10.04.2016
Ein Film der 66. Berlinale 2016, Sektion Kulinarisches Kino

The Singhampton Project


Ahornsirup sei für ihn das, was für Italiener Olivenöl sei, sagt Michael Stadtländer: "Den könnte ich an jedes Gericht machen." Für den 1947 in Lübeck geborenen Chefkoch ist das nicht nur Ausdruck der Liebe zu seiner neuen Heimat Kanada. Es ist Teil der Philosophie, mit der er Essen und sein kulinarisches Abenteuer bereitet: Um gut zu kochen brauche man nicht mehr als das, was um einen herum wachse.

Dem Protagonisten fällt diese naturnahe Lebensform quasi in den Schoß. Er ist auf dem Land aufgewachsen, hat durch seine Karriere als Spitzenkoch das nötige Wissen und Budget und auf seiner Farm namens "Eigensinn" den erforderlichen Platz. Jonathan Staav ist mit seinem Langfilmdebüt nicht der erste Dokumentarfilmer, den Stadländers unkonventionelle Herangehensweise an die Spitzenküche fasziniert. In Kanada, wohin er 1980 auswanderte, ist Stadtländer einer der Pioniere der Nouvelle Cuisine und ein Celebrity-Koch. Mehrfach versuchte er, seine Ansätze in eigenen Restaurants umzusetzen, doch trotz guter Kritiken blieben die Kosten zu hoch. Doch der Name seiner Farm ist nicht nur Referenz an Hermann Hesse. Der Küchenchef besitzt selbst genug Eigensinn, um am Traum von einer natürlichen regionalen Ernährung festzuhalten. Auf seinem Land im Norden Ontarios gibt es praktisch alles: Gemüse, Kräutern, Geflügel, Schafe, Ziegen, Kühe und sogar Fische. Und die Ahornbäume, die er zu Filmbeginn in seinem Hundert-Morgen-Wald nahe Singhampton anzapft. Der Sirup ist für das Dessert des Menüs, das er im August an 20 Abenden für 800 Gäste plant.

Der erste Vorbereitungsschritt im Frühjahr für den letzten Gang eines Dinners im Herbst – solches Vorbereiten und Planen ist Teil des Lebens im Kreislauf der Natur. Das festliche Picknick ist als köstlich verpackte ökologische Botschaft gedacht. Alle Zutaten sollen von der Eigensinn-Farm stammen. Für das passende Ambiente im Freien holt sich der Protagonist die Unterstützung des französischen Landschaftskünstlers Jean Paul Ganem. Der schuf 1992 die erste seiner lebendigen Kompositionen, die sich aus der Vogelperspektive als Muster aus vegetativen Formen und Farben enthüllen. Nach den bunten Vorlagen Ganems macht sich der Grundbesitzer zusammen mit einer Scharr junger Lehrlinge, die ihm beim Anbau und Schlachten zur Hand gehen, an die Arbeit. Ob am Ende alles aussieht, wie gedacht, kann niemand absehen. Obwohl der Film umweltpolitischen Statements ausweicht, haben die menschengemachten Klimaveränderungen direkten Einfluss auf das Projekt. In Singhampton herrscht die heißeste Vegetationsperiode seit 50 Jahren und eine künstliche Bewässerung der Pflanzen kann das nährstoffreiche Regenwasser nicht ersetzen.

Wenn der Hauptcharakter in solchen Momenten seine Naturkenntnis enthüllt, wünscht man, der Film würde mehr von diesem Wissen mit dem Publikum teilen. Staav bleibt stiller Beobachter, der weder fragt, wie weniger begüterte Menschen naturverbundener leben können, noch Widersprüche in Stadtländers Konzept von Naturliebe anspricht. So bleibt das idealistische Projekt von außen betrachtet eine schöne Utopie, die vom Alltag der einfachen Stadtbevölkerung mindestens so weit weg ist wie die Eigensinn-Farm.  

Lida Bach / Wertung: * * * (3 von 5) 
 

 

 
Filmdaten 
 
The Singhampton Project (The Singhampton Project) 
 
Kanada 2014
Regie: Jonathan Staav;
Produzenten: Niva Chow, Jonathon Cliff, David Hicks; Kamera: Jonathon Cliff, Tico Poulakakis;

Länge: 62 Minuten; deutscher Kinostart: unbekannt



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Der Film im Katalog der Berlinale
<10.04.2016>


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verstorben: Dorothea Holloway, unter ihrem Geburtsnamen Dorothea Moritz Schauspielerin ("Höhenfeuer", "Der Willi-Busch-Report"), Filmjournalistin und liebe Freundin (08.06.1932 - 03.02.2017)


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