19.09.2018

Swans - Hunger nach Leben

Das Beste an der deutsch-portugiesischen Koproduktion "Swans" sind die konzentrierten Bilder von Kameramann Reinhold Vorschneider, der bei den meisten Filmen der sogenannten Berliner Schule (zuletzt bei "Der Räuber", "Im Schatten" und "Dreileben") hinter der Kamera stand und die Ästhetik des jungen deutschen Independent-Kinos somit maßgeblich mitgeprägt hat. Da der portugiesische Regisseur und Drehbuchautor Hugo Vieira da Silva seinem im Forum der Berlinale aufgeführten Drama ansonsten kein nennenswertes Profil verleihen kann, bleibt "Swans" am Ende eine arg durchschnittliche und allzu offensichtlich um ihren Kunstcharakter bemühte Arthouse-Produktion.

Gemeinsam mit seinem jugendlichen Sohn Manuel (Kai Hillebrand) reist Tarso (Ralph Herforth) nach Berlin, um seine im Koma liegende Exfrau, die Mutter Manuels, zu besuchen. Der Sohn hat die Mutter zuletzt als Kind gesehen und ist vom Anblick des reglosen Körpers im Krankenhausbett verständlicherweise irritiert. Gleichzeitig erfährt die Beziehung zwischen Vater und Sohn in dieser Extremsituation eine emotionale Belastungsprobe.

Die erzählerische Ausgangslage von "Swans" ist durchaus vielversprechend, doch leider verstellt da Silva den Blick auf das Wesentliche, indem er allerhand symbolhafte Handlungen anbringt, die wenig Sinn ergeben und überaus prätentiös erscheinen: In einer länglichen Einstellung setzt Manuel beispielsweise verschiedene Masken auf; der erzählerische Mehrwert beläuft sich darauf, dass sich der überforderte Jugendliche von der Außenwelt abschirmen will. Dass ein solcher Charakterzug sehr viel eleganter nebenbei erzählt werden kann, macht die Maskenszene – und viele weitere, ähnlich gelagerte Szenen – letztlich überflüssig.

Ein Fokus von "Swans", dessen Titel bis zuletzt ein Rätsel bleibt, liegt auf Manuels Sexualität, die im Presseheft als "diffus" bezeichnet wird. So zeigt da Silva den jungen Mann in einer pornografischen Szene beim Onanieren und beim sexuell aufgeladenen Berühren seiner komatösen Mutter – hinzu kommt eine Transsexuelle, die bisweilen durch den Film geistert. Doch ein rundes Bild dieser Thematik vermag "Swans" nicht zu entwerfen; vielmehr besteht der Film aus einigen gelungenen Einzelmomenten und vielen unnötigen Ausschweifungen, die ihre Symbolhaftigkeit nicht geerdet bekommen. Was bleibt, sind die sehenswerten Bilder von Reinhold Vorschneider.



Diese Filmkritik ist zuerst erschienen bei fluter.de.

 

Christian Horn / Wertung: * * (2 von 5)



Filmdaten

Swans - Hunger nach Leben
(Swans)

Deutschland/Portugal 2011
Regie & Drehbuch: Hugo Vieira da Silva; Co-Regie: Heidi Wilm;
Darsteller: Kai Hillebrand (Manuel), Ralph Herforth (Tarso), Maria Schuster (Petra), Vasupol Siriviriyapoon (Kim), Eva Kryll (Ärztin), Cornelius Schwalm (Heilpraktiker), Christian Schwarz (Andreas), Anne Rathsfeld (Krankenschwester), Robert Lohr (Polizist) u.a.;
Produzent: Helge Albers; Kamera: Reinhold Vorschneider; Schnitt: Andrea Wagner;

Länge: 120,43 Minuten; FSK: ab 16 Jahren; deutscher Kinostart: 14. Juli 2011



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Zitat

"Er etablierte eine Form der Filmkritik, wie es sie vorher und nachher nicht mehr gab. Merker bestand darauf, bei der Auswahl der Filme und der Ausschnitte freie Hand zu haben - was heutzutage, im Zeitalter der immer gleichen Clips, undenkbar ist. Jahrelang gaben sogar die großen Verleihe nach, weshalb Hollywood bei ihm eine ebenso große Rolle spielte wie unabhängig gedrehte, schützenswerte Werke. Helmut Merker mochte nicht einzelne Filme, sondern er liebte das Kino."

Aus dem Nachruf von Milan Pavlovic in der Süddeutschen Zeitung zum Tode des früheren WDR-Filmredakteurs, Filmpublizisten und
-kritikers Helmut Merker (18.08.1942 - 03.09.2018)

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