07.03. 2006

Naturzustand im Niedergang IV

The New World

Terrence Malicks "The New World" gehört zu einem der meist erwarteten Filme diesen Jahres. Schon allein die Seltenheit eines Malick-Films – vier abendfüllende und ein Kurzfilm in 37 Jahren – verleiht dem zurückgezogenen Regisseur einen gewissen Kultstatus. The New World wurde daher bereits im Vorfeld bejubelt und kurz nach Erscheinen ebenso verteufelt, so in der ZEIT, in der der Kenner des von Malick aufgegriffenen Pocahontas-Stoffes Theweleit den Film einen "kolonialistischen Softporno" nannte. Tatsächlich aber ist er eine konsequente Variation von Malicks lebenslangem Leitmotiv, dem Konflikt zwischen Mensch und Natur.

Im Jahr 1607 erreicht eine Expedition des britischen Königs Nordamerika und errichtet die Kolonie Jamestown, einer der ersten Brückenköpfe und Vorbild für weitere Kolonien. Einer der Eroberer ist Captain John Smith (Colin Farrell), wegen angeblicher Meuterei zum Tode verurteilt und bei Ankunft in Amerika begnadigt. Als Anführer eines Stoßtrupps gerät er in die die Gefangenschaft der Indianer und entgeht abermals knapp dem Tod – die Tochter des Königs wirft sich ihm um den Hals. Als Gefangener des Königs lernt er die Kultur der Ureinwohner kennen und Pocahontas (Q'Orianka Kilcher) lieben. Doch der Fortgang der Eroberung reißt das ungleiche Paar auseinander und gewährt ihnen erst viele Jahre später in London ein letztes Treffen. Bis dahin durchlebt die Indianerprinzessin einen Sozialisationsschub, an dem sie schließlich wie eine Wildblume zugrunde geht.

Nicht die historische Dimension der zum Mythos stilisierten Liaison zwischen westlichem Kolonist und edler Wilder, eine Vereinigung, deren Frucht das moderne Amerika sei, hat Malick an dem Stoff interessiert. Vielmehr hat er den ahistorischen Mythos verfilmt, weil dieser sein zur Obsession gesteigertes Interesse an dem verhängnisvollen Wechselspiel zwischen der Zivilisationserfindung Mensch und dem (verklärten) Ursprung Natur, gleichsam einem Rousseauschen Naturzustand, widerspiegelt. Wie in The Thin Red Line, seinem letzten Film, sieht der aus der Gesellschaft gestoßene Mensch eine „eigentliche“ Welt, der Malick in poetisch schönen Bildern huldigt. Captain Smith erkennt die Symbiose, in der die Indianer, die Malick vielsagend „Naturals“ nennt, mit ihrer Umwelt leben. Gleichzeitig, auch das typisch für seine Filme, ist der Beobachter der erste Bote des dräuenden Niederganges.

Waren es in Malicks erstem Film Badlands Kopfgeldjäger, die Martin Sheen und Sissy Spacek wie Adam und Eva aus ihrem Waldexil vertrieben haben, in Days of Heaven Gier und Raubbau am Land und in The Thin Red Line japanische und amerikanische Soldaten, die dem Naturidyll mit stahlhartem Zugriff das Ende brachten, so wird die Natur dieses Mal nicht nur in Form der Indianer vernichtet, sondern als Personifikation Pocahontas zivilisiert. Mit ihrem Tod in London, dem damaligen Inbegriff imperialer Zivilisation, hält Malick auch in The New World an der Unvereinbarkeit von Natur und Mensch fest.

Das mag man als reaktionären Glauben eines verschrobenen Regisseurs sehen und daher die leicht frivole Darstellung der minderjährigen und knapp bekleidete Pocahontas, einer Metapher natürlicher, aber vergewaltigter Unschuld, zur Softporno-Ästhetik erklären. Empfehlenswerter ist es indes, The New World als wunderschöne Fortsetzung der Naturverehrung zu sehen und sich dabei von der unpassenden Wagner-Vertonung nicht stören zu lassen.
 

Thomas Hajduk / Wertung: * * * * * (5 von 5)

Quelle der Fotos: Warner Bros.


Filmdaten

The New World

Originaltitel: The New World (USA 2005) 
Regie und Buch: Terrence Malick; Darsteller: Colin Farrell (John Smith), Q'Orianka Kilcher (Pocahontas), Christian Bale (John Rolfe), Kirk Acevedo; Verleih: Warner Brothers; Film-Homepage: http://wwws.warnerbros.de/thenewworld/



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