19.10.2018

Missglückte schwarze Komödie

The Party (2017)

Regisseurin Sally Potter, bekannt geworden mit den Filmen "Orlando" (1992) und "Tango-Fieber" (1997), kam mit "The Party" in den Wettbewerb der 67. Berlinale 2017. Einen Preis erhielt er da, den Gilde Filmpreis für den Besten Wettbewerbsfilm. Potter plante mit dem Film eine Gesellschaftssatire. Doch "The Party" missglückt vollends, da die Filmemacherin die seichte, tausendmal gesehene Handlung und die überkandidelt agierenden Darsteller nicht in den Griff bekommt. In einem Interview sprach Potter davon, sich die Screwball-Komödien der 1930er-Jahre zum Vorbild genommen zu haben. Davon ist nichts zu sehen, die Übertriebenheit der Aktionen der Filmfiguren tut weh, was lustig sein soll, ist es nicht: Der Protagonist Tom (Cilian Murphy), ein Jungbanker, fuchtelt, wenn er während der Party allein auf die Toilette flüchtet, mit Waffe herum, die er dann in der Mülltonne verbirgt, bis die Gastgeberin der Party, Janet, eine Politikerin (Kristin Scott Thomas) sie findet, und schließlich benutzt.

Damit fängt der Film an: Eine Haustür öffnet sich, Janet steht da mit zerzaustem Haar und irrem Blick und richtet die Pistole auf den Zuschauer. Dieser hat es kapiert: Einem jetzt erst eingetroffenen Gast gilt die Bedrohung. Es folgt der Rückblick auf den Beginn der Party. Janet, noch nicht zerzaust und irr, möchte mit Freunden die Berufung ins Schattenkabinett der Opposition als Gesundheitsministerin feiern. Bevor die Geladenen kommen, lernt das Publikum Bill (Timothy Spall) kennen, Janets Mann, aber es lernt ihn falsch, missverständlich kennen. Bill glotzt in seinem Hause in die Gegend, wenn er nicht Rotwein nachkippt oder eine Schallplatte wechselt. Der Zuschauer nimmt wahr: Es stimmt was nicht mit ihm. Ist es Alzheimer? Demenz? Der verstörte Blick weist darauf hin. Bill ist wirklich krank, aber Janet weiß noch nichts davon. Als die meisten Gäste da sind, wird er es publik machen: Der Lungenkrebs lässt ihn nicht mehr lange leben. Und vor den Anwesenden beichtet er noch etwas: Er betrog Janet mit der eingeladenen, aber noch nicht eingetroffenen Marianne, der Frau von Tom, dem jungen Mann mit der heimlich mitgebrachten Waffe. Tom will Bill erschießen, er wird es nicht tun. Neben Tom kam das Ehepaar April (Patricia Clarkson) und Gottfried (Bruno Ganz) zu Janet sowie das lesbische Paar Martha (Cherry Jones) und Jinny (Emily Mortimer). Martha ist wesentlich älter als Jinny, Letztere hat eine frohe Botschaft: Sie erwartet dank In-Vitro-Fertilisation Drillinge.

Was Sally Potter beabsichtigt hatte, wird schnell klar: eine schwarze Komödie, bei der ein Partyabend gründlich in die Hose geht, weil nach Beichten und Diskussionen der Beteiligten alle ihre guten Manieren verlieren. Hatten sie je welche? Die oberflächliche bürgerliche Fassade bröckelt, das zu zeigen war Potters Ziel. Nur erzählt sie die althergebrachte Geschichte des Betrugs. Man kann das machen, dann muss die Handlung aber raffiniert neu dargestellt werden. Die Autorenfilmerin setzt auf Screwball-Elemente, die der Handlung aber zuwiderlaufen, alle Gäste übertreiben in ihren Aktionen und Reaktionen, chargieren, sprechen viel Unsinn. Bruno Ganz' Gottfried ist Esoteriker und schwatzt von Rettung Bills vor seiner Krankheit, während Jinny sich von der Feministin Martha anhören lassen muss, diese übernehme das Kommando, das Denken in der Beziehung, während die Jüngere sich dem hingeben müsse, worauf Jinny von Trennung spricht – während Tom des Häufigeren Koks-Linien im WC zieht. Auf jenem Klo beendet Janet telefonisch eine heimliche Affäre – mit Marianne. Alle Handlungen kritisiert April mit Zynismus, einer der wenigen Lichtblicke im Film neben Kristin Scott Thomas' schauspielerischer Leistung als Janet, deren Zerrüttung am Ende des Films zu plötzlich, zu überraschend kommt.  

Michael Dlugosch / Wertung: * (1 von 5)



Filmdaten

The Party (2017)
(The Party (2017))

GB 2017
Regie & Drehbuch: Sally Potter;
Darsteller: Kristin Scott Thomas (Janet), Timothy Spall (Bill), Patricia Clarkson (April), Bruno Ganz (Gottfried), Cherry Jones (Martha), Emily Mortimer (Jinny), Cillian Murphy (Tom);
Produzenten: Kurban Kassam, Christopher Sheppard; Kamera: Aleksei Rodionov; Schnitt: Emilie Orsini, Anders Refn;

Länge: 71,01 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; Kinostart: 27. Juli 2017



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"Ich finde es sehr gut, dass es viele Leute gibt, die sich dafür einsetzen, dass wir alle fair bezahlt werden. In Hollywood bewegen wir uns allerdings in einer Kunstform, die vom Kommerz bestimmt wird. Deshalb nenne ich es auch 'Show-off-Business'. Filmemachen ist ein brutales Geschäft."

Schauspielerin Jamie Lee Curtis über #MeToo und Hollywood

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