7. Oktober 2004
Verschollen im Airport, verloren in Übersetzung

Terminal


Terminal: Filmplakat Nach "Catch me if you can" zwei Jahre zuvor bringt Steven Spielberg erneut eine mit viel Augenzwinkern erzählte Boulevard-Komödie in die Kinos. Warum wieder eine Komödie? "Wir leben in bitteren Zeiten", sagt Spielberg, "da darf es durchaus etwas zu lachen geben". Das sitzt. "Terminal" spielt ausgerechnet an dem Ort, der seit dem 11. September 2001 die meisten Veränderungen hinter sich hat weltweit, auf einem Flughafen, den im Film die Kamera so wie die Hauptfigur lange nicht verlässt, denn jene Figur ist ausgerechnet ein an einer Einreise gehinderter Ausländer aus einer fiktiven kaukasischen Krisenrepublik. Welch eine Wahl zufällig kurz nach den Ereignissen von Beslan. New York ist greifbar nah, rückt aber für das Gegenteil eines Terroristen, Victor Navorski (Tom Hanks) in weite Ferne. Spielberg feiert die Flexibilität seines Helden in Notlage.

Kennt man Steven Spielbergs Film noch nicht, weiß dafür aber über die wahre Geschichte, auf der er basiert, Bescheid, so geht man an "Terminal" mit einem erheblichen Vorurteil belastet heran. Seit 16 Jahren hängt der iranische Flüchtling Kamiri Nassiri im Pariser Flughafen Charles de Gaulle fest. Kein europäisches Land erlaubte ihm die Einreise. Seitdem hat Nassiri keinen Fuß mehr vor die Tür gesetzt, stattdessen sich mit dem Leben vor Ort im Terminal arrangiert. Er lebt von Spenden. Er macht keinen besonders glücklichen Eindruck. Wohlgemerkt: Nassiri existiert. Und er ist immer noch dort, unverändert. In Charles de Gaulle.

Terminal Das genannte Vorurteil erhält weiteren Schub, wenn man über die Komödie in Erfahrung bringt, dass Nassiris Alter ego Victor Navorski ein Happy End erleben darf. Eine Ohrfeige für Nassiri, denkt man an dessen Schicksal. Was für ein Happy End? Ist es die Erlaubnis, wieder vom Terminal fortzukommen? Oder mehr: Mit Catherine Zeta-Jones, einer der schönsten Schauspielerinnen der Welt, ist die zweite Hauptrolle besetzt. Sie spielt eine Stewardess, deren Weg sich im New Yorker Kennedy-Airport unweigerlich mit dem von Navorski kreuzt. Amelia und Navorski kommen sich näher. In die Falle der Erzählung einer allzu lieblichen Love Story treten Steven Spielberg und seine Drehbuchautoren allerdings nicht, soviel sei verraten. In die Falle ebenso wenig, das rüde Schicksal eines staatenlos Gewordenen zu verharmlosen, wie im Film Navorski dank optimistischer Naivität nicht in die gestellten Fallen des prinzipientreuen Flughafen-Sicherheitschefs Dixon (Stanley Tucci) tritt. Es werden die peinigenden Gegebenheiten des Zwangsobdachs, mit denen Navorski zu kämpfen hat, für eine Komödie bemerkenswert deutlich dargestellt. Ist die Hauptfigur zunächst verschollen im Airport und gewissermaßen "lost in translation", verloren in Übersetzung, denn zunächst versteht der Mann, dessen Reisepass ungültig wird, da die Heimat einer Revolution ausgesetzt ist, kein Wort, so gelingt es in "Terminal", das Bild einer die Notlage zu ihren Gunsten verkehrenden Kämpfernatur zu zeichnen, die sich Selbstaufgabe und Frustration nie zu eigen macht, nie die Freundlichkeit verliert, woraus gleichzeitig respektable komödiantische Akzente für den Film gewonnen werden:

Terminal Navorski beginnt mit dem Basteln von Mini-Burgern aus Keksen, Ketchup und Majonäse, sein Schlafplatz hat ein Dach über dem Kopf, aber das ist auch alles, bis er sich im Mikrokosmos Terminal durch Fähigkeiten und Erlernen sein Leben bestreitet, gar Geld für einen Hugo-Boss-Anzug hart erarbeitet, um Amelia zu beeindrucken. Der amerikanische Traum eines Einwanderers wird einmal ganz anders erzählt. Das kann Spielberg: Erzählen, wie die Helden seiner Filme aus dem Nichts heraus reüssieren. In "Catch me if you can" hatte Spielberg einen Hochstapler Erfolge erleben lassen. Hier ist es ein optimistischer Zeitgenosse fern jeden Kriminalitätsgedankens, der gerade deswegen nicht die Fehler macht, die zu einer Verhaftung führen könnten. In seinen Filmen mit Moral zu kommen, das kann Spielberg auch, leider, da bleibt er sich treu. Der Hochstapler wird am Ende der vorangegangenen Spielberg-Komödie bekehrt, Navorski bleibt stets sauber. Ein weiteres Mal wirkt der Hinweis auf die Moral ins formale Korsett gezwängt - um sie doch ironisch zu brechen. Navorski las die Vorschriften und hält sich an sie. Dixon, der für seine Karriere Navorski mit schmierigen Tricks loswerden möchte, kann ihm nichts anhaben. Aus der derartigen Wiedergabe eines Einreisewilligen lässt sich ein weiterer positiver Effekt gewinnen: Sind Migranten nach den Anschlägen von New York, Washington 2001 und Beslan 2004 gerade in den USA in Allgemeinverdacht geraten, ist Victor Navorski die - wenn auch einigermaßen plakativ geratene - Entgegnung darauf.

Terminal Dieser Tage könnte man im Pariser Flughafen Charles de Gaulle folgendes absurd anmutendes Bild erleben. Zahllose Menschenmassen an Fluggästen laufen durch das dortige Terminal am anonym bleibenden Kamiri Nassiri vorbei, und womöglich gleichzeitig am Filmplakat zu Spielbergs Film. Ohne zu ahnen, dass beide mehr verbindet, als es den Anschein hat. Nicht nur Paris ist dann in jenem Augenblick für Nassiri in weiter Ferne. Hollywood auch. Scheinbar. Denn wer nun denkt, sein Schicksal dürfe Steven Spielberg nicht zu einer Komödie verarbeiten, sollte wissen: Nassiri dürfte mittlerweile den Flughafen verlassen. Geld hat er jetzt auch, dank des Verkaufs der Rechte an der Geschichte. Aber er möchte bleiben, wo er ist, warum auch immer. Eine gute Show, beabsichtigt oder nicht, so wird und bleibt man berühmt. Sie könnte von Hollywood so nicht erfunden werden.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * * (3 von 5) 
 

Quelle der Fotos: UIP

 
Filmdaten 
 
Terminal (The Terminal) 
 
USA 2003
Regie: Steven Spielberg;
Darsteller: Tom Hanks (Victor Navorski), Catherine Zeta-Jones (Amelia Warren), Chi McBride (Joe Mulroy), Stanley Tucci (Frank Dixon), Diego Luna (Enrique Cruz), Barry Shabaka Henley (Ray Thurman), Zoe Saldana u.a., als Gast: Benny Golson; Drehbuch: Sacha Gervasi, Jeff Nathanson nach der Story von Sacha Gervasi und Andrew Niccol; Produktion: Laurie MacDonald, Walter F. Parkes, Steven Spielberg; Ausführende Produzenten: Jason Hoffs, Andrew Niccol, Patricia Whitcher; Co-Produzent: Sergio Mimica-Gezzan; Kamera: Janusz Kaminski; Musik: Benny Golson, John Williams

Länge: 129 Minuten; FSK: ohne Altersbeschränkung; ein Film im Verleih von United International Pictures; Film-Homepage: http://movies.uip.de/terminal/



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<07.10.2004>


Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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