21.01.2012
Die Logistik der Trauer

Tage, die bleiben


Tage, die bleiben: Götz Schubert, Mathilde Bundschuh, Max Riemelt Wie erlebt man die Zeit zwischen dem Tod und der Beerdigung eines nahestehenden Menschen? Welche Empfindungen durchleiden die Hinterbliebenen, wie bewältigen sie die Tage der Trauer? Eine Anleitung dafür wollte Regisseurin Pia Strietmann mit ihrem Film nicht liefern, stattdessen "aber einen Zugang zu dem schwierigen Thema schaffen, der dem Zuschauer seine eigenen Fragen und seine individuellen Antworten darauf ermöglicht." In realistischer Manier widmete sich die Spielfilm-Debütantin Strietmann der ernsten Problematik, die jeder kennt, über die man im Nachhinein aber nicht gerne redet. Entstanden ist ein sensibler, teilweise aber auch konventioneller Film.

Als ihr eigener Vater überraschend starb, entdeckte Pia Strietmann, dass die Tage nach dem Verlust eines geliebten Menschen manchmal absurde Züge tragen. Man muss sich arrangieren. Bei der Planung des Begräbnisses hat man logistische Wunder kühl zu vollbringen, während man trauert, den Verlust erst einmal begreifen muss. Diese Zeit schildert Strietmann in ihrem Film in den kleinsten Details bis zur Auswahl des Sargs. Was die Regisseurin selbst erlebt hat, beschreibt sie exemplarisch an einer Familie, deren Mitglieder sich jeweils ihrer Sache zu sicher sind, bis der Tod eingreift.

Tage, die bleiben: der Autounfall Am frühen Abend ist scheinbar noch alles in Ordnung. Eine festliche Veranstaltung in Münster / Westfalen: Andrea Dewenter (Lena Stolze) erhält für ihren ersten Roman eine Auszeichnung. Es wird ihr einziges Buch bleiben, denn später am Abend ist sie tot, verunglückt bei einem Autounfall. Ehemann und Kinder bleiben ratlos zurück; eine Familie, die längst dysfunktional ist, was sich niemand eingestehen wollte und nun klar zutage tritt: Andreas Mann Christian (Götz Schubert) geht fremd, Sohn Lars (Max Riemelt) versucht sich wenig erfolgreich als Schauspieler – seinen früheren Weggang aus dem Münsterland nach Berlin kann man als Flucht vor den Angehörigen deuten –, Tochter Elaine (Mathilde Bundschuh) pubertiert und hält Distanz zu den Familienmitgliedern. Den drei Hinterbliebenen fällt es nun schwer, alle nötigen Formalitäten zu erledigen und gleichzeitig den Verlust der Ehefrau und Mutter zu bewältigen. Stattdessen flüchten sie sich in Nebensächlichkeiten. Christian Dewenter hat für zumindest kurze Zeit die Absicht, Verantwortung abzustreifen und mit der Geliebten abzuhauen. Seine Kinder machen es nicht besser.

"Tage, die bleiben" besticht durch die realistische Schilderung der Geschehnisse. Auch stellt Strietmann mit viel Sensibilität das Verhalten und Reaktionen von Menschen dar, die eine schwere Zeit durchleben. Andererseits gelingt es ihr nicht immer, die Distanz zu den Protagonisten ihres Films zu durchbrechen. Der Zuschauer wird auf die Rolle des nüchternen Beobachters einer Familie im Ausnahmezustand verwiesen. Er kann sich mit den Schicksalen und Gefühlen der dargestellten Familie nicht identifizieren, um das nötige Mitgefühl zu empfinden. Zwar inszeniert Strietmann den Film etwas zu konventionell, fernsehspielartig, aber das mindert nicht die Qualität des Films, der lange im Gedächtnis bleibt.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

Quelle der Fotos: alpha medienkontor

 
Filmdaten 
 
Tage, die bleiben  
 
Deutschland 2011
Regie & Drehbuch: Pia Strietmann;
Darsteller: Götz Schubert (Christian Dewenter), Max Riemelt (Lars Dewenter), Mathilde Bundschuh (Elaine Dewenter), Lena Stolze (Andrea Dewenter), Tessa Mittelstaedt (Laura), Lucie Hollmann (Merle), Michael Kranz (Benjamin), Andreas Schmidt (Iggy), Karl Alexander Seidel (Francis), Heinrich Schafmeister (Bürgermeister) u.a., als Gäste: Barbara Salesch, Manu Delago;
Produktion: Toccata Film in Koproduktion mit Westdeutscher Rundfunk, Bayerischer Rundfunk und Esperanto Entertainment; Produzenten: Fritz Böhm, Sven Nuri; Ausführender Produzent und Koproduzent: Christoph Oliver Strunck; Redaktion: Andrea Hanke (WDR), Natalie Lambsdorff (BR); Kamera: Stephan Vorbrugg; Musik: Martin Stock; Songs: Peter Horn; Schnitt: Sandy Saffeels, Denis Bachter;

Länge: 105,43 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih von alpha medienkontor; deutscher Kinostart: 26. Januar 2012

nominiert für den Max Ophüls Preis 2011 (lobende Erwähnung der Jury) und zahlreiche weitere Festivalauftritte (Biberach an der Riß, Leipzig u.a.)



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<21.01.2012>


Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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