10.03.2016
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Panorama Special

The Wounded Angel


Mit seinem unerbittlichen Drama "Harmony Lessons" gewann Emir Baigazin vor drei Jahren im Wettbewerb der Berlinale den Preis für eine herausragende künstlerische Leistung. Nun kehrt der kasachische Regisseur mit "The Wounded Angel" zur Berlinale zurück. Die filmische Fortführung des Themas zerstörter Jugend befasst sich auf stilistisch ähnliche Weise mit dem Leben inmitten einer erodierenden Gesellschaft.

The Wounded AngelDer als Mittelstück einer epischen Trilogie angesetzte Film ist unterteilt in mit bedeutsamen Überschriften wie "Schicksal" betitelten Kapiteln. Sie erzählen in schwermütigen Langeinstellungen von vier Jugendlichen im Kasachstan der 90er Jahre. Dort, erklärt eine Titelkarte zu Beginn, wurde von der Regierung, um den bankrotten Staat zu retten, Abend für Abend der Strom abgedreht. Die staatlich verordnete Finsternis wird zur Metapher für die düstere Zukunft, die sich vor den Figuren auftut. Niemand entrinnt dem Kreislauf von wirtschaftlicher Repression, Kriminalität und Korruption. Die materielle und moralische Entwurzelung bringt auch die ethischen Grundsätze der Jugendlichen ins Wanken und wird zum Nährboden eines sozialen Verfalls. Die junge Generation scheint aus Baigazins pessimistischer Perspektive gezwungen, die Fehler der alten zu wiederholen. Die deprimierende Erkenntnis vermittelt bereits die erste Episode in unbarmherziger Detailliertheit. Der 13-jährige Zharas hat gerade Schulferien, doch die sind alles andere als "eine glorreiche Zeit", wie es ein Erwachsener ihm gegenüber bemerkt. Der Vater des Jungen findet keine Arbeit, nachdem er wegen Diebstahls im Gefängnis saß. Die Mutter kann die Familie mit dem Verkauf von Proviant kaum über Wasser halten. Um ihr zu helfen nimmt Zharas einen Job bei einem Getreidehändler an. Trotzdem sitzt der Junge bald, für das gleiche Vergehen wie sein Vater auf der Anklagebank.

The Wounded Angel Zharas ist unschuldig, wie es womöglich vor ihm auch sein Vater war. Dennoch legt der stille Junge ein falsches Geständnis ab. Die familiäre Vergangenheit hat ihn gelehrt, dass Aufbegehren gegen das allgegenwärtige Unrecht nur mehr Schwierigkeiten bringt. Der erste der Protagonisten, an die der Kamerablick sich heftet, ist der schweigsamste der vier. Sie alle sind 13 Jahre, aber ihre Lebensrealität ist die von Erwachsenen. Die lose verknüpften Handlungsstränge stellen jeden der in sich gekehrten Jungen vor einen moralischen Zwiespalt, aus dem niemand seelisch unversehrt hervorgeht. Eine andere Episode erzählt von Balapan, der sich trotz seines musischen Talents in seinem brutalen schulischen Umfeld nur durch Gewalt behaupten kann. Zhaba wiederum kommt auf der Suche nach Metallschrott, den er für etwas Geld verkauft, mit den Opfern des dysfunktionalen sowjetischen Betreuungsapparats in Berührung. Und dann ist da noch Aslan. Er entscheidet sich gegen seine schwangere Freundin, um sein Medizinstudium nicht zu gefährden. Die seelischen Folgen der Entscheidung wiegen jedoch schwerer als gedacht. Die emotionale Veränderung, die Aslan genau wie die übrigen Figuren durchlebt, ist die titelgebende Wunde. Die Protagonisten selbst sind die Engel, oder Engel ist das, was sie einmal waren.

Diese Litanei wiederholt sich in niederschmetternder Monotonie. Indirekt fällt dabei die politische Auflösung der Sowjetunion mit der individuellen Auflösung der Kindheit zusammen. Doch die Tragik des filmischen Realismus droht die quälend langsame Inszenierung in Pathos zu verwandeln. So macht es nicht nur die Bitterkeit schwer, die Geschichten bis zum Ende auszusitzen.  

Lida Bach / Wertung: * * (2 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Berlinale

 
Filmdaten 
 
The Wounded Angel (Ranenyy Angel) 
 
Kasachstan/Deutschland/Frankreich 2016
Regie, Drehbuch & Schnitt: Emir Baigazin;
Darsteller: Nurlybek Saktaganov (Zharas), Madiyar Aripbay (Balapan/Küken), Madiyar Nazarov (Zhaba/Kröte), Omar Adilov (Aslan), Anzara Barlykova (Rosa), Timur Aidarbekov (Klebstoff-Schnüffler), Kanagat Taskaraev (Klebstoff-Schnüffler), Rasul Vilyamov (Klebstoff-Schnüffler) u.a.;
Produzenten: Anna Vilgelmi, Beibit Muslimov; Kamera: Yves Capes;

Länge: 113 Minuten; deutscher Kinostart: 3. November 2016



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Der Film im Katalog der Berlinale
<10.03.2016>


Zitat

"Kein guter Film ist zu lang und kein schlechter Film ist kurz genug."

US-Filmkritiker Roger Ebert (+ 2013)

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