17.01.2013
Ehrlich, direkt und poetisch

The Sessions
- Wenn Worte berühren


The Sessions - Wenn Worte berühren: Helen Hunt, John Hawkes Filme enttabuisieren – nach dem französischen "Ziemlich beste Freunde" (2011), dem belgischen "Hasta la Vista" (2011) und natürlich dem unvergesslichen "Geboren am 4. Juli" (1989) widmet sich jetzt der amerikanische Film "The Sessions" der Sexualität behinderter Menschen. Was letzteren aber besonders macht ist die Beschreibung der Arbeit von "Sexualassistenten" – in den USA als "Sex Surrogates" mehr oder weniger bekannt. Dem technischen Aspekt der Durchführbarkeit sexueller Handlungen stellt dieser Film die Poesie und seelische Empfindsamkeit des behinderten Empfängers derselben dar. Ein ruhiger, gut gespielter und gelungener Film.

"Sexualassistenz" – im angloamerikanischen Raum bekannt als "Sex Surrogate" – ist ein sicherlich wenig verbreiteter Begriff. Während "Sexualassistenten" (z.B. in Deutschland) jedoch keinen Geschlechtsakt praktizieren, gehen die "Sex Surrogates" den ganzen Weg. Sie helfen Behinderten beim Erlernen der Durchführbarkeit von Geschlechtsverkehr möglichst bis zum Gelingen. Damit ihr Weg in eine echte Partnerschaft geebnet wird.

The Sessions - Wenn Worte berühren: John Hawkes "The Sessions" basiert auf wahren Begebenheiten. Sexualassistentin und Buchautorin Cheryl Cohen-Greene erarbeitete in den achtziger Jahren mit dem in der Kindheit an Polio erkrankten Dichter Mark O'Brien das Potenzial seines Sexuallebens. 1990 schrieb er im "Sun" Magazine ein Essay darüber: "On Seeing a Sex Surrogate". Auf diesem Essay basiert "The Sessions", aber auch auf der Biographie der beiden. Sie behalten ihre echten Namen im Film, wir sehen Originalaufnahmen von dem jetzt 38-jährigen Mark aus seiner Kindheit und Jugend. Seine mehrfache Behinderung zwingt ihn in die Liegeposition, die Nächte verbringt er in einem Ganzkörpergerät, der "Eisernen Lunge", die ihm das Atmen überhaupt ermöglicht. Er bedient Telefon und Computer anhand eines Stiftes, den er im Mund hält. Dennoch möchte er seine Jungfräulichkeit verlieren und so begibt er sich auf die Suche.

Ein Nebencharakter, der das moralische Hinterfragen des (amerikanischen) Zuschauers ersetzen soll, ist Father Brendan, Marks katholisches Gewissen. Gespielt von William H. Macy ist dieser coole, entspannte und für Humor und tiefe Menschlichkeit empfängliche Pater ein Gewinn für den Film. Aus europäischer Sicht wäre ein solch "moralisches Gewissen" nicht unbedingt erforderlich gewesen – dennoch fügen die Gespräche mit dem Pater dem Film eine humane Ebene hinzu. Für ihre schauspielerische Leistung erhielten Helen Hunt und John Hawkes als Mark O'Brien einige namhafte Nominierungen – z.B. vom Golden Globe. Der Film selber erhielt den Sundance Publikumspreis 2012.

The Sessions - Wenn Worte berühren: William H. Macy, im Hintergrund John Hawkes Allein in Deutschland leben neun Millionen Menschen mit Behinderung. Durch den Mangel an Erotik und Sexualität in ihrem Leben haben sie oft überhaupt keinen Zugang dazu, sie sind hilflos. Da setzt die nötige Unterstützung von außen ein, die jedoch nur spärlich vorhanden ist. Deshalb hätte es sich für einen Film wie "The Sessions" angeboten, mehr über die Arbeit von "Sex Surrogates" zu erfahren. Und auch – spezifisch in den USA – mehr über die ethischen Fragen der Abgrenzung zur Prostitution, die in diesem Fall nicht nur auf sozialer oder religiöser, sondern vor allem auf emotionaler Ebene gestellt werden muss.

Auch die Fragen, ob platonische Liebe ausreichen kann, ob Sex und Liebe zusammengehören oder getrennt werden müssen, und auch, wann die Zumutbarkeitsgrenze im Bemühen, anderen zu helfen, erreicht ist – werden nur oberflächlich gestreift. Der Ehemann von Cheryl akzeptiert ihren Beruf, rastet aber aus, als er eine emotionale Beteiligung seiner Frau im Ausüben ihres Berufs erkennt. Wie schafft es ein Mann, diese beiden Gegensätzlichkeiten auf einen Nenner zu bringen?

Regisseur und Drehbuchautor Ben Lewin hat sich für einen sehr privaten Film entschieden, der keine großen Fragen beantwortet. Er beobachtet mit der Kamera den Alltag dieser spezifischen Lebenssituation und fügt ihm die tiefgehende weil simple Lyrik Marks hinzu, die ruhig auch häufiger hätte auftreten können. Dadurch bleibt der Film in einer Art austarierten Haltung. Er generiert große Fragen und lässt sie offen, er regt an, sich neue Fragen zu stellen – allerdings produziert er eine gewisse fragende Starre, die nach mehr Wissen sucht. Besonders erfrischend sind jedoch die Dialoge – es wird nicht viel herumgeredet, es geht immer direkt und ehrlich zu. So wie in den Gedichten Mark O'Briens.  

Hilde Ottschofski / Wertung: * * * (3 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Twentieth Century Fox

 
Filmdaten 
 
The Sessions - Wenn Worte berühren (The Sessions) 
 
USA 2012
Regie & Drehbuch: Ben Lewin;
Darsteller: John Hawkes (Mark), Helen Hunt (Cheryl), William H. Macy (Father Brendan), Moon Bloodgood (Vera), Annika Marks (Amanda), Rhea Perlman (Tauchbad-Frau), Adam Arkin (Josh, Cheryls Ehemann) u.a.;
Produzenten: Judy Levine, Stephen Nemeth, Ben Lewin; Ausführende Produzenten: Maurice Silman, Julius Colman, Douglas Blake; Kamera: Geoffrey Simpson; Musik: Marco Beltrami; Schnitt: Lisa Bromwell;

Länge: 95,44 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih der Twentieth Century Fox of Germany GmbH; deutscher Kinostart: 3. Januar 2013



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<17.01.2013>


Zitat

"Ich war sehr erfolgreich damit, ein totaler Idiot zu sein." (über seine Karriere)

"Ich schaue die Welt mit Kinderaugen an." (über die Bewahrung seiner Kindlichkeit)

US-Komiker Jerry Lewis (16.03.1926-20.08.2017)

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