19.09.2012

Geister der Vergangenheit

The Awakening

"Dies ist eine Zeit für Gespenster", beginnt Nick Murphy sein gespenstisches Spielfilmdebüt "The Awakening". Es ist eine Zeit des Trauer, der Verlorenheit, des Verlassenseins. Eine Zeit kurzer, trüber Tage und einsamer, kalter Nächte. Es ist das England des Jahres 1921. Nach den noch lebendigen Schrecken des Ersten Weltkrieges und dem Tod von über einer Million Menschen begleiten die Überlebenden ihre persönlichen Gespenster. Auch Florence Cathcart (Rebecca Hall). In ihrem Herzen spukt der im Krieg gefallene Geliebte, dessen Zigarettenetui sie aufbewahrt.

Die Geisterjägerin, die in Murphys elegischer Spukgeschichte zur Geisterseherin wird, kennt die Qual nicht loslassen zu können. Vielleicht hat sie es sich deshalb zur Aufgabe gemacht, anderen beim Geister durchschauen und dem Gehenlassen der Toten zu helfen. Bis zu ihrem Bewusstseinserwachen für eine Schattenwelt, die keine spiritistische Taschenspielerei ist. "Seeing Through Ghosts" heißt das Buch, dem der Regisseur das Einleitungszitat entnimmt. Es ist ein fiktives Sachbuch von Florence, die darin Seancen als Betrug demaskiert. Auch praktisch beherrscht sie das Enthüllen von Gespenstertricks. Für einen solchen hält sie auch den Spuk, der Robert Mallory (Dominic West) zu ihr führt. An der Rookwood School, wo der Kriegsveteran unterrichtet, wollen Schüler die Erscheinung eines Kindes gesehen haben. Ein Anblick, durch den einer von ihnen vor Grauen starb. Kleine Jungen glaubten an den Weihnachtsmann und die Zahnfee, bemerkt Florence und ergänzt: "Ich bin sicher, manche von ihnen glauben sogar an Gott."

Sie haben die Kriegsjahre eines Besseren belehrt. Der Verlust, ob emotionaler, gesellschaftlicher oder ideeller Natur, wirkt nach als beständig wiederholte Lektion. Die Lehrer der Rookwood School sind jeder auf eigene Weise kriegsversehrt und tragen halb unbewusst, halb verbittert ihr Trauma an die nächste Generation weiter. Deren Geisterglaube ist teils auch eine kindliche Form mit dem morbiden Umfeld und dem strengen Lehrton umzugehen. Die düstere Landschaftskulisse mit ihren entsättigten Farben und fahlem, gelbstichigem Licht scheint wie geschaffen für eine klassische Gruselgeschichte von M. R. James – oder eine cineastische Geisterstory, wie sie "The Awakening" erzählt. Der Titel des Schauerstücks spielt zum einen auf den Moment von Florences gedanklicher Öffnung für das Okkulte an, zum anderen auf eine umfassendere Bewusstwerdung der Gesellschaft: das Erwachen einer Nation aus einem historischen Schockzustand, dessen Schrecken betäubend wirkte.

Um seine Auswirkung bei vollem Bewusstsein zu ertragen hat jeder der Protagonisten eine persönliche Abwehrmethode entwickelt. Für Mallory sind es die Selbstverletzungen, mit denen er eine Kampfwunde vortäuscht, für seinen Kollegen Professor McNair (Shaun Dooley) unwirsches Verhalten und für den aufgrund fehlender Fronterfahrung verachteten Grundstücksverwalter Judd (Joseph Mawle) das Herumtragen einer Waffe. Einen von ihnen enttarnt Florence im ersten Handlungskapitel als vermeintlichen Inszenator des Spuks. Der entfaltet seine ganze Kraft jedoch erst, als nur noch sie, Mallory und die Haushälterin Maud (Imelda Staunton) im Schulgebäude zurückgeblieben sind. Und Tom (Isaac Hempstead-Wright), der kleine Junge, der die Erscheinung gesehen haben will und als einziges Kind nicht während der Ferien heim fährt. Seine Bekanntschaft lehrt Florence, dass die unheimlichen Wahrnehmungen, die ihren sachlichen Verstand bedrängen, keine Augenwischerei sind.

Die Figuren eint das quälende Bewusstsein verloren zu sein an einem Ort und in einer Zeit, die, wie der Einleitungssatz ankündigt, mehr den Toten gehört als den Lebenden. Letzte sind der eigentliche Spuk in dem düsteren Gebäude, dessen einsame Lage es dem Jenseits nahe zu rücken scheint. Die Protagonisten sind Hinterbliebene, die sich ihrem Schicksal stellen und erkennen müssen, wie schwer das Motto von Rookwood School zu ertragen ist: Semper Veritas – Immer nur die Wahrheit.  

Lida Bach / Wertung: * * * (3 von 5)



Filmdaten

The Awakening
(The Awakening)

GB 2011
Regie: Nick Murphy;
Darsteller: Rebecca Hall (Florence Cathcart), Dominic West (Robert Mallory), Imelda Staunton (Maud Hill), Lucy Cohu (Constance Strickland), John Shrapnel (Reverend Hugh Purslow), Diana Kent (Harriet Cathcart), Richard Durden (Alexander Cathcart), Alfie Field (Victor Parry), Tilly Vosburgh (Vera Flood), Ian Hanmore (Albert Flood), Cal Macaninch (Freddie Strickland), Isaac Hempstead Wright (Tom), Anastasia Hille (Katherine Vandermeer), Andrew Havill (George Vandermeer), Joseph Mawle (Edward Judd) u.a.;
Drehbuch: Stephen Volk, Nick Murphy; Produktion: Sarah Curtis, Julia Stannard, David M. Thompson; Kamera: Eduard Grau; Musik: Daniel Pemberton; Schnitt: Victoria Boydell;

Länge: 107 Minuten; ein Film auf dem Fantasy Filmfest 2012



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"Ich war sehr erfolgreich damit, ein totaler Idiot zu sein." (über seine Karriere)

"Ich schaue die Welt mit Kinderaugen an." (über die Bewahrung seiner Kindlichkeit)

US-Komiker Jerry Lewis (16.03.1926-20.08.2017)

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