13.02.2015
Wettbewerbsfilm der 65. Berlinale 2015

Sworn Virgin


"Sprich nicht bevor ein Mann spricht. Wähle nicht bevor ein Mann wählt. Verweigere dich keinem Mann. Tue keine Männerarbeit. Trage kein Gewehr." Das sind die Gebote, die Hana und ihre Cousine Lila als Mädchen von Lilas Mutter lernen. Das verlangt der Kanun, das über Generationen überlieferte Brauchgesetz im Bergland Albaniens. In den abgeschiedenen Dörfern überdauert ein Rechtsverständnis, das bis ins finsterste Mittelalter zurückreicht - wenn nicht noch weiter, in eine chthonische Ära der Brutalität und Barbarei.

Sworn Virgin Respekt genießt nur, wer eine Waffe hat, und eine Waffe tragen nur Männer. Und Hana (Drenica Selimaj), die sich entschließt als einer zu leben. Ihr Onkel Stjefen (Luan Jaha) hat ihr das Schießen beigebracht. Ihre Tante und Ziehmutter (Emily Ferratello) hat ihr das lange Haar abgeschnitten und erklärt, warum Stjefen drei Schüsse in die Luft feuert: "Um dem Dorf zu sagen, dass sein Haus nun einen Sohn hat." Fortan heißt Hana Mark und hat den gesellschaftlichen Status eines Mannes. Sie trägt Männerkleidung, kann allein in die Berge gehen und Raki trinken, vor allem aber kann sie über sich und ihren Körper bestimmen. Es ist der Weg einer geschworenen Jungfrau, die sich durch einen Eid zu Ehelosigkeit und Keuschheit verpflichtet, der einzige Weg dem Leben einer Sklavin zu entkommen, der sich ihr zeigt. Ihre Cousine Lila, der sie in schwesterlicher Liebe zugetan ist, findet für sich einen anderen. Als ihr Vater ihr als Mitgift eine Patrone gibt, mit der ein von ihm gewählter Ehemann sie umbringen soll, wenn sie nicht gehorcht, plant sie ihre Flucht über die See. Erst hält Hana Lila ab, wie es von ihr ihre Rolle als männliches Familienmitglied vorschreibt. "Wenn dir etwas nicht gefällt, läufst du weg", sagt sie zu Lila, "Ich starre ihm ins Gesicht." Doch schließlich ist es Hana, die ihre Cousine zur Flucht mit einem fremden Mann ans Meer bringt. "Schön und Furcht einflößend", beschreibt sie es später Stjefen, der weiß, dass sie hier keine Zukunft hat, sei es als Hana oder als Mark.

Sworn Virgin Doch die Protagonistin, die ohne Zögern das Gewehr greift und mit ihrem Jungfrauenschwur soweit gegen die archaischen Zwänge aufbegehrt, wie das Gesellschaftsgefängnis es zulässt, hat Angst: Vor dem Unbekannten und dem Verweigern der Verpflichtung, die sie gegenüber den Stiefeltern fühlt. Nach dem Tod der leiblichen Eltern hat ihr Onkel sie durch den Schnee bis zu seinem Haus getragen, fort von einem Tod in Kälte und Hunger. Stattdessen erwartet sie als geschworene Jungfrau ein seelischer Tod an kalter Einsamkeit und dem Hunger nach der wahren Identität. Regisseurin Laura Bispuri, die ihr eindringliches Debüt nach einer Buchvorlage von Elvira Dones erzählt, konzentriert die Gefühle der differenzierten Figuren in feinen Gesten und allegorischen Landschaftsaufnahmen. Die karge Bergwelt steht für die erzwungene Frigidität, die Hana alias Mark (Alba Rohrwacher) auf sich nehmen muss, um den äußeren Anforderungen zu entsprechen. Das Überschreiten der Geschlechtergrenze in der Gemeinde bedeutet mitnichten eine Befreiung, sondern nur eine andere Form der Unterdrückung von Weiblichkeit. Zurück zu ihrem negierten Ich kann die verschlossene Hauptfigur erst nach dem Tod der Eltern finden: in Mailand bei Lila (Flonja Kodheli), die inzwischen selbst eine jugendliche Tochter (Ilire Celaj) hat.

Bispuri tastet sich in ihren Bildern an die Charaktere ebenso vorsichtig heran, wie Hana an die Ungezwungenheit der modernen Welt. Die herausragende Leistung Alba Rohrwachers, die nach dem Silbernen Bären verlangt, legt noch stärkeren Nachhall in die stille, doch essentielle Selbstbehauptung: "Jemand hat mir mal gesagt, wir sind freier als wir glauben."  

Lida Bach / Wertung: * * * * (4 von 5) 
 

Quelle der Fotos: Berlinale

 
Filmdaten 
 
Sworn Virgin (Vergine Giurata) 
 
Italien / Schweiz / Deutschland / Albanien / Kosovo 2015
Regie: Laura Bispuri;
Darsteller: Alba Rohrwacher (Mark/Hana), Flonja Kodheli (Lila), Lars Eidinger (Bernhard), Luan Jaha (Stjefen), Bruno Shllaku (Gjergj), Ilire Celaj (Katrina), Drenica Selimaj (Hana als Kind), Dajana Selimaj (Lila als Kind), Emily Ferratello (Jonida) u.a.;
Drehbuch: Francesca Manieri, Laura Bispuri nach einem Buch von Elvira Dones; Produktion: Vivo Film; Produzenten: Marta Donzelli, Gregorio Paonessa; Kamera: Vladan Radovic; Musik: Nando Di Cosimo; Schnitt: Carlotta Cristiani, Jacopo Quadri;

Länge: 87,30 Minuten; FSK: ohne Altersbeschränkung; ein Film im Verleih von drei-freunde Filmverleih; deutscher Kinostart: 23. Juni 2016

Ein Film im Wettbewerb der 65. Berlinale 2015



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Der Film im Online-Katalog der Berlinale
<13.02.2015>


Zitat

"... Und dann ist der so klein. Da wusste ich, warum mir die Rolle angeboten wurde."

Schauspieler Jürgen Vogel spielt im demnächst in die Kinos kommenden Film "Der Mann aus dem Eis" Ötzi, dessen Leichnam er im Bozener Museum besucht hatte

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