08.08.2014

Unheilvolle Stille im italienischen Naturidyll

The American

Edward, der sich seinem mysteriösen Autraggeber gegenüber Jack nennt, ist ein mit den Händen sehr präziser Waffenbauer und Auftragsmörder. Er glaubt nicht, dass Gott sich für ihn interessiert. Dennoch sucht er im idyllischen Bergdorf Castel del Monte nach Freundschaft, Liebe und Erlösung aus der Dunkelheit seiner Existenz. Um den steinigen Weg hin zum Guten geht es im Streifen des niederländischen Regisseurs Anton Corbijn, der das Pittoreske eines italienischen Dorfes als Mitakteurin in den Film zu integrieren vermag.

Stille Fahrten durch Autobahntunnels, Luftaufnahmen im Naturidyll eines mittelalterlich angehauchten Bergdorfs in Italien, Rückblenden von Schießereien in eiskalten Schneelandschaften Schwedens, sekundengenaue Aufnahmen des mechanischen Zusammensetzens von Schusswaffen und in Rot getauchte Liebesszenen – die Bildästhetik dieses Filmes ist wunderbar. Untermalt von einer atmosphärisch unterstützenden aber sich nicht in den Vordergrund drängenden Musik von Herbert Grönemeyer wirken die Bilder stark und vermögen unterschiedliche Emotionen hervorzurufen.

Als es "Il Americano" Edward alias Jack nach Castel del Monte verschlägt, beginnen eben diese positiven Einflüsse, nebst einer sich anbahnenden Freundschaft zu Pater Benedetto und einer entstehenden Liebe zu Clara, sein kaltes Herz zu erweichen. Langsam verlagert sich sein Schwerpunkt und er beginnt, in zwei Welten zu leben – die des Mordes, wo er Jack ist, und die der Liebe, wo er Edward ist. Beide Welten ziehen ihn unheimlich stark an und es beginnt ein für alle gefährlicher Seiltanz. Der Film baut viel atmosphärische Spannung auf, die Handlung ist völlig unvorhersehbar und wendet oft schnell.

George Clooney ist ein überzeugender einsamer und gewiefter Killer, aber auch ein überzeugender Liebhaber und Verzweifelter. Ebenso hervorragend sind die Nebendarsteller Violante Placido (Clara), Thekla Reuten (Mathilde) und Paolo Bonacelli (Pater Benedetto), die durch wenige Pinselstriche treffend gezeichnet werden, und genügend Spielraum erhalten, um sich zu entfalten. Starke Dialoge, minimalistisch, aber mit großer Kraft, unterstützen die unheilvolle Stille des Films.

Das Leitmotiv des Schmetterlings wird als kleiner roter Faden eingebaut – das Schmetterlingstattoo Jacks, herumflatternde Schmetterlinge in einigen Szenen, Hintergrund-Arien aus "Madame Butterfly" – ein schön eingesetztes poetisches Mittel, das der Schwere und Angespanntheit des Geschehens entgegenwirkt.

Dennoch liefert das Drehbuch zu wenig Fakten für den Zuschauer – man darf nicht erfahren, für wen Jack arbeitet, wer die Menschen sind, die er tötet, ob er auch eine andere als die materielle Motivation hat, seiner "Arbeit" nachzugehen. In dieser Hinsicht bleibt der Film zu vage und lässt einige berechtigte Fragen offen.

Nichtsdestotrotz kann man sich als Zuschauer der sorgfältig erarbeiteten und mit viel Präzision eingesetzten Atmosphäre hingeben, dem optischen Genuss, und dabei die immer anwesende unterschwellige Spannung zulassen.  

Hilde Ottschofski / Wertung: * * * * (4 von 5)



Filmdaten

The American
(The American)

USA / GB 2010
Regie: Anton Corbijn;
Darsteller: George Clooney (Jack / Edward), Violante Placido (Clara), Thekla Reuten (Mathilde), Johan Leysen (Pavel), Paolo Bonacelli (Pater Benedetto), Irina Bjorklund (Ingrid), Filippo Timi (Fabio) u.a.;
Drehbuch: Rowan Joffe nach dem Roman von Martin Booth; Produzenten: Anne Carey, George Clooney, Jill Green, Grant Heslov, Ann Wingate; Kamera: Martin Ruhe; Musik: Herbert Grönemeyer; Schnitt: Andrew Hulme;

Länge: 105 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih von Tobis Film GmbH & Co. KG; deutscher Kinostart: 16. September 2010



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"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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