08.10.2019

The Legend of Kaspar Hauser

"The Legend of Kaspar Hauser" ist von der ersten Szene an höchst rätselhaft: Vincent Gallo steht in einer unbewegten Schwarzweiß-Aufnahme an einem verlassenen Strand und streckt einen Arm gen Himmel, während die treibende Elektromusik von "Vitalic" eine Dynamik erzeugt, die weder im Bild noch in der Handlung eine Entsprechung findet. Unerwartet fliegen drei UFOs über Gallo hinweg, bilden eine Dreicksformation und entschwinden wieder. In der letzten Szene von "Kaspar Hauser" greift der italienische Regisseur Davide Manuli dieses Eröffnungsbild leicht variiert auf und schließt damit immerhin in formaler Weise einen Kreis. Bei allem, was zwischen diesen beiden Szenen passiert, lässt der verschrobene Film seine Zuschauer jedoch ziemlich alleine: "Kaspar Hauser" folgt keiner erzählerischen Logik mit greifbaren Figuren, sondern arbeitet mit Assoziationen und Typen.

Das übergeordnete Thema ist der Einbruch eines Fremden in die Gesellschaft einer verlassenen Insel. Als der Sheriff (Vincent Gallo) den am Strand angespülten Kaspar Hauser (Silvia Calderoni) findet, interessieren sich auch die restlichen Inselbewohner für den wortkargen Neuankömmling. Alle Figuren, darunter die Herzogin, der Priester oder die Prostituierte, deuten die Bestimmung des Jungen auf je eigene Weise. Da Kaspar kaum spricht und bis zuletzt ein unbeschriebenes Blatt bleibt, bietet er sich – ganz so wie der gesamte Film – als Projektionsfläche geradezu an. Bald bringt der Gestrandete Verwirrung ins Dorf und erscheint der Herzogin als Bedrohung, so dass sie den Pusher (ebenfalls Vincent Gallo) für ein Attentat engagiert.

In gewisser Weise reflektiert die in alle Richtungen offene Erzählung um den sehr androgynen Kaspar Hauser die Unbestimmtheit des gesamten Films, der vor allem um sich selbst kreist und keine Erklärungen liefert. Die verschiedenen Kapitel zu Themen wie "Erziehung" oder "Kaspar reitet auf einem Maultier" stehen recht unverbunden nebeneinander und ziehen sich bisweilen quälend in die Länge – der konsequent durchgehaltene Formalismus und die feine elektronische Musik von "Vitalic" liefern aber immerhin ästhetische Lichtblicke.



Diese Filmkritik ist zuerst erschienen bei fluter.de.

 

Christian Horn / Wertung: * * (2 von 5)



Filmdaten

The Legend of Kaspar Hauser
(La leggenda di Kaspar Hauser)

Italien 2012
Regie: Davide Manuli;
Darsteller: Vincent Gallo (Pusher / Sheriff), Claudia Gerini (Herzogin), Elisa Sednaoui (Prostituierte), Fabrizio Gifuni (Priester), Silvia Calderoni (Kaspar Hauser), Marco Lampis (Drago), Tonino Fenu;
Drehbuch: Davide Manuli mit Unterstützung von Giuseppe Genna; Produzenten: Alessandro Bonifazi, Davide Manuli, Bruno Tribbioli; Kamera: Tarek Ben Abdallah; Musik: Vitalic; Schnitt: Rosella Mocci;

Länge: 98,56 Minuten; FSK: ohne Altersbeschränkung; deutscher Kinostart: 25. Juli 2013



Artikel empfehlen bei:  Mr. Wong Delicious Facebook  Webnews Linkarena  Hilfe

© filmrezension.de

home
  |  regisseure/schauspieler   |  e-mail
 über uns  |  impressum  


 
Zitat

"Es erscheint mir albern, dass etwas so Richtiges und Einfaches erkämpft werden muss."

("It just seems silly to me that something so right and simple has to be fought for at all.")

Schauspieler Gregory Peck (1916 - 2003) über die Rechte von Homosexuellen

Drucken

Artikel empfehlen
Mr. Wong Delicious Facebook Webnews Linkarena 
Hilfe