14.02.2007

Krieg und Unfrieden


The Wind
That Shakes
the Barley


The Wind That Shakes the Barley

Mit "The Wind That Shakes the Barley" gewann Ken Loach erstmals die Goldene Palme in Cannes 2006. Nach 40 Jahren Regiearbeit. Und nach zahlreichen Filmen, für die er eher die Auszeichnung verdient gehabt hätte. Die Filmkritik war sich einig: Es geschah viel mehr, um das Gesamtwerk des Ken Loach zu prämieren denn wegen des vorliegenden Films. Loach, der Brite, berühmt wie angefeindet für gesellschaftskritische Filme, blickt hier in der Historie zurück: Auf die Zeit, in der das britische Empire um 1920 mordende Schlägertruppen ins aufständische Irland entsandte, woraus der bis heute anhaltende Konflikt entstand.



Ken Loach ist und bleibt der große Außenseiter des Weltkinos. Er gehörte zu den Regisseuren, die einen Beitrag zum Episodenfilm "11. September" beisteuern durften. Als Einziger aber dachte er bei dem Datum nur tangierend an 2001 - er rief stattdessen den 11. September 1973 ins Gedächtnis zurück, den Putsch Pinochets ins Chile; bei dem sehr links eingestellten Loach nicht unerwähnt: unter Mithilfe der mögliche marxistische Bestrebungen mit allen Mitteln bekämpfenden USA.

Ungerechtigkeiten benennt er stets in klarer, deutlicher Sprache, vor allem in seinen sozialkritischen Filmen wie "Sweet Sixteen". Historische Auseinandersetzungen haben es ihm ebenfalls angetan, ihnen widmete sich Loach in mehreren Filmen: In "Land and Freedom" war es der spanische Bürgerkrieg Mitte der 1930er Jahre; "Carla's Song" spielt zur Zeit der Sandinisten in Nicaragua Ende der Siebziger. Einen wesentlich näher liegenden Konflikt betrachtete er zuvor nicht auf jener historischen Ebene: Die Bekämpfung der Unabhängigkeitsbestrebungen in Irland durch den Mutterstaat Großbritannien, Loachs Heimat. Was also noch fehlte, holte der Regie-Veteran hier, mit "The Wind That Shakes the Barley", nach. 1990 drehte Loach "Hidden Agenda" über die gegenwärtigen Ereignisse in Nordirland. Für Loach geriet ihm sein Film zum Anlass, tiefer in die Vergangenheit zurückzublicken. Denn "wir fühlten schon damals, dass diese Ereignisse, ohne zu wissen wie Irland geteilt wurde und wie dieser Konflikt entstanden ist, nicht verstanden werden können". Irische Soldaten kämpften im Ersten Weltkrieg Seite an Seite mit englischen Soldaten, aber Unabhängigkeitsbestrebungen gerieten damals gleichzeitig in Gang. Die Kolonialmacht fand dagegen eine Strategie: Sie entzweite die Iren in Anhänger der absoluten irischen Unabhängigkeit und jene der Bildung eines irischen Parlaments unter Verbleib im Commonwealth. Ein Bürgerkrieg war die Folge, den Ken Loach widerspiegelt in zwei Brüdern, die zu Todfeinden werden.

The Wind That Shakes the Barley: Filmplakat

Teddy (Pádraic Delaney) gehört zu jenen jungen Iren, die im Ersten Weltkrieg britische Soldaten waren. Sein jüngerer Bruder Damien (Cillian Murphy) steht kurz davor, die irische Heimat zu verlassen: Er, der gerade sein Medizinstudium beendet hat, will dem Ruf eines Londoner Krankenhauses folgen. Zwei Brüder, die somit auf die eine oder andere Weise im Empire Karriere machten oder noch machen dürfen. Es wird anders kommen.
1920, der irische Osteraufstand liegt zurück. Aber nicht so lange zurück, als dass England alle Vorsicht fallen ließe. Marodierende englische Söldner, genannt "Black and Tans", spielen sich als die Herrscher über Irland auf; Söldner, nicht Soldaten: Was sie anstellen, unterliegt nicht den Genfer Konventionen. Sie richten einen Jugendfreund der beiden Brüder hin, nachdem er seinen Vornamen nur auf Gälisch auszusprechen wagte. Ein weiteres vergleichbares Ereignis bald darauf überzeugt Damien endgültig, in Irland zu bleiben - und seinen Bruder zu unterstützen, der sich zu einem der Anführer der neugegründeten I.R.A. ("Irish Republican Army") entwickelt hat. Eben noch friedlich auf dem Feld beim Hurling-Spielen beschäftigt, schlagen die beiden Brüder O'Donovan mit ihren Freunden aus dem Dorf als Freiheitskämpfer blutig zurück.

"Michael Collins" (1996) von Regisseur Neil Jordan blickte auf den Konflikt aus der Sicht eines der Anführer. In "The Wind That Shakes the Barley" ist es, ganz Loach-typisch, eine sehr mikrokosmische Ebene, Fast-noch-Teenager und Teenager, ausgestattet alle zusammen mit jugendlichem Heißsporn, treten in den Widerstand, in eine Art Krieg der Knöpfe. Es ist, als ob sie das Mannschaftsspiel Hurling fortsetzten - nicht grundlos setzte Loach das Spiel an den Anfang des Films -, dabei aber vor dem großen Ganzen nicht mehr zurückweichen: Sogar Mitglieder aus den eigenen Reihen, Verräter, richten sie hin. Sie weiten ihre Bewegung aus, die zum Selbstläufer wird. Mit zahlreichen Attentaten erringt die Bewegung sukzessive mehr und mehr Erfolge, das Empire steht am Rand einer Niederlage und muss handeln. Die sich vormals beim Hurling vergnügenden Jugendlichen, die vormaligen Dorfbuben werden ernst genommen.

The Wind That Shakes the Barley

Loachs Film ist zweigeteilt: Die erste Hälfte zeigt innig verbündete Iren gegen eine Großmacht, die in Nazi-Manier mit "Hilfstruppen" Widerstände zu unterdrücken pflegt. Den wenig feinfühligen Vergleich nahmen englische Filmkritiker ihrem Landsmann Loach übel - und nicht gerade zu unrecht. Die zweite Hälfte dividiert die Iren auseinander. Es gibt Verhandlungen um einen Waffenstillstand. Es gibt das Friedensangebot Englands: Die Iren erhalten ein eigenes Parlament, verbleiben aber im Commonwealth. Nordirland bleibt gar ganz unter Londoner Herrschaft. Ein Teil der Iren, Teddy darunter, akzeptiert. Dem anderen Teil ist dies nicht Unabhängigkeit genug; zu ihnen gehört Damien. Sein Anliegen: Der ausgehandelte Kompromiss konterkariert die von Damien vollzogene Hinrichtung eines Freundes; er konterkariert des Weiteren allgemein den bisher erbrachten Einsatz, nur weil einige der Iren des Krieges müde sind. Hier zeigt sich die jungenhafte Naivität auch beider O'Donovans: Sie lassen sich, wie viele andere Iren, sogar innerfamiliär trennen. Ein geschickter Schachzug der englischen Strategen zweifelsohne, so Ken Loach. Gewalt erzeugt erneute Gewalt, die Spirale ist unaufhaltsam, da ausgehandelte Lösungen nie für alle Seiten je zufriedenstellend sein werden. Loach spiegelt damit die mangelnde Kompromissbereitschaft der Konfliktparteien auch der Gegenwart wider. Damiens Steigerung in den Fanatismus, der tödlich enden wird, ist die logische Konsequenz.
In dieser zweiten Hälfte des Films distanziert sich Loach außerdem für die zunächst holzhammerhaft erscheinende Parteiergreifung gegen ein totalitär wirkendes England und für die nach Freiheit Strebenden. Diese stellt er nun als die jungen, fanatischen Wilden dar, die sich gegenseitig die Köpfe einrammen. Sehr wohl alle neigen zur Gewalt, nicht nur die Weltmacht United Kingdom.

Ken Loach könnte damit eine ergreifende Untersuchung über die Steigerung eines Einzelnen in den Massenwahn inszeniert haben. So sah es wohl die Cannes-Jury. Loach verknüpft im Film aber lose Episoden der Mobilmachung, während die Figuren erstaunlich komturlos bleiben. Damien verliebt sich in eine Frau. Der Handlungsstrang wird genannt und wieder fallen gelassen. Es gibt Debatten über den Verbleib im Commonwealth oder nicht, penibel wird aufgelistet, wer welche Stellung bezieht. Es wird aufgelistet - und nicht dramaturgisch verarbeitet. Es lässt den Zuschauer kalt. Loachs Film will intentional nicht weiter eine Art politisches Pamphlet sein, ist für diesen Rückzieher aber zu weit vorgedrungen in den Erläuterungen aller gegenseitigen Demütigungen. Was übrig bleibt, ist eine eindimensionale Zustandsbeschreibung des Freiheitskampfs, bei dem die Landschaftsaufnahmen und die melancholischen gälischen Lieder - eine Zeile eines Freiheitslieds von Robert Dwyer Joyce gab dem Film den Titel - mehr an Stimmung vermitteln als jeder der übertrieben schneidigen Dialoge.

 
Michael Dlugosch / Wertung: * * (2 von 5)

Quelle der Fotos: Neue Visionen


Filmdaten

The Wind That Shakes the Barley

(The Wind That Shakes the Barley)

Irland / Großbritannien / Deutschland / Italien / Spanien 2006
Regie: Ken Loach;
Darsteller: Cillian Murphy, Pádraic Delaney, Liam Cunningham, Orla Fitzgerald, Mary Riordan u.a.; Drehbuch: Paul Laverty; Produktion: Rebecca O'Brien;

Länge: 124 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih von Neue Visionen; deutscher Kinostart: 28. Dezember 2006




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The Wind That Shakes the Barley
<28.12.2006>  



Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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