13.09.2018

The Deep

Die Isländer nennen ihn den Seehundmann. Besonders für die Bewohner der Westmännerinseln ist der Fischer Gulli (im Film: Ólafur Darri Ólafsson) eine Art Nationalheld, und seine Geschichte ein moderner Mythos. Im Jahr 1984 kentert Gulli mit fünf anderen Seemännern in den eisigen Fluten des Nordatlantik. Die rettende Küste liegt einige Kilometer entfernt in ungewisser Himmelsrichtung. Während die übrigen Besatzungsmitglieder schon nach kurzer Zeit im eiskalten Wasser erfrieren, schwimmt Gulli etwa sechs Stunden durch den Atlantik, bis er völlig entkräftet das Ufer erreicht und sich über scharfkantiges Vulkangestein seiner Rettung entgegen schleppt.

Dem isländischen Regisseur Baltasar Kormákur ("101 Reykjavik") dient diese wahre Begebenheit nun als Stoff für sein Drama "The Deep", das mehr als den reinen Überlebenskampf Gullis schildert. Nach einer effizienten Einführung in das raue Milieu der Westmännerinseln und einer Charakterisierung der Figuren, bildet das eigentliche Überlebensdrama im Atlantik nur das zweite Drittel der Erzählung. Im letzten Drittel steht nämlich Gullis Leben nach dem Schiffsunglück im Fokus, vor allem das schlechte Gewissen, das ihn als einziger Überlebender plagt, und das öffentliche Interesse an seiner "Story".

Inszenatorisch fällt "The Deep" insgesamt nüchtern und schlicht aus, was vor allem in den Milieuschilderungen am Anfang und Ende des Films einen dokumentarischen Eindruck hinterlässt. Eine spannende ästhetische Reibung ergibt sich jedoch daraus, dass Kormákur die "realistische" Umsetzung insbesondere beim Überlebenskampf im Atlantik mit traumhaften Momenten durchsetzt, etwa wenn Gulli halluzinierend mit Möwen spricht oder von Menschen aus seiner Umgebung phantasiert. Zuletzt entwirft Baltasar Kormákur auch einige Szenen mit Sinn für absurde Komik, als Gulli für einige wissenschaftliche Untersuchungen, die sein wundersames Überleben im Eiswasser erklären sollen, nach London zitiert wird und nicht so recht weiß wie ihm geschieht. Mit seiner speziellen Art von poetischem Realismus und der interessanten Geschichte ist "The Deep" die empfehlenswerte Verfilmung einer wahren Begebenheit.



Diese Filmkritik ist zuerst erschienen bei fluter.de.

 

Christian Horn / Wertung: * * * * (4 von 5)



Filmdaten

The Deep
(Djúpið)

Island 2012
Regie: Baltasar Kormákur;
Darsteller: Ólafur Darri Ólafsson (Gulli), Jóhann G. Jóhannsson, Thorbjörg Helga Thorgilsdóttir u.a.;
Drehbuch: Jón Atli Jónasson, Baltasar Kormákur; Produzenten: Agnes Johansen, Baltasar Kormákur; Kamera: Bergsteinn Björgúlfsson; Musik: Daníel Bjarnason, Ben Frost; Schnitt: Sverrir Kristjánsson, Elísabet Ronaldsdóttir;

Länge: 96,18 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; deutscher Kinostart: 27. Juni 2013



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Zitat

"Er etablierte eine Form der Filmkritik, wie es sie vorher und nachher nicht mehr gab. Merker bestand darauf, bei der Auswahl der Filme und der Ausschnitte freie Hand zu haben - was heutzutage, im Zeitalter der immer gleichen Clips, undenkbar ist. Jahrelang gaben sogar die großen Verleihe nach, weshalb Hollywood bei ihm eine ebenso große Rolle spielte wie unabhängig gedrehte, schützenswerte Werke. Helmut Merker mochte nicht einzelne Filme, sondern er liebte das Kino."

Aus dem Nachruf von Milan Pavlovic in der Süddeutschen Zeitung zum Tode des früheren WDR-Filmredakteurs, Filmpublizisten und
-kritikers Helmut Merker (18.08.1942 - 03.09.2018)

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