06.02.2012
Von Vätern und Söhnen - oder: Von der Kraft der Musik

The Music Never Stopped


The Music Never Stopped: J.K. Simmons, Lou Taylor Pucci "The Music Never Stopped" ist ein Song der legendären Rockband Grateful Dead und handelt von einer verschlafenen Gemeinde, die durch ein Rockkonzert im Sommer zu neuem Leben erweckt wird. Gleichsam als Initialzündung wirkt der Song, denn die Gemeinde tanzt weiter, lange nachdem die Rockband ihre Zelte schon abgebrochen hat. Der Titel kann, ja muss, programmatisch für den gesamten Film gelesen werden, da der Musik in diesem Film eine besondere Bedeutung zukommt. Ihre unbestreitbare emotionale Macht, ihre Kraft, ihre Fähigkeit zur Manipulation und zur Suggestion: All diese Komponenten werden thematisiert. Die Musik wirkt in diesem wunderbaren Film von Jim Kohlberg tief in die Seele seiner Protagonisten hinein, und verändert nicht nur ihre Denkweise wie ihre festgezurrten Denkstrukturen, sie ist ebenso Bindeglied und Brücke mittels derer sich Vater und Sohn wieder annähern können.

Die Geschichte ist lapidar erzählt: Gabriel Sawyer (Lou Taylor Pucci), ein Mittdreißiger wird verwahrlost in New York City aufgefunden. Er ist offenkundig desorientiert, und schon bald stellen die Ärzte einen gutartigen und operablen Gehirntumor fest. Die Crux an der Sache: Mit der Entfernung des Tumors verliert Gabriel wesentliche Funktionen seines Kurzzeit- wie Langzeitgedächtnisses. Die Eltern, zu denen der einst rebellische Gabriel seit beinahe 20 Jahren keinen Kontakt mehr pflegt, werden informiert, und nehmen sich seiner an. Die Grundstruktur der Story ist in den ersten fünf Minuten gesetzt.

In zahlreichen Rückblenden wird die Lebensgeschichte von Gabriel, aber ebenso die konfliktreiche Geschichte der Familie, entfaltet. Parallel hierzu switcht der Filmemacher, der seine Erzählung in den 50er Jahren beginnen lässt, zur Jetztzeit, den Mitachtzigern. Es sind also zwei Erzählstränge, die die Geschichte zusammenhalten. Nach etlichen fehlgeschlagenen Versuchen der Ärzte, Gabriels Gedächtnis zu revitalisieren, wenden die Eltern sich an eine Musiktherapeutin, die Gabriel mit Rockballaden aus den 60er und 70er Jahren versucht in die Gegenwart zurückzuholen. Was nach anfänglichen Schwierigkeiten gelingt.

The Music Never Stopped: J.K. Simmons Ganz ohne Zweifel wird der Film von seinen wunderbaren Darstellern und deren bezaubernde, an die Nieren gehende Darstellung getragen. Der Vater Henry Sawyer (J.K. Simmons) macht einen schmerzlichen wie kathartischen Prozess der inneren Wandlung durch, als er anerkennen muss, dass er in Bezug zu seinem Sohn gravierende Fehler gemacht hat, die er nun ausbügeln möchte. Par excellence verkörpert er jenen Typus des rechtschaffenen, ordentlich gekleideten, patriotisch eingestellten Amerikaners, der seinen "American Dream" unbedingt zumindest in seinem Rahmen realisieren will. Die Mutter Helen Sawyer, die von der britischen Theaterschauspielerin Cara Seymour gespielt wird, berührt durch ihr zurückhaltendes aber nicht minder expressives Spiel.

Durch ihr leises Agieren, aber durch ebenso durch ihre Liebe zu Mann und Sohn kann sie viel bewegen. Auch ihr ist die Wandlungsfähigkeit ins Gesicht geschrieben, wenn sie sich von der braven duldsamen Ehefrau der 50er Jahre zur Widerspruch leistenden Ehefrau der 80er Jahre verwandelt. In wesentlichen Situationen kann sie ihrem Mann, wenn auch nur kurz, das Handlungszepter aus der Hand reißen.

The Music Never Stopped: Lou Taylor Pucci, Julia Ormond Der Regisseur geht zurück in die 50er Jahre ohne dem Kardinalfehler anheim zu fallen die Requisiten, die Kostüme, aber auch die entsättigten wie grellen Farbgebungen überdeutlich zu setzen. Er verzichtet auf eine filmästhetische Stilisierung dieser Zeit, stattdessen legt er das Augenmerk auf die psychologische Entwicklung seiner Figuren und das Ausleuchten innerfamiliärer Konfliktsituationen. In vielen Profil- und Nahaufnahmen kommt man den Charakteren nahe, ohne dass sie dabei aber alles von sich preisgeben. Die überwältigende darstellerische Leistung von J.K. Simmons und Cara Seymour stellt Julia Ormond als Musiktherapeutin und den Newcomer Pucci ("Thumbsucker") fast ein wenig in den Schatten.

"The Music Never Stopped" zeigt die Veränderungen der US-amerikanischen Gesellschaft von den 50er bis zu den 80er Jahren. Das Aufbegehren einer Gegenkultur, die sich vehement gegen den Vietnamkrieg und gegen die ambivalente wie biedere Gesellschaftsordnung der 50er Jahre wendet – verkörpert durch Gabriel –, wird ebenso thematisiert wie das Amerika jener, die am Nationalstolz, an den uramerikanischen Werten und Tugenden und an ein für diese Generation typischen Pflichtgefühl und Wertekanon festhalten; Vater und Sohn werden zu Antipoden, die für ihre jeweilige Ideologie und politische Überzeugung, ihr persönliches Verhältnis riskieren. Auf der Mikroebene ist der Film ein berührendes wie authentisches Familiensoziogramm, das die Bündnisse, so wie die jeder Familie inhärenten, antagonistischen Strukturen offenlegt. Die Familie bricht auseinander, um wieder zusammenzufinden, indem sie ihre Voreingenommenheiten und Überzeugungen zugunsten der Liebe überwinden.

The Music Never Stopped Die Musik – und hier reicht die Spannweite von Count Basie, Duke Ellington, The Grateful Dead, Bob Dylan, den Beatles, bis hin zu Bruce Springsteen und Buffalo Springfield – spiegelt die gesellschaftlichen Um- wie Aufbrüche, ebenso wie die spannungsvollen Entwicklungen, die in dieser Zeit Amerikas Menschen mehr denn je in ihren Grundfesten erschüttern. Henry liebt den Blues, den Jazz, jene Musikgattungen also, die für ein Amerika stehen, das sich dem aus seiner Geschichte entwickelten Wertekanon verpflichtet fühlt, während Gabriel den rebellischen, zu seiner Zeit avantgardistischen Rock liebt und hierin die letzte Bastion eine anderen Amerikas sieht.

Der Generationenkonflikt wird hier, wenn man so will, auch über die Musik ausgetragen. Im selben Maße aber ist die Musik wiederum jenes Medium das zur Annäherung und schlussendlich Aussöhnung der beiden führt. Kohlberg läuft keineswegs Gefahr in hohlen Pathos oder in ein abgedroschenes Melodrama abzudriften, was bei Familiendramen, zumal amerikanischen, eine latente Gefahr birgt. Er ist dieser Gefahr vollends entkommen, indem er es vermag eine traurige wie schöne Metamorphose zwischenmenschlicher Bindungen und Verschachtelungen zu inszenieren, ohne auf die Karte des Überdramatischen zu setzen.  

Sven Weidner / Wertung: * * * * * (5 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Senator

 
Filmdaten 
 
The Music Never Stopped (The Music Never Stopped) 
 
USA 2011
Regie: Jim Kohlberg;
Darsteller: J.K. Simmons (Henry Sawyer), Lou Taylor Pucci (Gabriel Sawyer), Cara Seymour (Helen Sawyer), Julia Ormond (Dr. Dianne Daly), Mia Maestro (Celia), Tammy Blanchard (Tamara), Scott Adsit (Dr. Biscow) u.a.;
Drehbuch: Gwyn Lurie, Gary Marks nach dem Essay "The Last Hippie" von Dr. Oliver Sacks; Produktion: Jim Kohlberg, Julie W. Noll, Peter Newman, Greg Johnson; Kamera: Stephen Kazmierski; Musik: Paul Cantelon; Schnitt: Keith Reamer;

Länge: 104,56 Minuten; FSK: ohne Altersbeschränkung; ein Film im Verleih von Senator Film Verleih; deutscher Kinostart: 29. März 2012



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<06.02.2012>


Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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