19.09.2012

Ein Junge sieht rot

The Aggression Scale

Oh, diese schrecklichen Kinder! Ein Gefühltes Dutzend Mal äußern die Erwachsenen in Steven C. Millers radikalem Invasionsthriller diesen Ausspruch und doppelt so oft steht er ihnen ins Gesicht geschrieben. Ihre Formulierungen gehen in dem blutigen Aufeinandertreffen von Gangsterkrimi und Kinderhorror zugegebenermaßen weniger ins Poetische. Letztes zählt nicht zu den Stärken des Regisseurs; es sei denn im Sinne poetischer Gerechtigkeit.

Die sieht Gangsterboss Bellavance (Ray Wise) auf den Fotos, die sein Handlanger Lloyd (Dana Ashbrook) mit der Sofortbildkamera macht. Jedem Schnappschuss geht ein Todesschuss voraus, der das Opfer als Kollateralschaden der Suche nach Beutegeld zurücklässt. Das gleiche gilt für jene, die zufällig in der Nähe sind. Dazu gehört Maggie (Lisa Rotondi). Sie schätzt sich bis zu den wenigen Sekunden, die ihr zur Erkenntnis bleiben, glücklich über ihren Zusammenzug mit dem ihr kürzlich angetrauten Bill (Boyd Kestner). Für seinen schweigsamen Sohn Owen (Ryan Hartwig) und Maggies junge Tochter Lauren (Fabienne Therese) gilt das weniger. Beide Kinder trifft die Blitzheirat ihrer beiden Elternteile aus heiterem Himmel, doch das ist schon Vergangenheit in ihrer ersten Sequenz. Darin fahren die zwei Partner mit ihrem jeweiligen Nachwuchs in das nagelneue Einfamilienhaus. Erworben ist es mit Mr. Bellavances Geld, das zeitgleich vier seiner Schergen zu holen auf dem Weg sind.

Die Kernfamilie ist so frischgebacken wie die Brownies, die eine Nachbarin als Einzugsgeschenk vorbeibringt, da wird sie bereits zerstört. Das traute Heim ist kaum bezogen, da wird es invasioniert. "Das ist mein Haus. Ich muss es verteidigen!", beschloss vor 22 Jahren Kevin McCallister in einer Situation, die der aus Ben Powells Skript auffällig ähnelt. Inspiriert scheint seine gradlinige Geschichte einer rückhaltlosen kindlichen Selbstbehauptung weniger von "Das Omen" und "Freitag, der 13.", dessen Hauptdarsteller Derek Mears in einem Nebenrollenauftritt als sadistischer Killer Gesicht zeigt, als von einem grausigeren Kinokampf eines Terrorkids gegen Gauner: "Kevin allein zu Haus". Chris Columbus rührseliges Home-Invasion-Movie liefert eine kindliche Version dessen, was Miller für Erwachsene inszeniert. So effektiv wie Columbus Weihnachtsfilm und Familienkomödie verknüpfte, paart Millers kondensierter Psychokrimi wohldosierte Brutalität und perfiden Humor. Das überaus ansehnliche Resultat ist ein Genre-Kleinod, stilistisch geschliffen und funkelnd von schauspielerischem Talent.

Letztes ist vor allem das von Ryan Hartwig, dessen Alter Ego Owen unter all den verstörenden Präsenzen auf der Leinwand die bedrohlichste ist. "Er ist jetzt dein Bruder", erklärt Bill Lauren: "Deine Verantwortung." Solche überfordert die Eltern, deren Fürsorgefunktion die Kinder übernehmen. Die Art, in der Stiefbruder und -schwester einander im Wald vor den Räubern beschützen, ist blutig, doch voll Loyalität. Die keimende Zärtlichkeit wirkt ehrlicher als die Bills, der seinen psychopathischen Sohn mit dem Diebesgeld aus der Sicherheitsverwahrung freikauft, um sein eigenes Familienideal zu verwirklichen. Dazu ignoriert er Owens psychische Instabilität genauso wie Maggie die Laurens. Sie ist gewaltbereit wie Owen, doch ihr Zorn ist autoaggressiv. Das behebt die Katharsis des Überlebenskampfes, der heilsamer wirkt als Maggies Floskeln. "Funktioniert diese ganze gruselige Schweigesache für dich?", fragt sie ihren wortlosen Bruder. Ja, sie funktioniert, lautet die klare Antwort von "The Aggression Scale".

Den adäquaten Titel erläuterte eine Textkarte als Richtlinie, anhand der das Gewaltpotential einer Person gemessen wird. Der gerade im Jugendalter angekommene Owen erreicht auf besagter Skala die volle Punktzahl. Fast zumindest. 0.5 Punkte fehlen laut seiner Patientenakte zu den 100 Prozent. Die übertrifft Millers schonungsloser Invasionsthriller dafür gekonnt. Wie Mr. Bellavance sagt: "Laut und dreckig, Lloyd. Laut und dreckig."  

Lida Bach / Wertung: * * * (3 von 5)



Filmdaten

The Aggression Scale
(The Aggression Scale)

USA 2012
Regie: Steven C. Miller;
Darsteller: Ray Wise (Bellavance), Dana Ashbrook (Lloyd), Derek Mears (Chissolm), Jacob Reynolds (Freddie), Fabianne Therese (Lauren), Lisa Rotondi (Maggie), Ryan Hartwig (Owen), Boyd Kestner (Bill), Joseph McKelheer (Wydofski), Jill Burress (Kay), Joe Fiorie (Eugene), Trevor Gross (Bellavances Sohn), Eben Kostbar u.a.;
Drehbuch: Ben Powell; Produktion: Eben Kostbar, Joseph McKelheer, Travis Stevens; Kamera: Jeff Dolen; Musik: Kevin Riepl; Schnitt: Steven C. Miller;

Länge: 85 Minuten; ein Film auf dem Fantasy Filmfest 2012



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Zitat

"Ich war sehr erfolgreich damit, ein totaler Idiot zu sein." (über seine Karriere)

"Ich schaue die Welt mit Kinderaugen an." (über die Bewahrung seiner Kindlichkeit)

US-Komiker Jerry Lewis (16.03.1926-20.08.2017)

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