11.02.2019

Intelligenter, aber blutrünstiger Krimi

The Limehouse Golem

Krimihandlungen im düsteren viktorianischen London faszinieren seit den Geschichten von Sherlock Holmes und seit dem Serienmörder Jack the Ripper. 1880 und damit in der Zeit vor den Morden des nie Gefassten an Prostituierten ist "The Limehouse Golem" angelegt, eine Literaturverfilmung, basierend auf Peter Ackroyds Roman "Dan Leno and the Limehouse Golem" (1994). Regisseur Juan Carlos Medinas zweiter Film nach "Painless – Die Wahrheit ist schmerzhaft" wechselt zwischen zwei Genres hin und her: Neben der blutrünstigen Story um Serienmorde hat der Film sehenswerte Varieté-Szenen. Zwei Figuren stehen im Mittelpunkt: Es sind Scotland-Yard-Inspektor Kildare (wie immer charismatisch: Bill Nighy), der herausfinden muss, wer der Golem ist, und die junge Komödiantin Lizzie Cree (Olivia Cooke). Ihr Leben, ihr Aufstieg in der Music-Theatre-Welt bis zu ihrem Absturz als mutmaßliche Giftmörderin, wird in Rückblenden erzählt.

Es tut in den Augen weh: Gelbstichige, sepiafarbene Bilder bestimmen die Leinwand; der Film spielt im schmutzigen, dunklen, derben London 1880. Etwas anderes tut mehr noch in den Augen weh: Die Morde im Film sind blutig, brutal dargestellt, auf Schockeffekte setzend. Dies ist der größte Nachteil des Films neben dem unübersichtlichen Hin- und Herspringen des Drehbuchs von Jane Goldman, er ist reißerisch. Die blutrünstigen Effekte machen viel von der Qualität des Films zunichte. Sowie als Zuschauer zuzusehen, wie der damals in London lebende Karl Marx als Mordverdächtiger vorkommt, nicht ohne gewaltsame Bilder in der Vorstellung Inspektor Kildares, Marx könne der Golem sein, macht die Sache mit "The Limehouse Golem" auch nicht besser. Dafür stimmt die Atmosphäre, die Ausstattung ist großartig. Und die Schlusspointe, wer der Mörder ist, ist klug. Versierte Filmfans könnten in diesem Whodunit-Krimi auf die Lösung kommen. Oder ihnen sei ein Aha-Erlebnis vergönnt.

"Beginnen wir mit dem Ende!" sagt zu Beginn des Films Dan Leno auf der Bühne seines Varietés, der Dan Leno, der im Buchtitel genannt ist. Leno wird gespielt von Douglas Booth, der zwar zu jung ist für die Rolle, aber gut in ihr. Mit dem Ende meint der Varieté-Künstler: Lizzie wird verhaftet. Die junge, brave Lizzie steht im Verdacht, ihren Ehemann vergiftet zu haben. Jener Tote, John Cree (Sam Reid) wird für den Inspektor auch ein Verdächtiger in der Mordserie sein, wie Karl Marx, wie Dan Leno, wie ein paar weitere Männer. Deshalb kümmert sich Kildare um die Inhaftierte und will sie vorm Galgen bewahren. Es verbindet sie noch etwas miteinander: ihre mehr oder weniger latente Homosexualität. Immer wieder wird auf beider Unterdrückung ihrer Neigungen hingewiesen, aber der Film macht zu wenig aus dem Thema, schneidet es stets nur an. Lizzie wird im Verlauf des Films Cree heiraten, dann sich vor dem Sex mit ihm ekeln und ihre Theater-Rivalin bitten, "die ehelichen Pflichten" zu übernehmen.

Die Rückblenden über Lizzies Leben vor dem Warten auf die juristische Entscheidung über Leben und Tod sind sehr sehenswert, zeigen sie doch viele unterschiedliche Varieté-Veranstaltungen. Dies ist mit das Beste am Film neben Bill Nighys perfekter Darstellung des in sich gekehrten und doch klugen Polizisten und neben Olivia Cookes schauspielerischer Leistung. Durch die beiden wird das Bild rund, obwohl die Handlung straffer, weniger zerfasert hätte erzählt werden können.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * * (3 von 5)



Filmdaten

The Limehouse Golem
(The Limehouse Golem)

GB 2016
Regie: Juan Carlos Medina;
Darsteller: Bill Nighy (John Kildare), Olivia Cooke (Lizzie Cree), Douglas Booth (Dan Leno), Sam Reid (John Cree), María Valverde (Aveline Ortega), Daniel Mays (George Flood), Eddie Marsan (Onkel), Graham Hughes (Little Victor), Henry Goodman (Karl Marx), Siobhan Cullen (Schwester Mary) u.a.;
Drehbuch: Jane Goldman; Produktion: Elizabeth Karlsen, Joanna Laurie, Stephen Woolley; Kamera: Simon Dennis; Musik: Johan Söderqvist; Schnitt: Justin Krish;

Länge: 109,52 Minuten; FSK: ab 16 Jahren; Kinostart: 31. August 2017



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Zitat

"Warum bin ich so gut darin, Zicken zu spielen? Ich denke, es liegt daran, dass ich keine Zicke bin. Vielleicht ist das der Grund, warum Joan Crawford immer Ladies spielt."

("Why am I so good at playing bitches? I think it's because I'm not a bitch. Maybe that's why Joan Crawford always plays ladies.")

Schauspielerin Bette Davis, 30. Todestag am 6. Oktober 2019, mit einer Spitze gegen ihre Dauerrivalin Crawford

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