23.02.2006

Globalisierung von Verbrechen - Globalisierung des Films

Syriana


SyrianaIn den deutschen Kinos läuft zeitgleich der türkische Anti-US-Thriller "Tal der Wölfe - Irak", neue Folterbilder aus dem irakischen US-Gefängnis Abu Ghreib wurden gerade publiziert - und dann: "Syriana". US-Star George Clooney wurde sowohl für die Herstellung dieses Films als auch für seine Regiearbeit "Good Night, and Good Luck" bereits als "unpatriotisch" bezeichnet. Zu viel der Ehre: Die Intention, die verbrecherischen Machenschaften der US-Ölfirmen zu verdeutlichen, geht in Dialoglastigkeit und verwirrender Komplexität unter. Michael Moores Dokumentarfilme, bei aller Kritik an ihrer Machart, tragen wesentlich eher zur Aufklärung bei.

"Syriana" ist ein tatsächlicher Fachbegriff der US-Geheimdienste. So genannt sind Pläne, wie der Nahe Osten umstrukturiert werden könnte. Hin zu Demokratien, weg von aktuellen und potenziellen Gottesstaaten. Welch hehres Ziel. Dahinter steckt mehr, und wir wissen es explizit spätestens dank Michael Moore. Es geht um Länder, die an der Quelle des schwarzen Goldes sitzen. Die halbe Regierung George W. Bush war vor Amtsantritt im Ölgeschäft. "War" ...? Bush, Condoleezza Rice, Dick Cheney und andere - sie belegten wichtige Posten in den Chefetagen oder Aufsichtsräten. Nach der Befreiung des Irak von einem Despoten war kurz nach Ende des Krieges 2003 zunächst nur ein einziges irakisches Ministerium von US-Soldaten beschützt worden: das Ölministerium. Die Vereinigten Staaten, die gesamte Welt, sie haben sich alle abhängig gemacht von möglichst billigem, möglichst frei erhältlichem Öl. "‘Syriana’ bedeutet hier als Konzept den trügerischen Traum, man könne Länder nach eigenem Vorbild neu erschaffen", erklärt Stephen Gaghan.

SyrianaGaghan, für sein Drehbuch zu "Traffic - Macht des Kartells" 2001 Academy-Award-gekrönt, schrieb auch hier das Drehbuch, basierend auf dem Buch eines ehemaligen CIA-Agenten, und debütierte als Regisseur. Star-Schauspieler George Clooney ist nicht nur Hauptdarsteller von "Syriana", sondern auch dessen Produzent. Speziell er verfolgt einen kritischen Kurs gegenüber der Politik der USA. Kurz zuvor inszenierte er selber den Spielfilm "Good Night, and Good Luck", der die Auswüchse der McCarthy-Ära in Erinnerung bringt. Ein Film über die Zeit der manischen Kommunistenverfolgung. Ein Film über die Zeit, in der man "Schuldig bei Verdacht" war, um den Titel eines thematisch verwandten Films mit Robert de Niro zu zitieren. In "Syriana" verfolgen beide zusammen, Clooney und Gaghan, ein weiteres hehres Ziel: Wie weit gehen Ölmanager und andere in diesem hinter den Kulissen stattfindenden Krieg, um Machtpositionen zu sichern? Vor Augen soll uns geführt werden: Der hinter den Kulissen stattfindende Krieg bedingte den aller Welt bekannten Irak-Krieg. Vizepräsident Cheneys alte Ölfirma bekam nach dessen offiziellen Ende die meisten Aufträge rund ums Öl. Das alles ist irgendwo bekannt und kaum beachtet. Unbekannt und ergo unbeachtet geschieht noch weitaus mehr. Gaghan und Clooney möchten uns den Zugang dazu verschaffen. Ein wirklich hehres Ziel, das sie anstreben. Sie scheitern auf höchstem Niveau, leider.

Ein CIA-Agent (Clooney), der erkennt, dass er weniger fürs Vaterland denn vielmehr strategisch für Ölfirmen gemordet hat, und sich nun selbständig an die Aufklärung und Verhinderung weiterer Verbrechen macht. Ein arabischer Prinz (Alexander Siddig), der nicht automatisch US-Angebote annimmt; und bald das Recht auf Thronfolge verliert, da Ölfirmen ihren Einfluss spielen lassen; trotzdem ist des Prinzen Leben gefährdet. Ein farbiger Anwalt (Jeffrey Wright), der eine Übernahme einer kleineren Ölfirma, die einen lukrativen Auftrag erhalten hat, durch eine größere Ölfirma, die sich den Auftrag ergattern möchte, untersuchen soll - unter der Hand: durchwinken soll. Ein Analyst (Matt Damon), der nach dem Unfalltod seines Sohnes den Mut fasst, Konsequenzen eines Deals zu hinterfragen. Ein junger Pakistaner, der seine Arbeit auf Ölfeldern durch Rationalisierung verliert und frustriert zum Selbstmordattentäter wird. Zahlreiche Ölmanager und Anwälte (Chris Cooper, Robert Foxworth, Christopher Plummer u.a.), die ums Öl globales Schach spielen, bis hin zum Auftragsmord.

SyrianaIm Film würden zahlreiche Good und Bad Guys der westlichen und der islamischen Welt gezeigt, sagt George Clooney. Auf beiden Seiten gäbe es sie, korrumpiert oder gegen alle Vernunft, gegen allen Selbstschutz korrekt. Oder bekehrt, wie Clooneys Bob Barnes, der für Wiedergutmachung Folter in Kauf nehmen wird. Man muss Gaghan und Clooney zugute halten, dass sie für die Darstellung eines globalen Netzwerks der Interessen und aus ihnen resultierenden Konflikten einen adäquaten Stil finden: Auch der Film ist globalisiert angelegt. Er wechselt stetig den Schauplatz, springend zwischen den USA über Syrien in arabische Länder. Komplex und kompliziert zu durchschauen sind die Verschachtelungen des Netzwerks, und auch dies wird adäquat gezeigt: indem es im Film keinen Überblick gibt. Es geschehen die Ereignisse, ungesteuert oder gesteuert und mit Reaktionen auf sie von der anderen Seite, aber der Film liefert zu den Ereignissen keinen Leitfaden. Dieser Erzählstil ist schlüssig, denn er korreliert so mit dem unübersichtlichen Machtgeschiebe, überfordert allerdings den Zuschauer. Die Intention, den Zugang zu den Mächtigen und ihren Machtdemonstrationen zu eröffnen, verliert der Film dabei kontraproduktiv aus den Augen. Es ist zu erfahren, dass hinter den Kulissen für Machterhalt gemordet wird. Es ist zu erfahren, wie neokonservative Kapitalisten ihre Soldaten, wie Barnes einer war, in Stellung bringen, so emotionslos denn möglich, was ihrer zweckorientierten Natur entsprechen muss - konterkariert durch das Zeigen des Sterbens eines Kindes, konterkariert durch das aus Pragmatismus aus sich heraus entstandene Verbot, noch Gefühle zu haben, konterkariert durch die Präsentation, wie Menschen daher gefügig geworden sind für Ideale anderer, konterkariert auch durch das detaillierte Schildern der Reaktion auf Arbeitsplatzverlust gerade im letzteren Fall (der Pakistaner wird zum Bauernfänger-Opfer), - konterkariert durch den Verlust der Menschenwürde. Das alles ist durch den Film zu erfahren - in seiner Kompaktheit im Film nicht zu erfassen.

Syriana"Syriana" scheitert an seinem quantitativen Quantensprung; er will zu viel auf einmal zeigen, die Komplexität des Themas demonstrieren, indem er selber komplex wird und sich in Dialoglastigkeit verliert. Gaghan ist ein guter Drehbuchautor, wie er es schon bei "Traffic" bewiesen hat, aber er kann das Erzählte nicht in einen vermittelnden Inszenierstil umsetzen. Der Zuschauer wird zum Mitdenken aufgefordert; gut und schön. Der Aufprall des Filminhalts auf den Zuschauer ist für diesen schwer verdaulich, nicht, weil er die brutalen Aktionen der Antipoden dieses Machtkampfes erfährt - es ist vielmehr ein Aufprall, der das Mitdenken ausschaltet, weil der globale Mikrokosmos des Machtkampfs durch die übersichtslose Darstellung von ihm im Film als nur Eingeweihten zugänglich wirkt, der eigentlich angestrebte Zugang für alle, die außen vorgelassenen Zuschauer zu den Ereignissen so versperrt ist. Um es an einem konkreten Beispiel zu verdeutlichen: Wenn der Film in islamischen Ländern aufgeführt wird, fühlen sich Islamisten und potenzielle Selbstmordattentäter bestärkt, da sie US-Amerikaner nun auch durch einen Film von US-Amerikanern von ihrer hässlichsten Seite vorgeführt bekommen. Alles weitere Gezeigte ist nicht greifbar, überblickt und versteht kaum jemand, nicht in islamischen Ländern, nicht in kapitalistischen - US-Filmkritikenpapst Roger Ebert schrieb: Im Pressematerial hätte er alle Protagonisten mitsamt ihren Zielen und Strategien nachlesen können. Da der Film selbst diesen Leitfaden nicht liefert, griff er auch nicht auf das Material zurück - lobte "Syriana" allerdings anhand des Gesehenen.

Das zu Sehende bleibt esoterisches Dickicht, der Zugang zum Stoff verbleibt bei den Eingeweihten, beim Erzählstil im Niveau zu abgehoben. Es ist das vielleicht erste Mal überhaupt, dass man einem Film vorwerfen muss, zu intellektuell zu sein. Vor diesem Film brauchen sich derweil die Verbrecher in der amerikanischen Ölindustrie nicht zu fürchten.  

Michael Dlugosch / Wertung: * * (2 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Warner Bros.

 
Filmdaten 
 
Syriana Syriana (USA 2005) 
 
Regie: Stephen Gaghan;
Darsteller: George Clooney (Bob Barnes), Matt Damon (Bryan Woodman), Jeffrey Wright (Bennett Holiday), Chris Cooper (Jimmy Pope), William Hurt (Stan Goff), Mazhar Munir (Wasim Ahmed Khan), Tim Blake Nelson (Danny Dalton), Amanda Peet (Julie Woodman), Christopher Plummer (Dean Whiting), Alexander Siddig (Prinz Nasir), Max Minghella (Bobs Sohn Robby), Mark Strong (Mussawi), Amr Waked (Scheich Mohammed Agiza), Kayvan Novak (Arash), Robert Foxworth (Tommy Thompson), Nicholas Art (Riley Woodman, Sohn von Bryan und Julie), Steven Hinkle (Max Woodman, Sohn von Bryan und Julie), William Charles Mitchell (Bennett Holiday Sr.), Shahid Ahmed (Saleem Ahmed Khan, Wasims Vater), Akbar Kurtha (Prinz Meshal, Nasirs jüngerer Bruder), Nadim Sawalha (Emir Hamad Al-Subaai), Sonnell Dadral (Farooq, Wasims Freund), Tom McCarthy (Fred Franks) u.a.; Drehbuch: Stephen Gaghan nach dem Buch "Der Niedergang der CIA" ("See no Evil") von Robert Baer; Produktion: Jennifer Fox, Michael Nozik, Georgia Kacandes; Ausführende Produktion: George Clooney, Steven Soderbergh, Ben Cosgrove, Jeff Skoll; Kamera: Robert Elswit; Musik: Alexandre Desplat; Länge: 128 Minuten; FSK: ab 12 Jahren; ein Film im Verleih der Warner Bros. Pictures Germany



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Zitat

"Ich war sehr erfolgreich damit, ein totaler Idiot zu sein." (über seine Karriere)

"Ich schaue die Welt mit Kinderaugen an." (über die Bewahrung seiner Kindlichkeit)

US-Komiker Jerry Lewis (16.03.1926-20.08.2017)

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