05.11.2014

The Strange Colour of Your Body's Tears


The Strange Colour of Your Body's Tears In den 60er, 70er und teilweise noch 80er Jahren des letzten Jahrtausends durfte die Welt eine kleine, filmische Invasion aus Italien erleben, die durch kunstvolle Linse Sex, Gewalt und Obsessionen prachtvoll aufblühen ließ. "Giallo" nannte man das, benannt nach den gelben Schundkrimiheftchen. Pulp Fiction also. Doch irgendwann war der Markt übersättigt, die Nachfrage versiegt. Das Genre lag – bis auf wenige Ausnahmen – brach. Und während einer der einflussreichsten Regisseure dieser Gattung, Dario Argento, weiterhin an seinem Niedergang werkelt, versetzen Hélène Cattet und Bruno Forzani mit "The Strange Colour of Your Body's Tears" dem Giallo eine ganz famose Frischzellenkur.

The Strange Colour of Your Body's Tears Als der Geschäftsmann Dan Kristensen von einer Dienstreise zurückkehrt, muss er feststellen, dass seine Frau aus der gemeinsamen Wohnung verschwunden ist. Merkwürdiger noch, dass das Apartment von innen verschlossen ist. Alsbald beginnt Dan auf eigene Faust im Haus zu ermitteln und erfährt von einer mysteriösen Dame, dass es dort vor einiger Zeit einen ähnlichen Fall bereits gegeben hat. Doch Dan ist nicht der einzige, der recherchiert, denn am folgenden Tag steht ein gewisser Kommissar Vincentelli vor der Tür. Dieser weist nicht nur eine frappierende Ähnlichkeit mit Dan auf, er verfügt zudem über Kenntnisse, die er eigentlich nicht haben dürfte. Scheint der Weg der Untersuchung zunächst immer tiefer in die Gemäuer des Hauses hineinzuführen, sind es doch letztendlich vielmehr die psychischen Untiefen der Protagonisten, die sich in ihren Obsessionen zu verlieren drohen. Zudem hat eine in Leder gekleidete Gestalt mit schwarzen Handschuhen offensichtlich etwas gegen die Aufklärung des Falles. So beginnen die Nachforschungen schon bald aus dem Ruder zu laufen und eine Spirale der Gewalt nach sich zu ziehen.

The Strange Colour of Your Body's Tears Während Filmkritiker am Giallo und seinen Artgenossen gerne die hanebüchenen Drehbücher mit ihren faustgroßen Logiklöchern verurteilten, liebten die Fans die Werke Bavas, Argentos oder Fulcis aufgrund ihrer überschäumenden kreativen Visualität. Genau genommen waren Filme wie "Inferno" oder "Suspiria" gerade aufgrund ihrer logischen Schwächen die eigentlich herausragenden Genrebeiträge, da sie den Zuschauer auf eine Achterbahnfahrt, einen filmgewordenen Alptraum, mit all seinem Irrsinn und seinen Widersprüchlichkeiten, mitnahmen. Tatsächlich gelingt es dem Regieduo Cattet und Forzani mit "The Strange Colour of Your Body's Tears", dem Ganzen noch einen draufzusetzen. Was zunächst wie ein Thriller beginnt, verliert zunehmend an stringenter Handlung und der Betrachter gerät, ähnlich wie die Akteure selbst, in einen Strudel von Eindrücken, Ereignissen und Irritationen. Die Tonspur begleitet das Geschehen mit einem kongenialen Soundtrack sowie einer herrlich grotesk überzogenen Geräuschkulisse, die aus dem Krabbeln einer Fliege das Heranstürmen einer Büffelherde macht. Festgehalten wird das alles mit perfekt durchgestylten und ästhetischen Bildkompositionen, die die komplette Geschichte des Giallos wie ein Schwamm in sich aufgesogen zu haben scheinen und sie als etwas völlig Neues wieder absorbieren. Leichte Kost ist das definitiv nicht, Mindfuck, L'art pour l'art, Verweigerung, und am Ende wird es wieder die geben, die ob der kaum stattfindenden, psychedelisch-assoziativ anmutenden Handlung verächtlich den Kopf schütteln, und die, denen das Herz in Anbetracht einer solch formvollendeten Huldigung einfach nur aufgeht.  

Oliver Forst / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Drop-Out Cinema Filmverleih

 
Filmdaten 
 
The Strange Colour of Your Body's Tears (L'étrange couleur des larmes de ton corps) 
 

deutscher Alternativtitel: Der Tod weint rote Tränen

Belgien / Frankreich / Luxemburg 2013
Regie & Drehbuch: Hélène Cattet, Bruno Forzani;
Darsteller: Klaus Tange (Dan Kristensen), Ursula Bedena, Joe Koener, Birgit Yew, Hans de Munter, Anna d'Annunzio u.a.;
Produzenten: François Cognard, Eve Commenge; Produktion: Anonymes Films, Tobina Film; Kamera: Manuel Dacosse; Schnitt: Bernard Beets;

Länge: 102 Minuten; ein Film im Verleih von Drop-Out Cinema Filmverleih; deutscher Kinostart: 13. November 2014



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Zitat

"Du bist kein Star, solange sie Deinen Namen in Wladiwostok nicht richtig schreiben können."

("You're not a star till they can spell your name in Vladivostok.")

Schauspieler Roger Moore (14.10.1927 - 23.05.2017)

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