26.01.2010

Dostojewski goes Popkultur

The Man Who Sold the World

Einen Film, der sich nicht scheut, die ganz großen Gefühle zu zeigen, muss man auf der diesjährigen Berlinale eine Weile suchen: Neben den kaputten, zu wirklicher Nähe unfähigen Existenzen, auf die sich das zeitgenössische Kino gerne fokussiert, wirken die von den Marokkanern Swel und Imad Noury entwickelten Figuren-Konstellationen in ihrer Intensität geradezu archaisch. "The Man Who Sold the World" erzählt in surrealen Bilder-Folgen die Geschichte eines Mannes, dessen Leben von einer echten Liebe überflutet wird – und einer Psyche, die sich, in der tiefen Überzeugung, kein Glück verdient zu haben, konsequent selbst sabotiert. Ein Film für Cineasten, aber nur für welche, die, wie der Prolog suggeriert, "Liebe und Schmerz kennengelernt haben".

'X' – so heißt die Hauptfigur dieses traumfetzenhaft auf die Leinwand geworfenen Dramas – müsste eigentlich nur noch zugreifen und genießen. Seinen Lebensunterhalt bringt ihm ein zwar eintöniger, aber sicherer Job. Sein zufriedener Gönner, der kafkaesk unerreichbare 'Mister M.', scheint große Stücke auf ihn zu halten. Freund Ney umhegt ihn und ist stets für ihn da – und dann steht auch noch seine Verlobung mit der ihn wahrhaft liebenden Lili an. Sein intaktes Leben findet jedoch in einer Welt statt, in der Krieg herrscht, in der Mütter und Väter jeden Tag ihre Kinder verlieren. Und er, 'X', arbeitet für die Regierung, die für diesen Krieg Soldaten rekrutiert. Eine von fünfzehn Episoden erzählt in behutsam komponierten, elegischen Bildfolgen nur davon – übertitelt mit dem Satz "A chapter which anyone who has no personal opinion on misery can skip".

Das eigentlich Verblüffende an diesem zweiten Film der regieführenden Brüder Noury ist, dass selbst die haarsträubendsten Prämissen funktionieren. Dass ein wasserstoffblond verstrubbelter, immer etwas verknittert und zerknautscht wirkender Mann im Kriegsministerium arbeitet – wieso nicht? Dass sich eine blendend schöne, graziöse Tänzerin in den körperlich behinderten und ergo unbeholfen Dahinstolpernden verliebt – durchaus glaubwürdig. In einer Welt, in der Computer von der Regierung abgeschafft wurden, militärische Uniformen aus blauen Baumwoll-Overalls mit weißer Krawatte bestehen und für eine Hochzeit die Erlaubnis des zuständigen Ministeriums beantragt werden muss, ist vieles möglich. Die Dialoge, oft eins zu eins aus Dostojewskis Erzählung "Ein schwaches Herz" übernommen, wirken – im unprätentiösen Spiel von Said Bey (als 'X') und Fehd Benchemsi (als dessen Freund Ney) – zeitlos, unverkrampft und authentisch.

Der Stärke ihrer Schauspieler und einer wunderbar einfühlsamen Kamera ist es zu verdanken, dass diese Melange aus einem orwellsch-düsteren, dystopischen Setting, einem Erzähltext des 19. Jahrhunderts und Verweisen auf die Musik der 70er Jahre – der Filmtitel etwa zitiert David Bowies gleichnamigen Song – über weite Strecken gelingt. Manche Sätze, die 'X' nachdenklich ausspricht, hätten aus dem Munde eines Leonardo di Caprio wohl nur halbgar und unfreiwillig komisch geklungen. Wenn Said Bey jedoch die Lippen öffnet und sie für einen Moment den Blick auf die schiefgewachsenen, gelblichen Zähne freigeben, wenn er dann spricht und das eine Mal so viel unbändige Lebensfreude, das andere Mal so viel melancholischen Zauber in seine Stimme legt, glaubt man ihm jedes Wort.

Die beiden jungen Regisseure meistern ihre großen Themen – Liebe, Schuld und das, was man früher "geistige Umnachtung" nannte – mit anerkennenswerter Virtuosität. Das mag auch in der Tatsache begründet sein, dass es sich hier gewissermaßen um eine "Familienproduktion" handelt: Ihre Mutter, die Spanierin Pilar Cazorla, hat den Film produziert, der marokkanische Regisseur Hakim Noury, der Swels und Imads Vater ist, taucht schauspielernd als 'Mister M.' auf. Gegen Ende verstummen die latent eifersüchtigen Zwischentöne genauso wie das homoerotische Knistern, und 'Mister M.' hält noch ein überraschendes Statement zu der von 'X' als so bedeutsam wahrgenommenen Arbeit bereit. In einem der letzten "Kapitel" sehen wir in der Totalen Ney, der auf einem offenen Strand seinem Freund 'X' durch eine rote Tür zu folgen versucht. Diesen führt die rote Schwelle ins Nichts, während Ney sich nur wieder auf dem offenen Strand befindet – die Story driftet ins Parabolisch-Rätselhafte ab. Ein poetischer, niemals sentimentaler Film, vor dem man Freunde der Hollywood-Liebesschnulzen gar nicht genug warnen kann.  

Jasmin Drescher / Wertung: * * * * (4 von 5)



Filmdaten

The Man Who Sold the World
(The Man Who Sold the World)

Marokko 2009
Regie: Swel und Imad Noury; Drehbuch: Swel Noury nach "Ein schwaches Herz" von Fjodor Dostojewski; Produktion: Pilar Cazorla; Kamera: Paulo Ares;
Darsteller: Said Bey ('X'), Fahd Benchamsi (Ney), Audrey Marnay (Lili), Latifa Ahrar (Mimi), Hassan Midiaf (Drogendealer), Samia Berrada (kleines Mädchen), Majdouline (Orakel), Hakim Noury (Mr. M) u.a.; Länge: 108 Minuten; ein Film in der Sektion Panorama der Berlinale 2010



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