10.03.2011
Die Beständigkeit der Erinnerung

The Dust of Time


Eis, Schnee, Kälte. Erfroren ist die Welt in Theo Angelopoulos' "The Dust of Time". Den zweiten Teil der cineastischen Trilogie des griechischen Altmeisters gibt sich sperrig, schwer zugänglich, hochkompliziert, doch reich an emotionaler Intensität, an Bildkomposition und schierer Ausdruckskraft. Von elegischer Musik getragen entfaltet das Epos über das Schicksal einer griechischen Emigrantenfamilie, Heimatlosigkeit und Vertreibung einen unwiderstehlichen Sog.

Spiros (Michel Piccoli) und Eleni (Irene Jacob), die Eltern des amerikanischen Regisseurs (Willem Dafoe), der im Zentrum der Handlung steht, sind griechische Emigranten. Sie besuchen ihren Sohn in Berlin, wo er einen Film dreht, einen Film im Film in Angelopoulos' Drama. In der eindringlichsten Szene blickt der Regisseur konzentriert auf ein Negativ, welches sich vor ihm abspielt. Im Hintergrund erklingen Geräusche. Ob vom Filmmaterial oder des Regisseurs Erinnerung ist gezielt offen gelassen, wie vieles in "The Dust of Time". Irritierend wirkt das komplizierte Geflecht verschiedener Handlungs- und Zeitebenen. Einen Zeitreisenden nannte die Darstellerin Christiane Paul Willem Dafoes Figur. Bewusst changieren die Szenen ins Stilisierte. Einer Romanhandlung gleicht das Leben Spyros' und Elenis, deren Liebe im Zweiten Weltkrieg begann. Eleni musste für ihre Beziehung zu dem USA-Emigranten Spyros in ein sowjetisches Arbeitslager. Hier begegnete sie dem deutschen Juden Jakob (Bruno Ganz). Ein alter Bekannter, der ebenfalls in Eleni verliebt ist. Ihr folgt er nach dem Fall des Stalin-Regimes auf ihrer Suche nach Spyros. Eine Reise in den selbstgewählten Tod, die auch Eleni antreten muss.

Von der griechischen Geschichte, welche in vielen seiner Filme im Vordergrund steht, löst sich Angelopoulos in "The Dust of Time". Statt identitätsbildend zu fungieren, bleiben die Handlungsorte Kasachstan, Deutschland und Sowjetunion Symbole des Verlusts. Verlust von Heimat, von Heim, von Zugehörigkeit. Wie die Schneeflocken, welche der Film visuell heraufbeschwört, sind die Protagonisten getrieben: im Wind der Zeit, der politischen und privaten Veränderungen. Einen Zielort haben sie nicht. Gibt es diesen Ort der Bestimmung überhaupt, ist er an der Seite eines geliebten Menschen. Die Suche nach diesen Geliebten macht die Handelnden zu Ruhelosen. Für die Verlorenheit findet Angelopoulos eindrucksvolle Bilder, in denen sich die Bedeutung des Titels offenbart. "The Dust of Time" liegt auf den Gemälden, welche die opulenten Räume schmücken, den historischen Gebäuden und den Denkmälern, die niedergerissen werden. Zeichen für den Anbruch einer neuen Ära. Zu Staub wird alles, auch die Menschen nach ihrem Tod.

Die Kompositionen der brillanten Filmmusik klingen lange nach. Vager Schmerz spricht aus ihr. Derselbe Schmerz liegt in den schwermütigen Zügen Willem Dafoes. Anstelle eines gewöhnlichen Dramas webt Angelopoulos eine griechische Tragödie um seine Protagonisten. Chronos, Kairos und Thanatos machen die Charaktere zu ihren Spielbällen. Ein unsichtbares Band verknüpft Generationen und Einzelschicksale. Fast zertrennt es die jugendliche Tochter Dafoes, eine zweite Eleni in Filmnamen und Persönlichkeit, mutwillig. Elenis Namen ruft Spyros verzweifelt nach dem Tod seiner Geliebten. Da ist es die Enkelin, welche ihm die Hand reicht, und das Band ist neu knüpft. Schon der Beginn der filmischen Trilogie "The Dust of Time", deren Mittelstück man nun sieht, ließ die Vielschichtigkeit der Handlung erahnen. Ohne den ersten Teil gesehen zu haben, ist ein Einstieg in die Handlung schwer. Zu umfassend und verwoben sind die Zeitebenen, die Handlungsorte und Charaktere.

Dennoch gelingt dem Altmeister des griechischen Kinos mit seinen berauschenden Bildkompositionen ein bewegendes Opus. Störrisch verweigert es sich dem Massengeschmack und bleibt gerade dadurch länger in Erinnerung. Erinnerung und ihre trügerische Wandelbarkeit sind grundlegende Themen in "The Dust of Time". Angelopoulos führt in dieses Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können – ein Paradies, das gleichzeitig eine Hölle ist, der wir nie entkommen.  

Lida Bach / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

 

 
Filmdaten 
 
The Dust of Time (I skoni tou hronou) 
 
Griechenland / Italien / Deutschland / Frankreich / Russland 2008
Regie: Theo Angelopoulos;
Darsteller: Willem Dafoe (A), Bruno Ganz (Jacob), Michel Piccoli (Spyros), Irène Jacob (Eleni), Christiane Paul (Helga) u.a.;
Drehbuch: Theo(doros) Angelopoulos, Tonino Guerra, Petros Markaris; Produktion: Phoebe Economopoulos; Co-Produzenten: Amedeo Pagani, Claudia Poepsel, Vladimir Repnikov, Alexander Skvortsov, Mikhail Zilberman; Kamera: Andreas Sinanos; Musik: Eleni Karaindrou;

Länge: 128 Minuten (Kino-Fassung; DVD: 123 Minuten); FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih von NFP; deutscher Kinostart: 29. Oktober 2009



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Zitat

"Die Länge eines Films sollte in direkter Relation zum Durchhaltevermögen der menschlichen Blase stehen."

Regisseur Alfred Hitchcock

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