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7. Oktober 2004
Terminal
Kennt man Steven Spielbergs Film noch nicht, weiß dafür aber über die wahre Geschichte, auf der er basiert, Bescheid, so geht man an "Terminal" mit einem erheblichen Vorurteil belastet heran. Seit 16 Jahren hängt der iranische Flüchtling Kamiri Nassiri im Pariser Flughafen Charles de Gaulle fest. Kein europäisches Land erlaubte ihm die Einreise. Seitdem hat Nassiri keinen Fuß mehr vor die Tür gesetzt, stattdessen sich mit dem Leben vor Ort im Terminal arrangiert. Er lebt von Spenden. Er macht keinen besonders glücklichen Eindruck. Wohlgemerkt: Nassiri existiert. Und er ist immer noch dort, unverändert. In Charles de Gaulle. Das genannte Vorurteil erhält weiteren Schub, wenn
man über die Komödie in Erfahrung bringt, dass Nassiris Alter
ego Victor Navorski ein Happy End erleben darf. Eine Ohrfeige für
Nassiri, denkt man an dessen Schicksal. Was für ein Happy End? Ist
es die Erlaubnis, wieder vom Terminal fortzukommen? Oder mehr: Mit Catherine
Zeta-Jones, einer der schönsten Schauspielerinnen der Welt, ist die
zweite Hauptrolle besetzt. Sie spielt eine Stewardess, deren Weg sich im
New Yorker Kennedy-Airport unweigerlich mit dem von Navorski kreuzt. Amelia
und Navorski kommen sich näher. In die Falle der Erzählung einer
allzu lieblichen Love Story treten Steven Spielberg und seine Drehbuchautoren
allerdings nicht, soviel sei verraten. In die Falle ebenso wenig, das rüde
Schicksal eines staatenlos Gewordenen zu verharmlosen, wie im Film Navorski
dank optimistischer Naivität nicht in die gestellten Fallen des prinzipientreuen
Flughafen-Sicherheitschefs Dixon (Stanley Tucci) tritt. Es werden die peinigenden
Gegebenheiten des Zwangsobdachs, mit denen Navorski zu kämpfen hat,
für eine Komödie bemerkenswert deutlich dargestellt. Ist die
Hauptfigur zunächst verschollen im Airport und gewissermaßen
"lost in translation", verloren in Übersetzung, denn zunächst
versteht der Mann, dessen Reisepass ungültig wird, da die Heimat einer
Revolution ausgesetzt ist, kein Wort, so gelingt es in "Terminal", das
Bild einer die Notlage zu ihren Gunsten verkehrenden Kämpfernatur
zu zeichnen, die sich Selbstaufgabe und Frustration nie zu eigen macht,
nie die Freundlichkeit verliert, woraus gleichzeitig respektable komödiantische
Akzente für den Film gewonnen werden: Navorski beginnt mit dem Basteln von Mini-Burgern aus Keksen,
Ketchup und Majonäse, sein Schlafplatz hat ein Dach über dem
Kopf, aber das ist auch alles, bis er sich im Mikrokosmos Terminal durch
Fähigkeiten und Erlernen sein Leben bestreitet, gar Geld für
einen Hugo-Boss-Anzug hart erarbeitet, um Amelia zu beeindrucken. Der amerikanische
Traum eines Einwanderers wird einmal ganz anders erzählt. Das kann
Spielberg: Erzählen, wie die Helden seiner Filme aus dem Nichts heraus
reüssieren. In "Catch me if you can" hatte Spielberg einen Hochstapler
Erfolge erleben lassen. Hier ist es ein optimistischer Zeitgenosse fern
jeden Kriminalitätsgedankens, der gerade deswegen nicht die Fehler
macht, die zu einer Verhaftung führen könnten. In seinen Filmen
mit Moral zu kommen, das kann Spielberg auch, leider, da bleibt er sich
treu. Der Hochstapler wird am Ende der vorangegangenen Spielberg-Komödie
bekehrt, Navorski bleibt stets sauber. Ein weiteres Mal wirkt der Hinweis
auf die Moral ins formale Korsett gezwängt - um sie doch ironisch
zu brechen. Navorski las die Vorschriften und hält sich an sie. Dixon,
der für seine Karriere Navorski mit schmierigen Tricks loswerden möchte,
kann ihm nichts anhaben. Aus der derartigen Wiedergabe eines Einreisewilligen lässt
sich ein weiterer positiver Effekt gewinnen: Sind Migranten nach den Anschlägen
von New York, Washington 2001 und Beslan 2004 gerade in den USA in Allgemeinverdacht
geraten, ist Victor Navorski die - wenn auch einigermaßen plakativ
geratene - Entgegnung darauf.
Dieser Tage könnte man im Pariser Flughafen folgendes
absurd anmutendes Bild erleben. Zahllose Menschenmassen an Fluggästen
laufen durch das dortige Terminal am anonym bleibenden Kamiri Nassiri vorbei,
und womöglich gleichzeitig am Filmplakat zu Spielbergs Film. Ohne
zu ahnen, dass beide mehr verbindet, als es den Anschein hat. Nicht nur
Paris ist dann in jenem Augenblick für Nassiri in weiter Ferne. Hollywood
auch. Scheinbar. Denn wer nun denkt, sein Schicksal dürfe Steven Spielberg
nicht zu einer Komödie verarbeiten, sollte wissen: Nassiri dürfte
mittlerweile den Flughafen verlassen. Geld hat er jetzt auch, dank des
Verkaufs der Rechte an der Geschichte. Aber er möchte bleiben, wo
er ist, warum auch immer. Eine gute Show, beabsichtigt oder nicht, so wird
und bleibt man berühmt. Sie könnte von Hollywood so nicht erfunden
werden.
Michael
Dlugosch / Wertung: *
* * (3 von 5)
Filmdaten Terminal (The Terminal) Regie:
Steven Spielberg;
USA 2003; Länge: 129 Minuten; FSK: ohne Altersbeschränkung; ein Film im Verleih von United International Pictures; Film-Homepage: http://movies.uip.de/terminal/
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