11.09.2011

Der Film, der sofort auf seinen eigenen Trailer folgt

The Divide

Stellen Sie sich vor: Sie sitzen im Kino, die Werbung läuft, Sie empfinden Vorfreude auf den kommenden Film, die Trailer beginnen und sie freuen sich noch mehr, denn manchmal sind sie das beste am Kino. Ein Trailer jagt den nächsten, einer davon fällt besonders auf, schnelle Schnitte zeigen in Ausschnitten die in Flammen stehende Erde, überall Chaos, schreiende Menschen, die Zuflucht suchen. Die Kamera verfolgt diese Menschen, wie sie in eine Art Bunker fliehen, die Kamera ist zu verwackelt, um genau zu erkennen was vor sich geht, das Tempo zu hoch, um klar zu denken. Sie wollen in ihrer in den Kinosessel gedrückten Haltung nun den Namen des Films wissen. Weiteres Schreien und Tumult, die Kamera fährt in einen schmalen Gang auf eine Tür zu, die sich langsam schließt. Blutende und brennende Menschen fallen übereinander, um die Tür zu erreichen. Mit verzerrten Mienen schließt ein uns unbekannter Mann die schwere Stahltür vor den panisch heranrasenden Menschenmassen – der Bildschirm wird schwarz.

Was den Zuschauer mit einem vermeintlichen Trailer in die Irre führt, ist der Anfang des Films "The Divide". Der Film fängt dort an, wo andere Filme wie "Independence Day" (1996) oder "Krieg der Welten" (2005) enden. Die Flucht in den "sicheren Hafen" wird dem Zuschauer als Rettung untergeschoben. Der Trailer, besser bekannt als der Anfang des Films, gefällt und macht Lust auf mehr. Das Konzept hierbei ist, dass man nach dem Trailer gleich den dazugehörigen Film zu Gesicht bekommt. Das hat nicht nur einen außergewöhnlichen Surprise-Effekt auf den Zuschauer, sondern ist auch extrem befriedigend.

Die uns vorher unbekannte Person, die vorher panisch die Tür geschlossen hat, bekommt nun ein Gesicht. Alle Protagonisten finden sich in einem Bunker wieder, den ein gewisser Mickey (Michael Biehn) für diese postapokalyptische Notsituation eingerichtet hat. Dieser übernimmt auch sofort die Führung, bleibt aber den ganzen Film über mysteriös und undurchsichtig. Durch die anfängliche Geschwindigkeit weiß der Zuschauer nicht mehr als die Figur im Film. Wurde die Erde von Aliens angegriffen? Gab es einen Atomschlag? Wenn ja, von wem? Die Auflösung wird nie gegeben, am Schluss aber zumindest angedeutet.

Nach einer kurzen Orientierungsphase brechen bewaffnete, in Schutzanzügen gekleidete Menschen durch die verschlossene Tür. Computerspielfans werden dabei an die beklemmende Atmosphäre des Spiels "Dead Space" (2008) erinnert werden. Regisseur Xavier Gens ("Frontier(s)" (2007), "Hitman" (2007)) baut durch permanent flackernde Neonröhren und deren ästhetischem Spiel von Licht und Schatten Unsicherheit auf und stellt durch ein unterschwelliges, aber doch durchdringendes mechanisches Dröhnen im Hintergrund die Frage nach dessen Ursprung. Was anfänglich die ersehnte Rettung zu sein scheint, entpuppt sich als Todeskommando, das das einzige Kind der Gruppe mitnimmt und den Rest auslöschen will. Der Gruppe um Mickey gelingt es jedoch, sich zu verteidigen und größtenteils am Leben zu bleiben. Kurze Zeit später wird die Tür des Bunkers von außen zugeschweißt, was für die Gruppe bedeutet, dass es keinen Ausweg mehr gibt.

Ab sofort beginnt ein klaustrophobisches Katz-und-Maus-Spiel unter den Gefangenen um die Macht im Bunker. Das typische Schema – Gefahr von außen bringt Leute zusammen, die sich nun untereinander zu einer noch größeren Gefahr entwickeln – wird hier anders dargestellt und fällt härter aus als bei anderen Filmen ähnlicher Gattung wie dem Klassiker "Der Herr der Fliegen" (1963, 1990) und verbreitet eine ähnlich nihilistische Message wie "Cube" (1997). Die zwei Freunde Josh (Milo Ventimiglia) und Bobby (Michael Eklund) entwickeln sich zu Bestien, die die gebrochene Marilyn (Rosanna Arquette) als Sexsklavin halten und die anderen unterdrücken. Der Film zeigt in extremer Weise, wie sich moralische Werte verschieben, wenn keine Sanktion durch eine übergeordnete Aufsicht gefürchtet werden muss. Es wirft die Frage auf, ob die Flucht in den Bunker wirklich als Rettung zu bewerten ist oder vielmehr als langsameren, schmerzvolleren Tod. Das Gesetz wird im Film schnell nach eigenen Vorstellungen ausgelegt bzw. vollkommen außer Kraft gesetzt. Allein Eva (Lauren German) scheint die notwendige Stärke zu besitzen, um die Einhaltung grundsätzlicher Normen einzufordern – vor allem da sie erfahren hat, dass es noch einen zweiten Ausweg zu geben scheint.

Das beengende Kammerspiel "The Divide" transportiert die ungemütliche Stimmung erstaunlich gut dafür, dass sie von einem Regisseur inszeniert wurde, der einen Film wie "Hitman" zu verantworten hat. Vor allem die bedrückende Atmosphäre wird in stimmungsvollen Bildern festgehalten, die die meist logisch aufgebaute Handlung begleiten. Ob es realistisch ist, dass sich Menschen in solch kurzer Zeit derart animalisch entwickeln, darf hier nicht das Thema sein. Die schauspielerische Leistung ist überdurchschnittlich und reicht von ausbaufähig (Lauren German) bis zu überragend (Michael Eklund). All diese Komponenten zusammengenommen, bilden einen sehr ansehnlichen Film, der den Zuschauer über die ganze Laufzeit zu fesseln weiß.  

Daniel Forstner / Wertung: * * * * (4 von 5)



Filmdaten

The Divide
(The Divide)

Deutschland / USA / Kanada 2011
Regie: Xavier Gens;
Darsteller: Lauren German (Eva), Milo Ventimiglia (Josh), Michael Biehn (Mickey), Michael Eklund (Bobby), Rosanna Arquette (Marilyn), Courtney B. Vance (Delvin) u.a.;
Drehbuch: Karl Mueller, Eron Sheean; Produzenten: Ross M. Dinerstein, Juliette Hagopian, Nathaniel Rollo, Darryn Welch; Kamera: Laurent Barès; Schnitt: Carlo Rizzo;

Länge: 110 Minuten (Fantasy Filmfest 2011)



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Zitat

"Ich bin ein Filmemacher, kein Dokumentarfilmer. Ich versuche, die Wahrheit zu schlagen."

("I'm a moviemaker, not a documentarian. I try to hit the truth.")

Regisseur Ridley Scott, der am 30. November 2017 seinen 80. Geburtstag feierte

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