27. März 2003

Die Unbestechlichkeit der Augen

The Hours
- Von Ewigkeit zu Ewigkeit

Drei Frauen, drei Schicksale, drei verschiedene Zeitperioden, drei latente bis manifeste Tendenzen zum Wunsch hin, in der Liebe zum eigenen Geschlecht das Lebensglück zu finden - der "Billy Elliot"-Regisseur Stephen Daldry tischt eine opulent gestaltete Palette des unter der auf Hochglanz polierten Oberfläche brodelnden Lebensüberdrusses auf, die von hochkarätigen Schauspielerleistungen getragen wird. Das Manko: Daldrys Herkunft vom Theater ist dem Film jederzeit anzumerken, eine allzu melodramatisch anmutende Adaption des gleichnamigen Romans von Michael Cunningham ist das Ergebnis.

"Ich will Leben und Tod, geistige Gesundheit und Wahnsinn zum Ausdruck bringen. Ich will Kritik am Gesellschaftssystem üben und es in Aktion vorführen, da, wo sie am intensivsten ist." Das vermerkte Virginia Woolf 1923 in ihrem Tagebuch zu dem Roman, den sie damals verfasste, der zu dem Zeitpunkt noch "The Hours" heißen sollte, dessen Titel später in "Mrs. Dalloway" abgewandelt worden war und leitende Funktion in Michael Cunninghams 1998 erschienenen Roman "The Hours" wie in dessen Verfilmung einnimmt: Die Schicksale von drei Frauen, die auf den ersten Blick nichts miteinander gemein haben, sind über ihn verknüpft.

An den Anfang des Films wird Virginia Woolf (Nicole Kidman) mit ihrem Freitod im Jahr 1941 gestellt. Sie liebt ihren Gatten Leonard, aber sie hat den Kampf gegen ihre Psyche verloren, schreibt sie im Abschiedsbrief. Es wird im Verlauf des Films der erste von zwei gelingenden bei drei Selbstmordversuchen werden. Jener letzte Tag im Leben der großen Woolf, der literarischen Mitbegründerin des modernen Feminismus, stellt in "The Hours" gleichzeitig den einzigen Exkurs des Films aus einer ansonsten stringenten, an "Mrs. Dalloway" angelehnten Erzählweise dar: Der Ablauf eines Tages im Leben einer Frau wird dort verfolgt, beginnend mit ihrem Frühstück, fortfahrend mit den Planungen einer Party, endend in der Erkenntnis, dass die von Woolf im Tagebuch genannten "geistige Gesundheit und Wahnsinn" das Leben der nur glücklich anmutenden Frau mitbestimmen. In den beiden Werken, die jetzt tatsächlich "The Hours" heißen, gilt dies für gleich drei Frauen, für die am Ende des Tages nichts vom Ursprungszustand verbleibt, da für sie die Regeln im Tagesverlauf neu festgelegt werden.

1923 sehen wir Virginia Woolf, die im ihr zu stillen Londoner Vorort Richmond eines Vormittags am ersten Satz ihres ersten bedeutenden Romans brütet. Er lautet: "Mrs. Dalloway sagte, sie wolle die Blumen selbst kaufen."

Diesen Satz liest die in einem Einfamilienhaus in Los Angeles mit Gatte und Kind lebende Laura Brown (Julianne Moore) eines Vormittags im Jahr 1952. Der Roman "Mrs. Dalloway" wird sie erkennen lassen, dass sie nicht das aus dem American Dream - Gatte, Kind, Eigenheim - entspringen sollende Lebenglück empfindet, während sie die Geburtstagsparty für ihren Gatten vorbereitet. Zunächst wird sie daraus die falschen Konsequenzen ziehen wollen.

Diesen Satz spricht die New Yorkerin Clarissa Vaughan (Meryl Streep) im Jahr 2001 aus, als sie eines Vormittags die Party zu Ehren ihres früheren Lebensgefährten, dem an AIDS im Endstadium leidenden Schriftsteller Richard Brown (Ed Harris) vorzubereiten angeht. Richard nennt sie mehr spöttisch denn liebevoll seine "Mrs. Dalloway".

Mit kleinen, stechenden Augen über ihrer spitzen Nase blickt Virginia Woolf Gatten und Bedienung an, wenn etwas nicht ihrem Wunsch gemäß läuft. Sie camoufliert so ihr intimes Gefühl des Verletztseins, denn sie sehnt sich nach einem anderen Leben. Eins, das sich im leidenschaftlichen Zungenkuss mit ihrer Schwester offenbart. Sie ist sich der fürsorgenden Liebe des Gatten gewiss, aber das reicht nicht. Denn Leonard ist ein wenn auch weniger naives, aber genauso langweiliges Alter ego von Charles, dem ahnungslosen Ehemann von Gustave Flauberts "Madame Bovary", der seine Gefühle für die Angetraute für ausreichend hält. Leonard hingegen weiß um lauernde Gefahren, die Gefahren, die 1941 enthemmt sein werden, ist aber hilflos.

Mit großen, traurigen Augen bereitet Laura Brown zusammen mit dem kleinen Richie den Kuchen für den Gatten vor. Dieser (John C. Reilly), ein Langweiler wie Leonard 30 Jahre zuvor, liebt seine Frau - ein Zustand, den sie nicht mehr einsieht, da ja doch etwas fehlt, in dieser Ansicht zusätzlich beeinflusst durch die Lektüre der "Mrs. Dalloway". Somit einen Schritt weiter als Virginia Woolf, sehnt sie sich, unmittelbar der Empfindung der körperlichen Nähe einer Nachbarin (Toni Collette) folgend, nach Flucht. Freitod soll die Flucht sein.

Mit mittelgroßen, altersmüden Augen blickt Clarissa Vaughan auf ihr Privatleben zurück. Sie, wie auch der sterbende Ex-Partner Richard, vollzogen den Schritt, den Virginia und Laura nicht wagten: Das Glück suchten sie in der Homosexualität, Clarissa fand es im nahezu bürgerlichen Sinn: Mit Partnerin Sally (Allison Janney) hat sie eine Tochter (Claire Danes) groß gezogen. Vollends befriedigt wirkt Clarissa durch den Wechsel in der Geschlechterwahl nicht, aber für Richard führte eben jener Wechsel geradewegs in die Katastrophe.

Ebenjene Katastrophe - mit AIDS als Allegorie - weist aus, worin die hintergründigen Absichten der Filmemacher ganz im Sinne des Romanautors Cunningham bestehen: Der Film ist keine Hymne auf Virginia Woolf, schon gar keine auf den Feminismus, erst recht nicht stellt der Film eine moralische Unterstützung der Frauen, die sich aus der eingefahrenen Lebenslage befreien wollen, dar - sondern ganz im Gegenteil kristallisiert sich im dargestellten Schicksal des Richard Brown eine gewisse Homophobie heraus und vor allem die sehr versteckt gehaltene Kritik an der aus durch feministische Ansichten beeinflussten Befreiung der Frauen aus der Männerwelt. Laura Brown, durch rechtzeitige weitere Lektüre der "Mrs. Dalloway" vorm Selbstmord bewahrt, verließ Mann und Kind zum Nachteil des 50 Jahre später todkranken Richard Brown. In der Krankheit zeigt sich die Konsequenz daraus, von einer Frau, der Mutter, verlassen worden zu sein, einer anderen Frau, die er "Mrs. Dalloway" nennt, nicht mehr zuzutrauen, dass sie zu Liebe fähig ist; er verließ sie für einen Mann und beweist, dass er seinerseits nicht zur Liebe fähig ist nach dem Schock des Mutterverlusts, nun auch körperlich um die Möglichkeit zur Liebe gebracht.

Mögen die drei parallel erzählten Geschichten auch geschickt montiert sein und sich erst am Ende des Films zu einem Gesamtbild intellektuell hohen Niveaus zusammenfügen, als Steigerung dreier unterschiedlicher Frauen, die sich doch ergänzen, da jede folgende der vorangegangenen einen weiteren Schritt zur Befreiung aus dem persönlichen Eingeschlossensein in die Verpflichtung zum so nicht gewollten Leben hinzufügt - mag auch die Idee, die Traurigkeit der unbestechlichen Frauenaugen mehr aussagen zu lassen als dafür fortgelassene Dialoge, sehr gelungen sein; so bleibt am Ende doch die Trübsal der Conclusio, die fadenscheinige Moral von den drei Geschichten, hängen als nachgerader Verrat an der Selbstbestimmung, an der Menschenwürde.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * (2 von 5)

Quelle der Fotos: Highlight Film


Filmdaten

The Hours - Von Ewigkeit zu Ewigkeit
(The Hours)

Regie: Stephen Daldry; Drehbuch: David Hare nach dem Roman "The Hours" ("Die Stunden", 1998) von Michael Cunningham
Darsteller: Meryl Streep (Clarissa Vaughan), Nicole Kidman (Virginia Woolf), Julianne Moore (Laura Brown), Stephen Dillane (Leonard Woolf), Miranda Richardson (Vanessa Bell), George Loftus (Quentin Bell), Charley Ramm (Julian Bell), Sophie Wyburd (Angelica Bell), Lyndsay Marshal (Lottie Hope), Linda Bassett (Nelly Boxall), Christian Coulson (Ralph Partridge), Michael Culkin (Arzt), John C. Reilly ("Magnolia", "Gangs of New York"; Dan Brown), Jack Rovello (Richie Brown), Toni Collette ("Muriels Hochzeit", "The Sixth Sense"; Kitty), Margo Martindale (Mrs. Latch), Ed Harris (Richard Brown), Allison Janney (Sally Lester), Claire Danes ("William Shakespeares Romeo & Julia"; Julia Vaughan), Jeff Daniels (Louis Waters), Eileen Atkins (Blumenhändlerin Barbara) u.a.; 
Produktion: Robert Fox, Scott Rudin; Ausführende Produzenten: Mark Huffam, Ian MacNeil, Marieke Spencer; Kamera: Seamus McGarvey; Schnitt: Peter Boyle; Casting: Patsy Pollock, Daniel Swee; Kostüme: Ann Roth; Musik: Philip Glass; außerdem: "Nr. 3: Bei Schlafengehen" aus "Vier letzte Lieder" von Richard Strauss; 

USA 2002; Länge: 114 Minuten, Farbe, FSK: ab 12 Jahren, ein Film im Verleih von Highlight Film



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"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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