (Zhang Ziyi) mit Doppelleben. Zwar ist für die Diebin bereits eine Hochzeit arrangiert, sie strebt aber nach der Freiheit einer Martial-Arts-Kriegerin. Außerdem ist auch sie heimlich verliebt - in einen Banditen aus der chinesischen Wüste.

Tiger and Dragon Ang Lee verknüpft an diesem Punkt zwei Liebesgeschichten, die zwar exotisch anmuten mögen, aber doch bald nach bewährtem Muster verlaufen. Die Liebesgeschichten sind aber nicht der Schwachpunkt des Films. Es ist das Zelebrieren der technischen Möglichkeiten, die es dem Action Choreographen Yuen Wo-Ping ermöglichen, die Figuren fast schwebend über Dächer, Gewässer und durch Baumwipfel zu jagen. Alle Gesetze des Raumes und der Schwerkraft werden außer acht gelassen, und die Helden kämpfen wie einst Keanu Reeves in "Matrix", für den sich Wo-Ping auch verantwortlich zeichnete. Aber an Matrix will man wirklich nicht erinnert werden, wenn man ein chinesisches Märchen sehen will. Die Faszination der Tricks legt sich schnell, aber Ang Lee läßt einfach jeden mit jedem kämpfen - minutenlang.

Ang Lees "Tiger and Dragon" ist nur auf den ersten Blick ein exotischer Film. Weder die Liebesgeschichte noch die trickverliebten Einstellungen kommen einem fremd vor. Selbst Hollywood hat solche Geschichten zu genüge erzählt. Das Staraufgebot mit Chow Yun Fat ("Anna und der König", "The Replacement Killers") und Michelle Yeoh ("James Bond: Tomorrow Never Dies") und ein üppiges Budget lassen den Film als Großproduktion erkennen. Dass "Tiger and Dragon" bei der Oscarpreisverleihung 2001 als heißer Anwärter in der Kategorie "Bester Film" gilt, spricht eher für die Schwäche der anderen Filme als für die Außergewöhnlichkeit dieser Produktion.  

Bastian Heinsohn / Wertung: * * (2 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Arthaus

 
Filmdaten 
 
Tiger and Dragon (Crouching Tiger, Hidden Dragon) 
 
Hongkong / Taiwan / USA 1999
Regie: Ang Lee;
Darsteller: Chow Yun Fat (Li Mu Bai), Michelle Yeoh (Yu Shu Lien), Zhang Ziyi (Jen Yu), Chang Chen (Lo), Cheng Pei Pei (Jade Fox), Lung Sihung (Sir Te) u.a.; Drehbuch: John Schamus, Wang Hui Ling, Tsai Kuo Jung (nach dem Roman "Crouching Tiger, Hidden Dragon" von Wang Du Lu); Produzenten: Bill Kong, Hsu Li Kong, Ang Lee; Kamera: Peter Pau, Schnitt: Tim Sqiyres; Action-Choreographie: Yuen Wo-Ping; Ausstattung / Kostüme: Tim Yip; Musik: Tan Du; Cello-Soli von Yo-Yo Ma; Endtitelsong gesungen von Coco Lee.



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Bilder aus dem Film
Tiger and Dragon

Der Regisseur
Ang Lee über seinen Film


Zitat

"Ich war sehr erfolgreich damit, ein totaler Idiot zu sein." (über seine Karriere)

"Ich schaue die Welt mit Kinderaugen an." (über die Bewahrung seiner Kindlichkeit)

US-Komiker Jerry Lewis (16.03.1926-20.08.2017)

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