25.09.2018

Susos Turm

Manchmal braucht es zu einem gelungenen Kinoerlebnis nur eine Handvoll charismatischer Darsteller und eine geschmeidige Inszenierung. Das hört sich freilich leichter an, als es ist. Können sich diese Zutaten jedoch frei entfalten, darf ein Film auch mal daneben hauen und der ein oder andere Patzer ist schneller verziehen als der Zuschauer "So was aber auch!" sagen kann. Ein solcher Film ist die spanische Komödie "Susos Turm", mit der Regisseur Tom Fernández sein Kinodebüt vorlegt. Ein Feel Good-Movie mit philosophischen Untertönen und einer geschickten Balance zwischen Tragik und Komik, die das eine nie die Oberhand über das andere gewinnen lässt. Und ein großer Schauspielerfilm!

Als Cundo (Javier Cámara) nach zehn Jahren Abwesenheit in sein Heimatdorf zurückkehrt, um der Beerdigung seines Freundes Suso beizuwohnen, hat er einen ganz einfachen Plan: Mit den alten Kumpels betrinken, der verlassenen Familie vorgaukeln, dass sein neues Leben reibungslos verläuft – und ab in den nächsten Flieger. Doch "Susos Turm" wäre kein Film, würde nicht einiges schief gehen. Der letzte Wunsch des Verstorbenen ist es nämlich, dass seine ehemaligen, mittlerweile grundverschiedenen Jugendfreunde – mit Cundo sind es vier an der Zahl – einen Turm bauen, damit sie die Welt aus einer anderen Perspektive sehen. Gegen alle Widrigkeiten geht Cundo das Projekt an und am Ende ist alles anders als zuvor.

Tom Fernández inszeniert diese Turmbau-zu-Babel-Variation sehr charmant und humorvoll. Ihm gelingt kein großer Wurf, das nicht, aber sein selbst gestecktes Ziel hat er vollends erreicht – nach eigener Aussage wollte er "eine Komödie zur Unterhaltung der Kinogänger" machen: "Nicht mehr und... nicht weniger." Dass ihm das gelungen ist, liegt nicht unwesentlich am Darsteller-Ensemble, das durch die Bank überzeugen und einnehmen kann. Allein der bärtig-rundgesichtige Javier Cámara versprüht genügend Charme für drei Komödien – aber nicht nur der!

Sicher hat "Susos Turm" auch Schwächen. So fügen sich die Dinge allzu einfach zusammen und besonders gegen Ende driftet das Geschehen in süßlichen Kitsch. Und auch die Bilder, Symbole und Metaphern sind alles andere als subtil – eine Eigenschaft, die unter anderen Umständen nur schwer verziehen werden könnte. Treffend daher die Selbsteinschätzung des Regisseurs: "'Susos Turm' ist meine erste Filmregie und ich werde es damit wohl nicht zur Regielegende schaffen." Stimmt schon, aber sei's drum: Einen schönen, kurzweiligen, charismatischen Film haben Sie da gemacht, Signor Fernández!



Diese Filmkritik ist zuerst erschienen bei fluter.de.

 

Christian Horn



Filmdaten

Susos Turm
(La torre de Suso)

Spanien 2007
Regie & Drehbuch: Tom Fernández;
Darsteller: Javier Cámara (Cundo), Gonzalo de Castro (Fernando), César Vea (Mote), José Luis Alcobendas (Pablo), Malena Alterio (Marta), Emilio Gutiérrez Caba (Tino), Mariana Cordero (Mercedes), Fanny Gautier (Rosa), Alex Amaral (Miguel), Yalitza Hernández (Esmeralda), José Antonio Lobato (Fonso), Raquel Armesto (Alba) u.a.;
Produzent: Jaume Roures; Kamera: Carlos Suárez; Musik: Javier Tejedor; Schnitt: Ángel Hernández Zoido;

Länge: 93 Minuten; FSK: ab 6 Jahren; deutscher Kinostart: 17. September 2009



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Zitat

"Ich schaue nicht auf irgendeinen meiner Filme mit Vorliebe oder Stolz zurück. Ich schaue auf meine Filme allgemein zurück... Ich kann nur die Redewendung benutzen: 'Ich bin verflucht'."

("I don't look back on any film I've done with fondness or pride. I look back on my films and on the past generally ... I can only used the phrase, 'Well, I'm damned.'")

Der britische Regisseur Nicolas Roeg (15.08.1928 - 23.11.2018; "Wenn die Gondeln Trauer tragen", "Der Mann, der vom Himmel fiel")

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